Freitag, 28. Oktober 2016

Ran an die mit Steuermitteln gefüllten Futtertröge oder: Wir machen auch Flüchtlinge ... Die Unternehmensberaterrepublik und ein sich verselbständigendes Staatsversagen

McKinsey kommt. Allein das genügt, um bei vielen Menschen ganz bestimmte Assoziationen auszulösen, beispielsweise die von smarten Unternehmensberatern, die durch Werkhallen und Büros ziehen und eine Schneise der Entlassungen hinterlassen. Der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth hatte sein Theaterstück, dass 2004 uraufgeführt wurde, so betitelt, obgleich die Unternehmensberatung selbst gar nicht in dem Stück auftaucht, in dem es um Massenentlassungen im Zuge von Fusionen geht, die in einer eigentlich florierenden Wirtschaftslage zum Zweck der Gewinnsteigerung durchgeführt werden. Allein der Name reicht. In der "normalen" Wirtschaft erfüllen McKinsey & Co. seit langem ihre Aufgabe, den Auftraggebern die Ideen und die Legitimationsfolien für "Umstrukturierungen" zu liefern, mit für viele Arbeitnehmer oftmals sehr bitteren Folgen. Aber das bleibt nicht begrenzt auf die Welt der Profit-Wirtschaft. Die Meckies dringen seit Jahren - protegiert von höchsten politischen Stellen - auch zunehmend in Kernbereiche der Staatswesens ein. Mit dem gleichen Geschäftsmodell, mit dem sie in der "normalen" Wirtschaft ihre krakenhafte Erfolgsgeschichte haben schreiben können.

Diese Erfolgsgeschichte ist hinlänglich beschrieben worden - und man muss fast schon ehrfurchtsvoll zur Kenntnis nehmen, dass es der Beraterindustrie gelungen ist, eine Art Perpetuum mobile der (Folge-)Auftrags- und damit Geldbeschaffung in die Welt zu setzen. Michael Freitag und Dietmar Student hatten bereits 2012 in ihrem Artikel McKinsey ist überall ausgeführt. Die McKinsey-Berater beraten und dringen dann ein in die Unternehmen, oftmals über die Schiene Vorstandsassistenz. Wenn die dann weiter aufsteigen, sitzen sie später an Positionen, von denen aus sie selbst wieder Aufträge vergeben können - und an wen? Keine Frage, ein sich selbst erhaltendes und expandierendes Geschäftsmodell.

Mit dem gleichen Geschäftsmodell, mit dem sie in der "normalen" Wirtschaft ihre krakenhafte Erfolgsgeschichte haben schreiben können, wird seit Jahren versucht, zunehmend auch in Kernbereiche der Staatswesens einzudringen und in den öffentlichen Institutionen die dann Ex-Berater unterzubringen. Eine zentrale Türöffnerfunktion für diese hoch problematische Entwicklung hatte und hat der Noch-BA- und Noch-BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise, der sich selbst mit einer Prätorianergarde aus Unternehmensberater umgeben hat und einige von ihnen in der BA wie nun auch im BAMF auf Führungspositionen hat platzieren können. Wir haben es - nun ja - mit einem ganz eigenen "Marsch durch die Institutionen" zu tun.

Die »Unternehmensberater sind längst ins Herz der Republik vorgestoßen. Viele prägende Reformen der vergangenen Jahre wurden von ihnen begleitet und zum Teil auch geprägt: von den Hartz-Reformen über den Wandel der Bundeswehr zur Berufsarmee bis hin zur Modernisierung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF). Hinzu kommen Beratungsleistungen auf Länder- und Kommunalebene, für öffentliche Unternehmen sowie für Politiker und Verbände«, so Sebastian Huld in seinem Artikel Wie Unternehmensberater am Staat verdienen. Auch hier wäre der Name Frank-Jürgen Weise mit mehreren Ausrufezeichen zu nennen, nicht nur hinsichtlich der BA und nunmehr des BAMF, sondern auch den Umbau der Bundeswehr weg von der Wehrpflicht hin zu einer Berufsarmee hat er 2010 als Vorsitzender einer vom damaligen Bundesverteidigungsminister  Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eingesetzten Reformkommission en passant erledigt. Eben nicht zufälligerweise hat er dabei die Truppe als attraktive Weidefläche für die Unternehmensberater erschließen können, die sich nunmehr entsprechend bedienen.

