Montag, 17. Oktober 2016

Es geht aufwärts!? "Die" Geburtenrate, ihr Anstieg, ihre Instrumentalisierung und ein relativierender Blick auf die Zahlen

Die Medien überschlagen sich wieder einmal in der Berichterstattung. Die FAZ meldet wie wie viele andere auch Mehr Kinder in Deutschland: Höchste Geburtenziffer seit 1982. Irgendwie erinnern einen diese Schlagzeilen an das vergangene Jahr. Am 16.12.2015 konnte man bei Spiegel Online lesen: Geburtenrate erreicht Höchststand seit 1990. » Jede Frau im gebärfähigen Alter wird laut den Zahlen aus dem Jahr 2014 statistisch gesehen Mutter von 1,47 Kindern. Damit stieg die Geburtenrate zum dritten Mal in Folge«, konnte man damals schon erfahren. Und als ein Erklärungsansatz wurde uns im vergangenen Jahr das hier präsentiert: »Die Statistiker sehen einen gesellschaftlichen Grund für den aktuellen Anstieg: Frauen im Alter zwischen 29 und 36 Jahren verwirklichen demnach momentan ihre aufgeschobenen Kinderwünsche.«

Und nun legt das Statistische Bundesamt nach und hat diese Mitteilung veröffentlicht, die von den Medien angesichts der in ihr enthaltenen frohen Botschaft gerne aufgenommen und verbreitet wurde: Geburtenziffer 2015: Erstmals seit 33 Jahren bei 1,50 Kindern je Frau: » Die zusammengefasste Geburtenziffer erreichte 2015 in Deutschland 1,50 Kinder je Frau. Ein ähnlich hoher Wert wurde ... zuletzt 1982 ... mit 1,51 Kindern je Frau nachgewiesen ... Die seit 2012 beobachtete positive Entwicklung setzte sich damit fort.«

Aber es geht noch weiter und differenzierter in der Mitteilung des Bundesstatistiker, denn es gibt ja solche und andere Mütter:
»Der Zuwachs ist 2015 allerdings nur halb so stark ausgefallen wie im Jahr 2014 ... Vor allem bei den Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit nahm die Geburtenziffer nur geringfügig von 1,42 Kindern je Frau im Jahr 2014 auf 1,43 Kinder je Frau im Jahr 2015 zu. Bei den Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit stieg sie dagegen deutlich von 1,86 auf 1,95 Kinder je Frau und trug damit zum Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer aller Frauen wesentlich bei.«
Und schon sind wir mittendrin in der Interpretation, sehr schnell aber auch der Instrumentalisierung der Zahlen. Nicht wirklich überraschend ist die fast schon reflexhafte Inbesitznahme der frohen Botschaft durch die Politik. Sofort hat sich die Bundesfamilienministerin zu Wort gemeldet und sie wird so zitiert:
"Es ist ein schönes Signal, dass immer mehr Kinder in Deutschland geboren werden", teilte sie am Montag mit. Den Grund für den Anstieg sieht sie in einer verbesserten Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur: "Mehr Kitaplätze und mehr Ganztagsschulen führen zu mehr Kindern", sagte Schwesig. "Mit dem ElterngeldPlus und dem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung sind wir auf dem richtigen Weg".
Die Bundesfamilienministerin wird sogar mit so einer Aussage zitiert:
»Ihren Worten zufolge gibt es laut Studien nur ein einziges familienpolitisches Instrument, das messbar die Geburtenrate erhöht: die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur. "Mehr Kitaplätze und mehr Ganztagsschulen führen zu mehr Kindern ... erklärte die Ministerin.« (Geburtenrate so hoch wie lange nicht, Rhein-Zeitung, 18.10.2016).
Das nun ist - nett formuliert - eine überambitionierte Sicht auf die vielen Studien, die sich in den vergangenen Jahren mit der schwierigen Frage beschäftigt haben, welche Einflussfaktoren wie, wo und wann auf die Entscheidung zur Familiengründung einwirken. Auch (und gerade) wenn man ein Befürworter des Ausbaus der familienunterstützenden Infrastruktur ist (zu der aber eben nicht nur Kitas oder sogenannten Ganztagsschulen gehören, sondern selbstverständlich auch die Frage der materiellen Ausstattung der Familien). Natürlich hat das einen Einfluss, aber die Entscheidungen, Kinder in die Welt zu setzen, sind überaus vielgestaltig und komplex und es ist schlichtweg falsch zu behaupten, die Gleichung "mehr Kitas = mehr Babys" könne eindeutig abgeleitet werden aus der gegebenen Forschungslage.

