Mittwoch, 17. Mai 2017

Mach mir die eine große Zahl. 300.000 Kita-Plätze fehlen - wirklich? Eine Wiederauflage des gleichen Spiels

Vor wenigen Tagen machte diese Meldung die Runde: »In Leipzig hat es am Morgen einen Ansturm auf eine künftige Kindertagesstätte gegeben. Wie die Polizei ... mitteilte, versammelten sind rund 200 Eltern vor dem Gebäude in der Südvorstadt. Sie wurden aufgefordert, nicht auf der Straße, sondern auf dem Gehweg anzustehen. Augenzeugen berichteten von einer 150 Meter langen Schlange und rund 450 Menschen. Die Einrichtung "Tillj" für 165 Kinder (45 Krippenkinder, 120 Kindergartenkinder) soll im August öffnen und wird von den Johannitern betrieben. Diese hatten für heute einen öffentlichen Termin angekündigt, bei dem Eltern ihren Nachwuchs in der Einrichtung anmelden können.« Was als besonders krasser Fall in dem Artikel Schlange stehen für Kita-Platz in Leipzig berichtet wird, passt durchaus in die Erfahrungswelt vieler Eltern, die trotz eines seit dem 1. August 2013 vorhandenen Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr erhebliche Probleme haben, überhaupt einen Platz zu bekommen.

Vor diesem Hintergrund scheint dann auch die Mitteilung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu passen, dass derzeit fast 300.000 Kita-Plätze in Deutschland fehlen (sollen). Genauer: »So fehlen in den alten Bundesländern 262.436 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren, in Ostdeutschland müsste es 31.050 Plätze mehr geben«, kann man diesem Artikel entnehmen: Wo in Deutschland die meisten Kita-Plätze fehlen. Die Botschaft hat sich wie eine Riesenwelle durch die Medienlandschaft gefressen und alle berichten darüber.

