Montag, 22. April 2013

Parallelwelten: Die ganz große Nummer in der Bildung und Krankenwagen, die immer öfter später kommen. Schlachthöfe bei uns und Callcenter im Kosovo dürfen auch nicht fehlen

In der Sozial- und Bildungspolitik gibt es die ganz großen Debatten und die vielen kleinen Puzzlestücke eines beschwerlichen Alltags. Fangen wir der Ordnung halber mit dem ganz großen Rad an, das mal wieder jemand drehen will - und dann auch noch in der Schule. Also ein aussichtsloses Unterfangen. Zu Wort gemeldet hat sich der medienpräsente Philosoph Richard David Precht. Er formuliert nicht mehr, aber auch nicht darunter zehn Prinzipien für eine Bildungsreform, damit Schule mehr kann. Schaut man sich die zehn Prinzipien an, dann wird man eine schöne Zusammenstellung der wichtigsten reformpädagogischen Prinzipien finden, die seit langem diskutiert und partiell auch erprobt werden. Die Aufmerksamkeit des geneigten Publikums wird Precht gewiss sein, genau so wie den Ausführungen eines ganz anderen Wissenschaftlers, der ebenfalls auf der Klaviatur des großen Ganzen zu spielen versucht: John Hattie, Neuseeländer, Bildungsforscher, Professor an der University of Melbourne. Der hat sein Buch, dessen Aussagen jetzt mit voller Wucht auch bei uns anlanden, bereits 2008 herausgegeben: Visible Learning. Mehr als 800 Metaanalysen hat er ausgewertet mit Blick auf die eben nur scheinbar triviale Frage: Was ist guter Unterricht? Erstellt wurde eine Megaanalyse, in die mehr als 50.000 Einzeluntersuchungen mit 250 Millionen beteiligten Schülern eingeflossen sind. Am Ende kam eine Art Bestenliste der wirkungsvollsten pädagogischen Programme heraus. Martin Spiewak hat in seinem Artikel das wichtigste Ergebnis mit Blick auf die Ausgangsfrage so zusammengefasst: "Entscheidend ist: Der Lehrer, die Lehrerin". Das haben wir schon immer befürchtet, wird der eine oder die andere jetzt einwerfen und nicht unrecht haben. Vor allem, wenn man an die logischen Konsequenzen denkt, die sich aus diesem Befund - eigentlich - ergeben müssten.

Dann aber lieber schnell in die Tiefen und Untiefen der Praxis vor Ort. Da sieht es wieder einmal schlecht aus. Nehmen wir z.B. so eine an sich existenzielle Tatsache, dass wir auf einen Rettungsdienst angewiesen sind. Da sieht es aber nicht immer beruhigend aus vor Ort. Nehmen wir als Beispiel Berlin, bekanntlich arm, aber sexy, was dem einzelnen aber nicht wirklich hilft. "Krankenwagen kommen immer später", so die trockene Überschrift eines Artikels im "Tagesspiegel": Weil Betten auf Intensivstationen fehlen und Notaufnahmen unterbesetzt sind, irren Krankenwagen durch die Stadt. Die Feuerwehr kritisiert das Gesundheitssystem, fährt aber selbst längst auf Reserve. »Der Feuerwehrchef hält 264 Neueinstellungen, 35 zusätzliche Rettungswagen und neue Wachen für erforderlich, damit die Notfallrettung nicht zusammenbricht.« Das kostet schon wieder Geld. Und eine gewichtige Schuld an der Situation tragen die Krankenhäuser in der Stadt: Von „fehlenden Intensivbetten, überlasteten und personell mangelhaft ausgestatteten Notaufnahmen“ ist im Jahresbericht der Feuerwehr die Rede. Was dann wieder auch mit der Fallpauschalenfinanzierung der Kliniken zu tun hat. Die Dinge hängen eben zusammen.