Aber man ahnt schon, von welcher Seite ebenfalls sehr reflexhaft eine Indienstnahme der Zahlen erfolgt bzw. erfolgen wird, die brauchen immer etwas länger, um das in Worte zu gießen, die dann aber wie ein Fallbeil eingesetzt werden: Es sind die ausländischen Frauen, die hier "bei uns" für mehr Kinder sorgen und "natürlich" die Flüchtlinge, die jetzt da sind. Das passt wunderbar in die Überfremdungsängste, die von dieser Seite geschürt werden. Und ist es nicht so, dass die bereits zitierten Daten diese Position stützen? »Vor allem bei den Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit nahm die Geburtenziffer nur geringfügig von 1,42 Kindern je Frau im Jahr 2014 auf 1,43 Kinder je Frau im Jahr 2015 zu. Bei den Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit stieg sie dagegen deutlich von 1,86 auf 1,95 Kinder je Frau und trug damit zum Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer aller Frauen wesentlich bei«, so das Statistische Bundesamt.

Aber auch hier lohnt der genauere Blick. So weist Clara Lipkowski in ihrem Artikel Frauen bekommen mehr Kinder darauf hin:
»Bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ist der Anstieg stärker als bei deutschen. Bei letzteren hat sich die Geburtenrate von 1,42 (2014) auf 1,43 Kinder je Frau im Jahr 2015 erhöht, aber nur leicht. Bei Frauen ausländischer Staatsangehörigkeit ist diese Zahl von 1,86 auf 1,95 relativ deutlich angestiegen. Eine Sprecherin des Statistischen Bundesamts teilte mit, dies sei vor allem auf die Zuwanderung von Frauen aus Südosteuropa zurückzuführen ... Aus früheren Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamts vom September geht hervor, dass im Vergleich zu 2014 im vergangenen Jahr vor allem mehr Frauen rumänischer Herkunft und früher angekommener Syrerinnen mehr Kinder bekommen hatten. Bei Frauen türkischer Staatsangehörigkeit etwa waren die Zahlen hingegen zurückgegangen.«
Und losgelöst von dieser differenzierenden Betrachtungsweise muss man an dieser Stelle natürlich schlichtweg auch die Quantitäten und damit die Anteilswerte der einzelnen Gruppen in Erinnerung rufen, um eine realistische Bewertung vornehmen zu können: Von den insgesamt 738.000 im Jahr 2015 geborenen Kindern hatten 590.000 eine deutsche Mutter und 148.000 eine Mutter mit ausländischer Staatsangehörigkeit.

Abschließend sollen die Anführungszeichen im Titel dieses Beitrags erläutert werden - "die" Geburtenrate heißt es da. Damit verbunden ist der Hinweis, dass es eben nicht die eine Geburtenrate gibt. In der öffentlichen Debatte wie derzeit gerade wird immer eine ganz bestimmte herangezogen, bei deren Interpretation man einiges beachten sollte. Dazu schreiben die Bundesstatistiker selbst:
»Die zusammengefasste Geburtenziffer wird zur Beschreibung des aktuellen Geburtenverhaltens herangezogen. Sie gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommen würde, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre, wie das aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im jeweils betrachteten Jahr.«
Wir haben es also mit einer Querschnittaufnahme über alle Frauen zwischen 15 und 49 Jahren in einem Jahr zu tun. Nun wissen wir alle, dass es nicht viele 15 oder 16 Jahre alte Mädchen gibt, die bereits Mutter werden. Und andererseits kann man sich auch folgenden Effekt vorstellen: Die zusammengefasste Geburtenziffer steigt im Vergleich der (wohlgemerkt) Querschnittaufnahmen eines jeden Jahres, wenn die nicht nur einige, sondern viele Frauen ihren Kinderwunsch zu einem späteren Zeitpunkt realisieren, also in einem höheren Alter - dann tauchen sie in den vorherigen Jahren als geburtenratensenkende Kinderlose auf, "heilen" das aber zu einem späteren Zeitpunkt. Damit korrespondiert dann auch das (weiter) ansteigende Alter der Mütter bei Geburt der Kinder.