Und wenig überraschend - schaut man in den im Oktober 2010 vorgelegten Bericht der Strukturkommission der Bundeswehr (unter dem bezeichnenden Titel "Vom Einsatz her denken. Konzentration, Flexibilität, Effizienz"), dann kann man sehen, dass sich unter den insgesamt sechs Mitgliedern der Kommission auch Jürgen Kluge befand - von 1999 bis 2006 Leiter des deutschen Büros McKinsey & Company. Wie praktisch.

Wenn gewählte Machtmenschen in Ministerien und Behörden auf verbeamtete Machtmenschen treffen, dann ist es für die Politiker durchaus attraktiv, sich der Hilfe von Unternehmensberatern zu bedienen. Um beim Bundesverteidigungsministerin zu bleiben - Sebastian Huld illustriert das am Beispiel von Ursula von der Leyen, die ja vorher als Bundesarbeitsministerin Erfahrungen mit Herrn Weise und seinem aus Sicht vieler Politiker "erfolgreichen" Umbau der Bundesagentur für Arbeit und dem dort gängigen Einsatz von Beratern gemacht hatte:
»Beispielhaft war dies bei Ursula von der Leyen zu beobachten: Die CDU-Ministerin holte nach ihrem Wechsel in den Bendlerblock McKinsey ins Verteidigungsministerium. Die McKinsey-Leiterin für den Öffentlichen Sektor, Katrin Suder, wurde sogar Staatssekretärin. Die chronisch chaotischen Rüstungsvorhaben des Ministeriums nahmen die Wirtschaftsprüfer von KPMG unter die Lupe.«
Das hat handfeste Folgen. Der Staat holt immer mehr Berater, so Till Neuscheler in der FAZ: »Viele Behörden lassen sich von McKinsey & Co. beraten. Jetzt steht im Verteidigungsministerium die Vergabe eines 200-Millionen-Auftrags an. Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder arbeitete früher selbst bei McKinsey. Ein Vorteil?«
Das Ministerium unter Leitung Ursula von der Leyens sucht Management-Hilfe bei großen Rüstungsprojekten. Für vier Jahre sind insgesamt 208 Millionen Euro für Beratungsdienste eingeplant.

 Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich der Umsatz der Unternehmensberater mit der öffentlichen Hand von 1,28 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf 2,48 Milliarden im Jahr 2015 fast verdoppelt. Das muss natürlich vor dem Hintergrund des Gesamtumsatzes der Branche gesehen werden, die ihr Hauptgeschäft weiterhin mit der "normalen" Wirtschaft macht. Dazu Sebastian Huld in seinem Artikel Wie Unternehmensberater am Staat verdienen:
»Als die Beratungsfirma McKinsey im Jahr 2003 half, die Bundesanstalt für Arbeit zur Bundesagentur zu reformieren, lag der Umsatz der gesamten Branche in Deutschland bei 12,2 Milliarden Euro. Seitdem steigerte sich der Umsatz laut Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) auf rund 27 Milliarden Euro im Jahr 2015. Zehn Prozent des Branchenumsatzes werden im öffentlichen Sektor erwirtschaftet.«
Wenn die USA der Benchmark wären, dann ist da noch Luft nach oben: Dort erwirtschaften die Unternehmensberater rund 30 Prozent ihrer Umsätze im öffentlichen Sektor.

Nun wird man an dieser Stelle anmerken müssen, dass das alles wahrlich keine neue Entwicklung ist, die da irgendwie und plötzlich vom Himmel gefallen ist. Bereits im Jahr 2004 veröffentlichten Jochen Bittner und Elisabeth Niejahr diesen Artikel: Die Berater-Republik: »In der Politik geht nichts mehr ohne Beistand von außen. Wer Reformen will, ruft nach Berger, McKinsey und Co. Häufig wird schlechter Rat teuer bezahlt.«

Wohl wahr, denn darum sollte es im Kern gehen - um die Frage, ob hier wirkliche Expertise eingekauft wird, die beispielsweise helfen kann, die bei aller Kritik auch vorhandene positive Seite von Ökonomisierung, also das Identifizieren und Abstellen unwirtschaftlichen Handelns, um mehr Mittel für die wirkliche Aufgabe freizuschaufeln, als Ziel hat. Oder ob es darum geht, mit Hilfe von richtig teuren Beratern, die aber vom Gegenstand und der Geschichte dessen, worum es bei staatlichen Aufgaben oftmals geht, null Ahnung haben und lediglich dazu dienen, geplante oder notwendige Einsparungen zu legitimieren bzw. an Vorschläge zu kommen, wie man das hinbekommt, was einem die eigenen Leute nicht vorschlagen würden. Dazu ein Zitat aus dem Artikel von Bittner und Niejahr aus dem Jahr 2004:
»Im Mai 2002 quartiert sich ein Team der Unternehmensberatung Roland Berger in Hannover ein. Die sieben Damen und Herren sind recht jung, einige kommen frisch von der Uni. Innerhalb von acht Wochen sollen sie schaffen, was die niedersächsische Landesregierung ihren eigenen Beamten offenbar seit Jahren nicht zutraut: die Staatskasse in Ordnung zu bringen. Der seit zwei Jahren amtierende Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) will Reformen; notfalls muss sich auch die eigene Beamtenschaft Einschnitte gefallen lassen. Die Ministerien selbst, denkt Gabriel, werden dazu kaum eigene Vorschläge machen. "Mit Gänsen", sagt er, "können Sie schlecht über Weihnachten reden."«
So richtig problematisch wird das alles, wenn es bei den staatlichen Aufgaben um Inhalte aus den sozialpolitischen Kernbereichen geht. Das konnte und musste man schon beobachten bei dem völlig von jeder sozialstaatlichen Fundierung freien Zugriff der angeheuerten Unternehmensberater von Roland Berger, McKinsey & Co. auf den "Reformprozess" der Bundesanstalt für Arbeit zur Bundesagentur für Arbeit zur Kenntnis nehmen - und das setzt sich jetzt fort bei dem seit einiger Zeit so drängenden Thema der Flüchtlinge.

Dazu hatte ich bereits am 17. Februar 2016 diesen kritischen Beitrag verfasst: McKinsey kommt. Und soll jetzt die Flüchtlingsintegration in Berlin erledigen, weil die Verwaltung die "komplexe Aufgabe" nicht bewältigen könne. Darin wurde beschrieben, wie strategisch beispielsweise McKinsey vorgegangen ist, um das neue "Geschäftsfeld" für sich zu öffnen:
Am Anfang wird eine "Vorschaltphase" gesetzt, die man betriebswirtschaftlich als Vorab-Investition zur Markterschließung verstehen kann.
»Die Meckies haben in dem Moment, als alle Systeme überlastet waren (und sind) angesichts der schieren Menge an Menschen, die in kürzester Zeit hier als Flüchtlinge aufgelaufen sind, ihre Beratungsdienste "pro bono" zur Verfügung gestellt, darunter versteht man ja üblicherweise freiwillig geleistete, professionelle Arbeit ohne oder mit stark reduzierter Bezahlung für das Gemeinwohl. Und das hört und liest sich ja erst einmal positiv. Aber das hat natürlich nur eine zweifache Funktion: Zum einen sammelt McKinsey auf diesem Weg wertvolle Erfahrungen und Daten aus einem Bereich, der ihnen ja nun wirklich nicht bekannt ist, denn das die als Experten für Flüchtlinge gelten, kann man nicht ernsthaft behaupten. Mit den vorzufinanzierenden Projekten erwirbt die Firma zugleich Referenzprojekte, die in späteren Phasen, beispielsweise bei Ausschreibungen, ein echtes Pfund darstellen. Zum anderen hat man natürlich einen Imagegewinn durch solche scheinbaren "pro bono"-Aktionen. Scheinbar deshalb, weil es natürlich darum geht, sich die investierte Summe in mehrfacher Höhe später durch echte Aufträge wieder zurückzuholen.«
Und genau an dem letzten Punkt sind wir jetzt angekommen. McKinsey erhielt mehr als 20 Millionen Euro vom Bund, berichtet der SPIEGEL. Was soll man sagen - das Modell hat funktioniert: »Zu Beginn der Flüchtlingskrise schenkte McKinsey dem Staat ... mehr als eine Million Euro. Inzwischen verdienen die Berater prächtig - und die nächsten Aufträge des Bundes warten schon.«  Und weiter:
»Seit Herbst 2015 bekamen die Berater vom Bund Aufträge in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat McKinsey seitdem 15,5 Millionen kassiert, um die Behörde zu beraten. Hinzu kommen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) 4,96 Millionen Euro für die Unterstützung eines gemeinsamen Arbeitsstabs von Bamf und BA.«
In dem Beitrag wurde aber auch schon ausführlich - gerade am Beispiel der angeblichen "Expertise" der Meckies bei Asylfragen durch eine Beratung in Schweden - aufgezeigt, dass die nur mit "heißer Nadel" stricken und sich die Erfolglosigkeit erst dann zeigt, wenn die längst über alle Berge sind. So wird das auch in der "Flüchtlingshilfe" hier in Deutschland ablaufen.