In Deutschland fehlen fast 300.000 Kitaplätze, berichtet dementsprechend Zeit Online, das Pendant Spiegel Online 300.000 Kleinkinder finden keinen Kita-Platz. Man könnte jetzt mit zahlreichen anderen Verlinkungen auf die aktuelle Berichterstattung fortfahren, aber das wäre nur redundant und ermüdend. Natürlich ist man vor diesem Hintergrund als seriöser Wissenschaftler bemüht, der sich wie ein Lauffeuer ausbreitenden einen Zahl von fast 300.000 auf den Grund zu gehen, also die Quelle in Augenschein zu nehmen. Geht man folgerichtig auf die Seite des Urhebers, also des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dann erlebt man die erste Überraschung: Keine Pressemitteilung dazu, keine "Studie", in die man schauen kann - nur der Hinweis auf eine "interaktive Grafik": In Deutschland fehlen 300.000 Kita-Plätze, so ist die betitelt. Wenn man die anklickt, dann liest man über der Deutschlandkarte mit den Bundesländern: "Anteil der Kinder unter 3 Jahren in Prozent, die keinen Betreuungsplatz haben, obwohl die Eltern einen wünschen".
Klickt man dann beispielsweise das Bundesland Rheinland-Pfalz an, werden einem die folgenden Informationen angezeigt: »16,0 Prozent aller Kinder unter drei Jahren hatten keinen Betreuungsplatz, obwohl sich die Eltern einen wünschen. Das entspricht 16.704 Kindern. Derzeit befinden sich in Rheinland-Pfalz 29,9 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Betreuung. Bedarf besteht aber für 45,9 Prozent.«
Das ist interessant - die Lücke ergibt sich also aus der Gegenüberstellung der Ist-Quote mit dem (angeblichen) Bedarf, der genau auf 45,9 Prozent quantifiziert wird. Und wie kommt man auf diese Zahl? Der Abbildung ist eine Fußnote zu entnehmen, die wohl sowas wie ein Quellenhinweis sein soll: "Ursprungsdaten: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Statisches Bundesamt". Das ist nun das Gegenteil von präzise und korrekt. Auch nur in die Nähe des ordentlichen Arbeitens mit Quellen kommt das IW so nicht:
  • Der Insider weiß natürlich, dass das Statistische Bundesamt regelmäßig die Betreuungsquoten der Vergangenheit ausweist bis auf die Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte. Vgl. dazu die im Dezember 2016 veröffentlichte Publikation Kindertagesbetreuung regional 2016. Ein Vergleich aller 402 Kreise in Deutschland, herausgegeben von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder. Die dort ausgewiesenen Daten - u.a. findet man da die vom IW auch verwendeten 29,9 Prozent Betreuungsquote der unter dreijährigen Kinder für das Bundesland Rheinland-Pfalz (S. 8) - beziehen sich auf eine Ist-Erhebung zum 1. März 2016. Das sind die aktuellsten Daten, die verfügbar sind.
  • Und der Hinweis des IW auf das "Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend" als weitere Datenquelle muss sich folgerichtig auf die nun wirklich wichtige Zahl des Betreuungsbedarfs beziehen, also wie viele Eltern (angeblich) einen Betreuungsplatz suchen und haben möchten, im Fall von Rheinland-Pfalz wurde dieser Wert ja mit 45,9 Prozent angegeben, was eine erhebliche Differenz zu den 29,9 Prozent anzeigt. Aber nur auf das Ministerium zu verweisen ist nun mehr als dünn. Welche Quelle genau? Wo findet man die Zahlen dort, damit man nachprüfen kann, auf welcher methodischen Basis sie ermittelt worden ist. Befragungen? Schätzungen? Auch hier weiß der Insider einiges mehr, er kennt die Bedarfserhebungen des Deutschen Jugendinstituts, denen man sich auch im Ministerium bedient. Hat man etwa auf Umfragedaten zu den Betreuungsbedarfen zurückgegriffen, die vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in der Vergangenheit veröffentlicht worden sind - wohlgemerkt, Befragungsergebnisse auf Stichprobenbasis? Sollte das sein - was vermutlich so ist, dem Material aber wie gesagt nicht belegbar entnommen werden kann -, dann wäre zu berücksichtigen, dass es sich um Umfrageergebnisse handelt, die gerade in dem hier relevanten Feld der Bedarfe an Kindertagesbetreuung mit Vorsicht zu genießen sind, denn erfahrungsgemäß unterscheiden sich schon die Werte, wenn nicht nur ein allgemeiner Bedarf abgefragt wird, sondern die Befragten auch mit dem Preis konfrontiert werden, der in vielen Bundesländern aus teilweise ganz erheblichen Elternbeiträgen besteht.
Die letzten Hinweise werden den einen oder anderen treuen Leser dieses Blogs daran erinnern - war da nicht schon mal so was? Genau, die letzte Äußerung hier im Jahr 2016 war der Beitrag Bundesweit fehlen 228.000 Kita-Plätze für Kleinkinder. Wirklich? vom 31.12.2016. Erst vor wenigen Monaten hatte das IW den gleichen - was die mediale Resonanz angeht - erfolgreichen Coup gelandet, damals waren es erst 228.000 Plätze, die angeblich gefehlt haben, nun also sollen es 300.000 sein. Offensichtlich ein bewegliches Ziel.