Die Frage nach Zahl der Kinder, die Frauen im Laufe ihres Lebens tatsächlich bekommen haben, kann für Frauenjahrgänge beantwortet werden, die das Ende des gebärfähigen Alters erreicht haben, das statistisch mit 49 Jahren angesetzt wird. Die Abbildung verdeutlich die langfristige Entwicklung dieser Geburtenrate. Und offensichtlich ist bis zum aktuellen Rand der Zeitreihe ein Sinkflug nach unten zu erkennen, noch Ende des vergangenen Jahres berichtete das Statistische Bundesamt: »Seit der deutschen Vereinigung sank diese sogenannte endgültige Kinderzahl je Frau um 19 %.« Das alles muss man berücksichtigen, nicht nur die zusammengefasste Geburtenziffer. Aber auch diese - sachlogisch immer lange nachlaufenden Werte die endgültige Kinderzahl betreffend - kann nur das Gesamtbild relativieren. Hinsichtlich der derzeit in der Demografie behaupteten und vieldiskutierten "Trendwende bei der Geburtenrate" muss man notgedrungen weiter teilweise in der Spekulation verbleiben, da man hier Frauenjahrgänge betrachtet, die eben noch nicht die 49 Jahre erreicht und vollendet haben.

Kommentare:

Rauschi hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Prof. Sell,

vielen Dank für diesen Artikel, ich habe gerade auf einer anderen Plattform eine Diskussion geführt, warum es so wenige Kinder bei uns gibt.
Ein Mitdiskutant meinte, es liege am "strukturellen" Egoismus der Deutschen, denen Geld wichtiger ist als Kinder zu erziehen.
Denn es gibt ja eine Umfrage zum Kinderwunsch und die häufigste Antwort, warum man keine Kinder hat, ist tatsächlich das Geld.
http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/newsletter-forschung-aktuell/270/#c3924
Auf meinen Einwand, das die Ökonomisierung aller Lebensbereiche zwingend zu Egoismus führen muss, jedenfalls in meinen Augen, kam der nicht unberechtigte Einwand, diese Umstände gäbe es ja auch in anderen Ländern, dort wären die Geburtenzahlen und die generelle Entwicklung positiver als bei uns.
Woran kann das liegen?
Wie ist für Sie als Sozialwissenschaftler die Reihenfolge, erst ändern sich die Umstände und dann die Gesellschaft oder umgekehrt?
Wie ist Ihre Sicht auf die Geburtenzahlen, was wäre denn zu tun, damit wieder mehr Kinder geborgen werden?