Es geht hier um ein sozialpolitisches Handlungsfeld, dass von existenzieller Bedeutung ist für die Menschen, die sich dort befinden. Der eigentliche Punkt ist nicht die Tatsache, externen Sachverstand zu beteiligen, neue Ideen auch von außen zu holen - aber dann muss es sich auch um Sachverstand handeln, um echte Expertise, die man in der Sozialpolitik nur dann haben kann, wenn man sich seit vielen Jahren mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hat. Das können noch so smarte Berater, die meistens gerade von der Hochschule kommen und zu Tagessätzen von 2.000 Euro + x in dem Feld herumwirbeln, niemals leisten.

Darüber hinaus hat die hier beschriebene Beraterisierung in den öffentlichen Institutionen möglicherweise verheerende Langzeitfolgen: Je mehr die Politiker die Berater von außen "gegen" die eigenen Mitarbeiter einsetzen und das für normal halten und das koppeln mit einer "Personalanpassung" in den Behörden, die ja "entlastet" werden durch den Einkauf des Wissens von außen, desto stärker wird der Prozess der inhaltlichen Entleerung auf der Ebene der Ministerien, die immer weniger in der Lage sein werden, die ihnen eigentlich zufallende inhaltliche Arbeit leisten zu können. Spätestens wenn dieses Stadium erreicht sein wird, dann werden die Unternehmensberater triumphieren, vor allem, wenn es ihnen gelingt, ihre eigenen Leute wie in den normalen Unternehmen auch in den Schaltzentralen der Institutionen zu verankern. Denn dann hat man den Staat mit seinen Institutionen zur überaus ergiebigen Weidefläche transformiert, dann kann man das abgrasen.

Insofern ist es nicht verfehlt, in der Gesamtschau von einem bereits in Gang gesetzten Staatsversagen zu sprechen, für das noch eine bittere Rechnung zu zahlen sein wird. Wie tief der Staat bzw. genauer: die politischen Verantwortlichen offensichtlich bereit sind zu sinken, kann man auch daran erkennen, dass nicht einmal das Geheimste des Staates an sich, also der Nachrichtendienst, von der Beraterwelle verschont bleibt:  Den Ritterschlag hat die deutsche Beratungsfirma Roland Berger erhalten: Sie soll helfen, den Bundesnachrichtendienst (BND) zu modernisieren - und den Laden für seine Chefs beherrschbar machen. Da tun sich ganz neue Einsichten und Perspektiven auf, die Gold wert sind. Für die Berater.

1 Kommentar:

Stefan Sell hat gesagt…

Das im Blog-Beitrag angesprochene Thema ist nun auch vom Bundesrechnungshof aufgegriffen worden, berichtet Spiegel Online in diesem Artikel: Rechnungshof kritisiert Regierung für teure Beraterverträge:
Der Bundesrechnungshof »hat der Bundesregierung vorgeworfen, zu häufig Beratungsunternehmen zu beauftragen. Zudem würde dann immer mit denselben Firmen gearbeitet, hieß es in einem Bericht der Bundesbehörde.«

»In dem Ausmaß, in dem die Bundesverwaltung Externe in ihre klassischen Führungsaufgaben einbinde, bestehe eine nicht unerhebliche Gefahr, dass sich die Gestaltungskompetenz des verwaltungseigenen Personals zu sehr auf externe Berater verlagere, bemängeln die Rechnungsprüfer.

Zwei Drittel aller Ausgaben für externe Beratungsleistungen in der Bundesverwaltung würden sich nur auf sechs Auftragnehmer verteilen. Das Risiko der Fremdsteuerung sei aber besonders hoch, "wenn einzelne Beratungsunternehmen ressortübergreifend immer wieder und gleichzeitig von Dienststellen des Bundes beauftragt werden", hieß es weiter.«