Und in dem Beitrag vom 31.12.2016 wurde ebenfalls schon auf die zahlreichen methodischen Schwachstellen der IW-Zahlen hingewiesen, die auch in diesem Beitrag erneut wieder aufgerufen werden müssen. In dem Blog-Beitrag von Ende Dezember 2016 findet man auch diesen Hinweis, der so wieder abgedruckt werden kann, man müsste nur die niedrigere durch die jetzt höhere Zahl ersetzen:
»Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht nicht darum, die Zahl von 228.000 (angeblich) fehlenden Kita-Plätzen nach unten zu rechnen, es gibt durchaus Hinweise (und die schon seit langem), dass die Zahl noch weitaus größer sein könnte. Aber wir können das derzeit nicht quantifizieren und die Veröffentlichung der "Studie" des IW, die ja auch - weil sie mit der einen Zahl bzw. - wie praktisch für regionale Berichterstattung - mit der einen Zahl für jedes Bundesland operiert - von den Medien so gerne aufgegriffen wurde, suggeriert ein Wissen, das derzeit schlichtweg nicht existiert.«
Hinzu kommt, dass die eine große Zahl (für die Bundesebene bzw. für jedes Bundesland) eine Genauigkeit suggeriert, die so gar nicht vorhanden sein kann - unabhängig von der schwierigen Abschätzung des tatsächlichen Elternbedarfs haben wir es im Feld der Kindertagesbetreuung mit regional und sogar lokal höchst unterschiedlichen Bedarfen zu tun mit teilweise erheblichen Streuungen, so dass ein Durchschnittswert zuweilen mehr verdeckt als an Orientierung ermöglicht.

»Bundesweit fehlen Kita-Plätze für unter Dreijährige - 300.000 hieß es zuletzt. Wie viel genau, weiß keiner. Das liegt laut Christiane Meiner-Teubner auch an schwer ergründbaren Elternwünschen«, kann man dem Interview mit Meiner-Teubner, die seit vier Jahren am Deutschen Jugendinstitut und an der Technischen Universität Dortmund zur Kindertagesbetreuung forscht, entnehmen, das unter der Überschrift "Es gibt mehr Plätze - aber auch mehr Kinder" veröffentlicht wurde. Und sie bestätigt die Vermutung hinsichtlich der Quellenlage:
»Das IW bezieht sich auf eine Umfrage unseres Instituts, für die das DJI Eltern befragt hat, ob sie sich einen Kita-Platz für ihr Kind wünschen. Daraus geht aber nicht hervor, wie viele Eltern einen Platz abgelehnt haben, zum Beispiel weil die Öffnungszeiten nicht passten oder weil ihnen das Konzept nicht gefiel. Manche suchen vielleicht auch nur eine Betreuung für zwei bis drei Stunden - und ihre Kinder kommen in einer Krabbelgruppe oder bei der Oma unter. Solche Angebote erfasst die amtliche Statistik aber nicht. Einige Eltern gehen zunächst auch leer aus, bekommen dann aber einige Monate später doch noch einen Platz. Wie viele Plätze genau fehlen, ist schwer zu sagen.«
Man kann und muss deutlich beklagen, dass sowohl die Bundes- wie auch die Bundesländerebene in den vergangenen Jahren beim Aufbau einer elaborierten Bedarfsforschung versagt haben - und das gilt nicht nur für die eben nicht triviale Frage nach dem Platzbedarf, sondern beispielsweise auch für die Frage, wie viel Personal brauchen wir denn in der Kindertagesbetreuung (und auch diese Abschätzung ist nicht trivial, denn man müsste dabei auch berücksichtigen, unter welchen Personalschlüsseln sollen die Fachkräfte arbeiten).
Mit einer Zahl an "fehlenden Kita-Plätzen" zu operieren mag zwar medientauglich sein, ist aber schlichtweg nicht wirklich seriös und führt gleichzeitig - ob bewusst oder unbewusst - auf ein gefährliches Gleis: Wieder einmal nur über Quantitäten zu diskutieren und dabei erneut die Frage nach den Qualitäten auszublenden bzw. zu verdrängen. Und da liegen die eigentlichen Probleme, vgl. nur als ein Beispiel dazu den Artikel Wie Deutschland sein Kita-Versprechen bricht von Céline Lauer und Marc Neller.

Erneut kann man sich nur wünschen, dass die Medien etwas verantwortungsvoller umgehen mit sogenannten "Studien" und nicht alles nachplappern, was man ihnen vor die Füße wirft.