Gruss Rauschi

Rainer Kühne hat gesagt…

Obwohl RAUSCHI sich direkt an Prof. Sell mit seiner Frage wendet der sicher aus seiner professionellen Sicht einige andere Knoten öffnen wird, möchte ich aber auch aus der Sicht einer sich schließenden Gesellschaft ein Gefühl dafür vermitteln, dass in der Folge schon eines zweiten Jahrzehnts, die soziale Schichtenbildung derart beschleunigt hat, dass für eigentlich DEMOKRATISCHE REIFE kaum mehr ZEIT und auch nicht das notwendige ENGAGEMENT bleibt. Diese Enge der Zeit, das Schrumpfen des Zeitvolumens, war doch eigentlich früher eine recht persönliche Empfindung eines alternden Individuums. Heute ist es ein Marker, der alle erfasst, die am GESELLSCHAFTLICHEN LEBEN teilhaben wollen: die Beschleunigung erfasst alle Lebenssituationen, sie betäubt die Sinne, der Radar wird - wenn überhaupt - nur noch sehr einseitig ausgerichtet, Impulse oder Aufmerksamkeit verlieren die Wirkung, Kontakte ärmer und seltener, Seelenkraft wird schwächer, Rekreationsphasen immer stärker begrenzt, bis die Schnellbremsung in Gestalt eines > BURN-OUT alles in Frage stellt. Nur diese Vollbremsung auf Stillstand kann Bewusstsein beleben - zwangsläufig und mit teilweise verheerenden Folgen, sowohl in der rein persönlichen Biografie, aber auch in der Volkswirtschaft. Wir beuten menschliche Resourcen aus bis zum Mangel an Identität, die Gesellschaft wird krank, sie verdorrt bis zur Bewusstlosigkeit im wörtlichen Sinne. Der Anspruch an Fürsorge wächst über das Maß hinaus, das eine GESELLSCHAFT zu leisten vermag. Und wenn dann noch die SOLIDARITÄT als gemeinsame Lebenserfahrung im gegenseitigen Schutzbedürfnis den Generationen entzogen wird, WER soll dann an KINDER denken, WER sieht dann noch eine wirtschaftlich zu bewälti-gende Aufgabe, WER sieht dann noch das Glück Kindern einen Lebensraum zu bieten, der dem Schutzversprechen des GRUNDGESETZES auch nur annähernd gerecht werden zu können mag.
Über jeden dieser Aspekte und auch der nicht einmal erwähnten, könnte ich stundenlang referieren aus einem einzigen Effekt heraus, den man heute kaum mehr findet in den Räumen , die wichtig sind für das Gedeihen einer GESELLSCHAFTLICHEN ORIENTIERUNG am GEMEINWOHL: es sind die Räume des PARLAMENTES, es ist die JUSTIZ , und mitten im Mahlwerk die WAHNSINNSBÜROKRATIE der Ämter und Behörden. Und was ich jetzt abschließend sage, mag Manchen zum Widerspruch neigen, aber als alter Mensch ( man ist es eben mit 77 Jahren , auch wenn man sich wehrt ! ), als SOZIALDEMOKRAT im HERZEN jung geblieben, als Vollwaise nach dem Krieg von meinem Onkel aufgenommen und erzogen worden, der als herausragender SOZIALRICHTER mir GEFÜHL für RECHT und GERECHTIGKEIT auf den LEBENSWEG mitgegeben hat, als eben dieser Mensch der ich geworden bin, ziehe ich hier Bilanz nach den Befürchtungen, die ich vor über 50 Jahren meinen Kommilitonen am OSI zum Abschied auf den Weg mitgegeben habe: A C H T E T auf dieses G R U N D G E S E T Z, es ist die betonierte Fortsetzung eines OBRIGKEITSSTAATES durch die Präferenz im STAATSHANDELN des HERGEBRACHTEN BERUFSBEAMTENTUM und der RICHTERSCHAFT, der " ...DAS RECHT ANVERTRAUT WURDE ! "
Dieses GRUNDVERTRAUEN des STAATSVOLKES in seine erteilten MANDATE und PROKURA für STAATSHANDELN wurde missbraucht und für EIGENNUTZ und VORTEILSNAHME ausgenutzt !
WER also trägt VERANTWORTUNG für die ZUKUNFT unserer KINDER, WER soll das GLÜCK dieser Kinder suchen ?, ein Diskurs, der schwindlig macht !
Welche Fragen WIR auch stellen, sie stellen uns bloß als GESELLSCHAFT ohne Herz ! WAS z. B. soll aus jenen Kindern werden, die ihr Schicksal schon im Trauma der HARTZ IV - VERFOLGUNG durchlebt haben ?
Rainer H. Kühne aus Berlin
>>> AG GRUNDGESETZ als GESELLSCHAFTSVERTRAG <<<

Gardinenverkäufer hat gesagt…

Medienberichten zufolge ist der Anstieg der Geburtenrate 2016 in gewisser Hinsicht Frauen mit Migrationshintergrund "zu verdanken". Lt. Statistischem Bundesamt stieg bei denen der Wert im Jahresvergleich deutlich von 1,86 auf 1,95.Bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit erhöhte er sich von 1,42 auf 1,43 nur sehr wenig.

Die Hintergründe warum gerade jetzt so viele Neubürger auf die Welt kommen, bleibt dennoch im Dunkeln und man darf darüber spekulieren.

Da können auch grafische Darstellungen wenig ausrichten. Schließlich kann man eine steigende Zahl von Geburten nicht mit dem Kursverlauf v. Wertpapieren vergleichen - andererseits stellen mehr Kinder sicher eine gewisse Investition in die Zukunft (z.B. Alterssicherung) dar.

Dass der Zuwachs überwiegend von Ausländern stammt - mag auf eine gewisse ethnischen Tradition zurück zuführen sein, wo Kinder die zukünftigen Ernährer der Eltern sind.

Im Bereich der Migration muss man aber sagen, dass Ausländer mit Kindern einen anderen Aufenthaltsstatus erhalten der eine Ausweisung bzw. Abschiebung erschwert.

Sicher es ist schön, wenn Deutschland nicht vom Aussterben bedroht ist - doch für das Wohl und Gedeien dieser Kinder muss noch viel unternommen werden. Politische Lippenbekenntnisse reichen dafür zumindest nicht...