Bleiben wir noch einen Moment a) in Berlin und b) bei existenziellen Angelegenheiten. Zu letzteren gehört sicher das Wohnen. Und Berlin - einer Stadt, in der sich alle sozialen Probleme ballen und zuweilen auch in überdimensionierter Form - wurde kürzlich Zeuge einer tragischen Geschichte, die aber im Kontext einer allgemein an Bedeutung gewinnenden Problematik steht: Zwangsräumungen. Eine Rentnerin stirbt, zwei Tage nachdem sie aus ihrer Wohnung vertrieben wurde, berichtet die "taz". Die 67-jährige Rosemarie F. starb in einer Obdachlosenunerkunft. Ein tragischer Einzelfall, so die Wahrnehmung vieler. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen: Rund 5.000 Zwangsräumungen gibt es pro Jahr in Berlin. Der Trend geht zur Zwangsräumung konstatiert gar ein Artikel in der "taz". Diese Aussage stammt vom Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, der aber nur auf Schätzungen verweisen kann, denn eine bundesweite statistische Erhebung fehlt. Zu diesem ganzen Themenkomplex hier ein Leseempfehlung: "Ein Leben auf den Straßen von Berlin" am Beispiel einer Frau: Sie war fast unsichtbar, das war ihr Schutz und ihr Verhängnis. Frau Christiansen hat jahrelang ohne Obdach gelebt – und ohne Hilfe. „Man verstummt“, sagt sie.


Menschen, die ihre Wohnung verlieren, sind sicher ganz unten angekommen. Ebenfalls ganz unten sind die modernen Arbeitssklaven, die beispielsweise in den deutschen Schlachthöfen die Drecksarbeit machen - auch damit wir möglichst billiges Fleisch einkaufen können. Sie sozialpolitische Schweinerei an der ganzen Sache: »Schlachten in Deutschland ist so billig wie nirgendwo sonst in Europa. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Beispiel zahlen viele Betriebe Dumpinglöhne und werden dafür vom Staat belohnt«, müssen wir in dem Artikel "Die Tricks der Schlachthöfe" von Katja Tichomirowa lesen, der in der "Frankfurter Rundschau" erschienen ist. Aus diesem Beitrag nur ein Absatz, der schon alles klar macht:
»Ein Euro und drei Cent – für diese Summe kann selbstverständlich kein Mensch ein Schwein kaufen, aber schlachten kann man es für dieses Geld. 1,03 Euro sind der Lohn, den ein rumänischer Werkvertragsarbeiter für diese Arbeit erhält. So geschehen im niederländischen Lebensmittelkonzern Vion in Emstek, im Landkreis Cloppenburg in Niedersachsen. Die Stammbelegschaft, der Vion immerhin 2,50 Euro pro Schwein zahlte, war dem Unternehmen zu teuer geworden. Seit Februar beschäftigt der Schlachthof deshalb Werkvertragsarbeiter, die ihren Lohn von einem rumänischen Subunternehmer erhalten. Der zahlt weniger als fünf Euro die Stunde. Der branchenübliche Tariflohn liegt zwischen zehn und 15 Euro.«
Vor diesem Hintergrund überrascht dann der folgende Bericht über das Wildwest für Osteuropäer hier in Deutschland nicht mehr wirklich: "Seit Wochen ohne Lohn: Neuer Skandal um Ausbeutung von Gastarbeitern im Saarland", worüber die "Saarbrücker Zeitung" berichtet hat: »Etwa 30 Gastarbeiter, die für einen Personaldienstleister beim Wursthersteller Höll in Saarbrücken arbeiteten, warten seit Wochen auf ihren Lohn. Höll hat gestern spontan Lebensmittel und Getränke in die Unterkünfte geliefert.« Leiharbeit, Werkverträge, Subunternehmen in Osteuropa - das ganze Waffenarsenal des Arbeitsmarktes in den unteren Etagen kann man hier wieder finden.

Aber man muss das nicht immer hier vor Ort machen, das mit der Ausbeutung, man kann die Leute auch in Osteuropa direkt in die Mangel nehmen. Der Beitrag "Bei Anruf Schmidt" macht das deutlich: »Ein junger Kosovare arbeitet als Agent im Callcenter. Weil er gut Deutsch spricht. Und weil er dort besser verdient als ein Lehrer oder Polizist. 200 Anrufe am Tag tätigt er. Im Auftrag dubioser Unternehmen.« Der Kosovare war vorher wie viele andere als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen und mittlerweile wieder zurückgeschickt worden. Da haben sich die Asylbewerberleistungen doch wirtschaftlich gesehen im Grunde amortisiert, wenn man das etwas zynisch kommentieren wollte. Aber der Artikel beleuchtet, dass man das Thema differenzierter behandeln sollte.

Keine Kommentare: