Donnerstag, 12. Mai 2016

Die nicht existenten Nicht-Mindestlohn-Langzeitarbeitslosen. Von einer Opfergabe innerhalb der Großen Koalition vor dem Mindestlohngesetz zu einer erwartbar geplatzten Seifenblase

Viele werden sich noch erinnern an die aufgeregten Debatten vor der konkreten Ausformulierung des Mindestlohngesetzes. Interessierte Kreise hatten damals alles versucht, Ausnahmeregelungen für diesen und jenen in den Gesetzgebungsprozess einzuspeisen. Gelungen ist das an einigen Stellen, von den Zeitungszustellern bis zu den Langzeitarbeitslosen. Kurz vor Toresschluss hatte man der Kritiker- und Apokalyptiker-Seite unter den Mindestlohngegnern in der schwarz-roten Koalition gerade mit der Ausnahmeregelung für die Langzeitarbeitslosen eine Opfergabe bereitet. Folgsam formulierten die Juristen den folgenden Passus in den § 22 Absatz 4 Mindestlohngesetz:
»Für Arbeitsverhältnisse von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die unmittelbar vor Beginn der Beschäftigung langzeitarbeitslos im Sinne des § 18 Absatz 1 des Dritten Buches Sozialgesetzbuch waren, gilt der Mindestlohn in den ersten sechs Monaten der Beschäftigung nicht.« 
Zu der mehr als fraglichen Sinnhaftigkeit einer solchen Ausnahme hat es frühzeitig Kritik gegeben, so beispielsweise seitens des WSI in der Veröffentlichung Kein Mindestlohn für Langzeitarbeitslose? von Marc Amlinger, Reinhard Bispinck und Thorsten Schulten aus dem Juni 2014 sowie in meinem Blog-Beitrag Je näher der gesetzliche Mindestlohn kommt, desto konkreter werden die offenen Fragen. Beispielsweise: Wer ist eigentlich ein Langzeitarbeitsloser und wie erkennt man rechtssicher einen solchen? vom 21. Juli 2014.

Dort konnte man beispielsweise die folgenden Anmerkungen lesen: »Wenn die GroKo im Streit über den Mindestlohn um sich kreist, dann muss jemand Opfer bringen. Wenn nimmt man da? Wie wäre es mit den Langzeitarbeitslosen? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich darüber jemand aufregt, ist überschaubar und beherrschbar. Aus der Berliner Perspektive.«

Es ging damals vor allem um zwei Hauptkritikpunkte:
  • Zum einen ist es mehr als irritierend, dass in einem Gesetz, das „Tarifautonomiestärkungsgesetz“ genannt wird und in dem der Mindestlohn als ein Bestandteil enthalten ist, eine Ausnahmeregelung eingebaut wird, die aber nur dann in Anspruch genommen werden kann, wenn das Unternehmen nicht tarifgebunden ist, denn in den anderen Unternehmen ist eine Vergütung der Langzeitarbeitslosen unterhalb der 8,50 € zumeist durch die tarifvertragliche Struktur von vornherein ausgeschlossen. Denkt man das also weiter, dann hätte das zur Folge, dass tarifgebundenen Unternehmen, die sich also an die Regeln halten, die man doch fördern möchte, dergestalt bestraft werden, dass sie bei Einstellung eines Langzeitarbeitslosen diesem den gesetzlichen Mindestlohn mindestens schulden, während genau die Unternehmen, die sich außerhalb der Tarifbindung befinden, den Lohn nach unten drücken können. Ich bin gespannt, mit welcher mir sich derzeit nicht mal in Spurenelementen erschließenden Logik man das zu begründen glauben meint.
  • Zum anderen ist die Ausnahmeregelung für Langzeitarbeitslose auch systematisch falsch: Es gibt vor allem angesichts der erheblichen Heterogenität der so genannten Langzeitarbeitslosen keine wirklich überzeugende Begründung, diese generell von der Gültigkeit eines Mindestlohnes auszuschließen. Wenn einzelne Arbeitslose teilweise oder erheblich leistungsgemindert sind, so dass ihre Produktivität eine Einstellung zu den gegebenen Mindestlohnbedingungen verhindern würde, dann muss man mit einem bekannten und erprobten und an dieser Stelle auch sinnvollen Instrumentarium gegensteuern und eine solche Einstellung ermöglichen: Hierzu gibt es das Instrument der Lohnkostenzuschüsse, mit deren Hilfe dann eine möglicherweise vorhandene lohnkostenbedingte Einstellungshürde beseitigt oder zumindest abgemildert werden kann.
Und schon im Vorfeld des Mindestlohngesetzes konnte man mit einer gewissen Erfahrung in Arbeitsmarktpolitik ausgestattet sicher vorhersagen, dass es gerade nicht zu dem kommen wird, was auch zahlreiche Kritiker der Ausnahmeregelung im Empörungsmodus vorgetragen haben - dass also die Unternehmen sich in großer Zahl auf die Langzeitarbeitslosen stürzen werden, um den Lohnkostenvorteil für die ersten sechs Monate einzustreichen. Denn die Arbeitgeber sehen eben nicht nur sechs Monate, sondern sie bewerten die (potenziellen) Mitarbeiter insgesamt. Und wenn sie Vorbehalte gegen Langzeitarbeitslose haben, dann werden sie sich auch nicht durch eine für sechs Monate möglichen Absenkung des Gehalts verführen lassen.

Aber nun ist der gesetzliche Mindestlohn für (fast) alle seit dem 1. Januar 2015 in Kraft und der apokalyptisch in den Raum gestellte Arbeitsmarkt-Kollaps ist vollständig ausgeblieben. Da bietet es sich doch an, einmal nachzuschauen, was denn nun in praxi die Ausnahmeregelung für Langzeitarbeitslose gebracht hat. Genau dieser Frage ist die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer, nachgegangen und sie hat das parlamentarische Instrument der Anfrage an die Bundesregierung genutzt, um zu erfahren, wie es denn mit der Umsetzung und Inanspruchnahme der Ausnahmeregelung aussieht. Und die Bundesagentur für Arbeit hat ihr geantwortet.

Thomas Öchsner hat seinen Artikel dazu überschrieben mit: Die wahrscheinlich unsinnigste Mindestlohn-Ausnahme. Die zentrale Botschaft, die man den von der BA gelieferten Daten entnehmen kann, lautet eben nicht wirklich überraschend:
»Die Ausnahme, auf die die Wirtschaftsverbände, assistiert von der Union, so vehement gepocht hatten, wird praktisch kaum genutzt.«
Und man kann das genauer quantifizieren:
»So haben die Arbeitsagenturen und Jobcenter von August 2015 bis April 2016 gerade einmal 1.990 Bescheinigungen ausgestellt, die für die Nutzung der Sonderregelung erforderlich sind. Hochgerechnet auf das ganze Jahr sind das nicht einmal 0,3 Prozent der Zielgruppe - 2015 waren in Deutschland durchschnittlich 1,04 Millionen Langzeitarbeitslose gemeldet.«
Und damit an dieser Stelle keine Missverständnisse auftreten - selbst diese nun wirklich nicht als nennenswert zu bezeichnende Zahl bildet nicht die tatsächliche Inanspruchnahme ab:
»Tatsächlich dürften sogar noch weniger über diesen Weg eine neue Arbeit gefunden haben, heißt es bei der BA. Denn "die Ausstellung einer Bescheinigung ist nicht gleichzusetzen mit dem Zustandekommen eines Arbeitsverhältnisses", teilte die Behörde ... mit. Die Bescheinigungen müssen die Langzeit-Jobsucher selbst beantragen, um ihrem Arbeitgeber nachzuweisen, dass sie zuvor ein Jahr ohne Stelle waren. Die Betriebe benötigen die Dokumente, um bei Zollkontrollen darlegen zu können, dass sie diesen Mitarbeitern keine 8,50 Euro zahlen müssen.«
Thomas Öchsner stellt sich natürlich auch eine Frage, we viele andere auch: Warum wird die Ausnahmeregelung so gut wie gar nicht in Anspruch genommen?
»Für Arbeitgeber sei es möglicherweise attraktiver, Langzeitarbeitslose über einen Eingliederungszuschuss einzustellen. Dieser betrage für maximal zwölf Monate immerhin 50 Prozent des Arbeitsentgelts, sagt ein Sprecher der BA.
Viele Arbeitgeber glauben aber offenbar auch nicht daran, dass Langzeitarbeitslose immer produktiv genug sind, um ihnen helfen zu können. Das zeigt eine Umfrage der Bundesagentur bei 1000 Unternehmen: Demnach führten 82 Prozent der befragten Firmen andauernde Erwerbslosigkeit auf fehlende Motivation zurück. Dabei hatte knapp die Hälfte der Arbeitgeber überhaupt keine Erfahrung mit Langzeitarbeitslosen gemacht.«
Und schon sind wir mittendrin in der Diskussion über mögliche Ursachen. Und da gibt es eben nicht nur eine. Auf alle Fälle sehen wir auch an diesem Beispiel, wie exkludiert die meisten Langzeitarbeitslosen mittlerweile sind, denn die haben nachweislich in den vergangenen Jahren mit einer insgesamt betrachtet guten Arbeitsmarktentwicklung (= Rückgang der offiziell registrierten Arbeitslosen sowie steigende sozialversicherungspflichtige Beschäftigung) kaum bis gar nicht profitieren können. Viele von ihnen sind schlichtweg aussortiert und bekommen selbst mit dem Angebot eines Lohnkostenzuschusses keinen Fuß in die Unternehmen.

Was daraus folgt? Zumindest für die Mindestlohn-Ausnahmeregelung die Langzeitarbeitslosen müsste es eine Rückabwicklung dergestalt geben, dass man einfach den Passus wieder streicht. Dann fällt wenigstens ein Absatz weg und das wäre mithin ein handfester Beitrag zum vielbeschworenen Bürokratieabbau.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

1. Ist Langzeitarbeitslosigkeit räumlich konzentriert?

2. Verwechseln Sie permanent Ursachen und Wirkungen von Arbeitslosigkeit?

3. Wie wirkt sich die Bereitstellung eines hohen Qualifikationsniveaus auf das Investitionsverhalten von Unternehmen in strukturschwachen Regionen, bei volkswirtschaftlich insgesamt ungenügender Nachfragesituation, aus.

4. Ist das mehr als Warten auf Godot?

5. Wieso ist es unserer Gesellschaft nicht möglich, ein Ausgabenniveau zu erreichen, auf dem es jedem gelingt am ersten Arbeitsmarkt eine Einnahme zu erzielen?

usw.

Stefan Sell hat gesagt…

Zu 1.: Die Langzeitarbeitslosigkeit ist ganz erheblich räumlich konzentriert. Schauen Sie sich dazu beispielsweise die Karte auf der Seite 19 im Kapitel "Regionale Unterschiede" dieses Berichts an: Der Arbeitsmarkt in Deutschland - Die Arbeitsmarktsituation langzeitarbeitsloser Menschen, herausgegeben von der Bundesagentur für Arbeit.

Zu 2.: Nein, das verwechsele ich nicht.

Zu 3.: Kann ich nicht beantworten

Zu 4.: Damit kann ich nichts anfangen.

Zu 5.: Weil wir unter kapitalistischen Verwertungsbedingungen leben, würden die einen antworten. Weil es immer Leute gibt, die nicht mithalten können, was an ihnen selbst liegt, würden die anderen vielleicht antworten - um nur zwei Beispiele aus dem Möglichkeitsraum anzuführen. Warum das so ist, dafür gibt es sicher viele unterschiedliche Gründe. So allgemein kann ich die Frage nicht beantworten.

Anonym hat gesagt…

1 nein
2 nein
3 neutral
4 Hmm..einfach ein Theaterstück oder?
5 weil die Spielregeln von anderen gemacht werden und von vorne herein feststehen...

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist weit höher als in den Medien (durch die BA) verbreitet.

Langzeitarbeitslose wieder in "Lohn u. Brot" zu bringen, dafür braucht es keine Ausnahme beim ML bzw. Lohnkostenzuschüsse für die Arbeitgeber - im Gegenteil - wer nicht einstellt zahlt Strafquoten.

bzw. dann stellt sich auch hier die Frage ob nicht Missbrauch damit getrieben wird....

Ausnahmen v. ML gibt es nicht nur bei den Langzeitarbeitslosen - siehe auch Praktikanten usw.

Dass der Mindestlohn gerne als Ausrede für Kostensteigerungen hergenommen wird - das sollte die Politik erkennen

es werden noch viele Fragen und Debatten kommen..

Anonym hat gesagt…

Warten auf Godot.

Ohne massive schuldenfinanzierte zusätzliche Ausgaben des Staates in Infrastruktur, Wohnungsbau, Innovationstransfer, angewandte Forschung, ... laufen alle Qualifikationsprogramme für Langzeitarbeitslose weiter ins Leere.

Jetzt gäbe es die Riesenchance, dank der niedrigsten Finanzierungskosten für den Staat aller Zeiten, wirklich etwas für die Langzeitarbeitslosen zu tun.






Anonym hat gesagt…

Stefan Sell, 13. Mai 2016 um 11:59 :

"So allgemein kann ich die Frage nicht beantworten."

Natürlich gibt es auf Frage Nr. 5 keine eindeutige Antwort, weil das im Kern keine wissenschaftliche Thematik ist, sondern eine Frage des Standpunktes. Die Frage zielt also weniger auf eine fachlich-theoretische Erläuterung, als auf den Standpunkt des Adressaten. Vermute ich mal.

Man muss darauf natürlich nicht antworten. Man muss auch keinen Standpunkt haben.

Anonym hat gesagt…

Wir haben einen Verdrängungsprozess auf dem Arbeitsmarkt nach unten.

Einfache Tätigkeiten sind durch Arbeitnehmer mit hohen Qualifikationen besetzt worden.

http://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article155305034/Warum-Millionen-Deutsche-den-falschen-Job-haben.html

Wie wollen Sie einen Prozess in Gang setzen, der diese Tätigkeiten für Langzeitarbeitlose mit einfacher Qualifikation wieder frei setzt?

Ist der Versuch 100% Lohnkosten zu übernehmen ein intelligenter Eingriff in den Arbeitsmarkt?

Wie hoch ist der Wertschöpfungsverlust für unsere Volkswirtschaft dadurch?

Anonym hat gesagt…

Wir vergessen bei der Diskussion etwas - nämlich den "Langzeitarbeitsloen" selbst. Warum findet er keine Beschäftigung obwohl ja unsere Wirtschaft händeringend nach Arbeitskräften schreit?

Das Problem scheint mir eher zu sein, dass man hier Menschen einfach ausgrenzt und ihnen von vorneherein keine Chance anbietet.

Obwohl gerade Langzeitarbeitslose über Kenntnisse und Erfahrungen verfügen, die sich Vorstand oder Mangement evtl. nicht vorstellen mag oder kann.

Sollten alle Versuche solche Menschen wieder in den regulären Arbeitsmarkt zurück zu bringen scheitern, dann ist der Staat gefordert, ihnen einen qualifizierten Arbeitsplatz - von denen es sicher ausreichend gibt - zu beschaffen.

Und hier haben wir wieder das Problem - Zahlen - ständig diese Fragen nach Zahlen.

Was kostet uns das?, Wieviel bringt uns das? usw. oder hochgerechnet auf die Zahl X darf man nur so viele Beschäftigte haben, da man ansonsten unrentabel ist. Kostensenkung heisst das Stichwort.

Blicken wir einma über unsere Köpfe und blenden alle Zahlen aus - dann klappts auch wieder mit den Langzeitarbeitslosen....

Darum fusionieren auch alle Krankenhäuser und Geburtenstationen - der Kostenfaktor ists - ob hier Menschen dann 10 oder 15 <minuten länger zum nächsten KKH fahren müssen spielt dann keine Rolle - oder doch? - das Leben?

Anonym hat gesagt…

Kommentar 1 / 4

Als Langzeitarbeitsloser kann ich die von mir gesehenen Kernaussagen des Artikels voll und ganz unterstreichen: >>Viele von ihnen [den Langzeitarbeitslosen, Anm. d. Verfs.] sind schlichtweg aussortiert und bekommen selbst mit dem Angebot eines Lohnkostenzuschusses keinen Fuß in die Unternehmen.<< Dies gilt auch für die genannten Ursachen, wie zu. B.: >>Viele Arbeitgeber glauben aber offenbar auch nicht daran, dass Langzeitarbeitslose immer produktiv genug sind, um ihnen helfen zu können. Das zeigt eine Umfrage der Bundesagentur bei 1000 Unternehmen: Demnach führten 82 Prozent der befragten Firmen andauernde Erwerbslosigkeit auf fehlende Motivation zurück. Dabei hatte knapp die Hälfte der Arbeitgeber überhaupt keine Erfahrung mit Langzeitarbeitslosen gemacht.<< [Hervorhebung von Verfs.] Das für sich genommen spricht schon Bände. So sehr ich ansonsten die Bundesagentur für Arbeit und die ARGEN kritisiere, so ist hier zuerst der Gesetzgeber gefragt, Änderungen herbei zu führen. Was so offenkundig ist, wie es von der Politik gegenüber der Öffentlichkeit "verborgen" werden soll. Dabei wäre es sogar "innerhalb" des meiner Meinung nach an sich falschen Konstrukts Hartz IV vergleichsweise (sog. "Rechtsvereinfachungen") einfach, das Förderrecht wieder "vom Kopf auf die Füße zu stellen", wie Stefan Sell das im Blogg in einigen Artikeln erläutert hat. Wäre es doch wenigstens das!

Anonym hat gesagt…

Kommentar 2 / 4

Das ist offenbar nicht gewollt! Statt dessen verrent sich hier die Politik in eine gegenüber der Lebensrealität der Langzeitarbeitslosen und den gesellschaftlichen Realtitäten völlig kontraproduktiven Haltung und verbraucht dabei weitaus mehr Debatten- und Propaganda-Energie sowie Steuermittel, die Bevölkerung darüber hinwegzutäuschen, als sie für kleinste reale Verbesserungen aufzuwenden bereit ist. Die Kosten? Ja die Kosten. Nehmen wir z. B. die ihrer ambivalenten Konstruktion wegen nicht nur von uns Erwerbslosen mit "gemischten Gedanken und schweren Herzen" betrachtenen Arbeitsgelegenheiten (ein-Euro-Jobs). In denen darf laut Gesetz nicht qualifiziert werden. Jede sinnhafte Arbeit ist aber mit Lerneffekten verbunden und folglich ist diese gesetzliche Vorgabe in sich schon irrig und muss folglich zu schlechten Ergebnissen führen. Also zu sinnentleerter Macherei in den Maßnnahmen, anhand derer dann ausgerechnt auch noch die "Arbeitsfähigkeit" und "Motivation" der Teilnehmer festgestellt werden soll. Es ist unglaublich aber wahr. Es ist zum Verzweifeln.
Wenn man dann wie ich ein ganzes zweijähriges AGH-Projekt als Teilnehmer erlebt, dann sträuben sich einem die Haare, wie da ein kompetenter Träger und engagierte ebenfalls erfahren-kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder an die Grenzen der gesetzlichen und bürokratischen Hindernisse stoßen und trotzdem noch ein Projekt auf die Beine stellen, dass Erwerbslose tatsächlich noch stabilisiert, motiviert und für die Gesellschaft auch noch ein Mehrwert, ein Nutzen erziehlt wird. Das geschieht aber nicht mit, sondern eher im zermürbenden Kampf gegen die geltenden Rahmenbedingungen! Und genau das ist es. Das sind die Bedingungen, wie Beschäftigungspolitik vor Ort heute gelingen soll und natürlich nicht gelingen kann.

Anonym hat gesagt…

Kommentar 3 / 4

Die Bürokratie? Ein Beispiel: Nach der AGH ist vom Träger ein Bericht an die für den Teilnehmer zuständige ARGE zu liefern. Prompt wird im Formblatt nach "den in der AGH erworbenen Qualifikationen" gefragt. Nein, das ist kein Witz. Es darf nicht qualifiziert werden aber am Ende der Maßnahme wird der Beschäftigungsträger zwingend danach gefragt. Und auch sorgfältig geantwortet, wenn es ein gutes Projekt ist. Hat man eine gute Maßnahme wie die genannte ergattert, hat man tatsächlich was gelernt. Nach meiner Erfahrung obliegt es aber allein der Entscheidung der jeweiligen Arbeitsberater, ob die genannten Erfahrungen dann bei der ARGE Beachtung finden oder nicht. Was zuerst zählt und fast ausschließlich beachtet wird, ist der disziplinarische Aspekt. War er denn auch brav und pünktlich der Teilnehmer? Wie ist es mit seiner vom Träger zu beobachtenden Leistungsfähigkeit? Ist er aber sowieso nur ein Betreuungskunde oder sowas in der Art, dann drücken sich die ARGEN um die Kenntnisnahme seiner Fähigkeiten drum herum, nur um den "Kunden" in die jeweiligen Stellenangebote einzupassen die es gibt, wenn es sie gibt. Aber blos nicht auf das hinarbeiten, was er kann und braucht. Dafür werden ja auch keine Angebote entwickelt. Was also tun von Seiten der Jobcenter... Förderketten? Schön wäre es. Fazit hier ist dann: Man könne mein Qualifikationsspektrum im EDV-gestützen, im Netz für Arbeitgeber einsehbaren Bewerberprofil nicht abbilden, hieß es bei mir einmal von einer Arbeitsberaterin. Die dafür vorgesehe als "Maske" abrufbare Kriterienvorgabe lasse das nicht zu. D. h. also, als Bewerber gibt es mich eigentlich gar nicht oder jedenfalls nicht als der, der ich bin. Es ging nicht nur mir so. Ich habe mich da schon auch umgehört. Aber das ist nur ein Indiz, ich weiß.

Anonym hat gesagt…

Kommentar 4 / 4

Es ist aber nicht unwesentlich diese eine kleine Schnittstelle zwischen Beschäftigungsträger (wenn er was taugt) hier und Jobcenter dort zum Beispiel, die Beschäftigungsmaßnahmen im Sande verlaufen lassen. Und ich sage: Das sollen sie auch. Womit man es hier zu tun hat, ist die reale Folge einer Politiksimulation, die um den Preis der Welt nach außen zur Öffentlichkeit nicht zu zugeben will, dass gar nicht viel getan werden soll, außer hin und wieder in den Niedriglohnsektor zu vermitteln. Was tatsächlich abläuft, ist das aufrecht halten eines zirkulären Geschehens, wie das das Team um den Soziologen Klaus Dörre analysiert hat. Ein Kreislauf von künstlich erzeugten Herausforderungen an die Arbeitslosen innerhalb des Systems Hartz IV, allenfalls noch unterbrochen von kurzen "Aufenthalten" in prekärer Arbeit und wieder zurück. Vielleicht wird jetzt etwas deutlicher, warum ich die Überschrift des hier kommentierten Artikels eigentlich fast schon genial finde, wenn sie von den "nicht existenten Nicht-Mindestlohn-Langzeitarbeitslosen" spricht. Welche Partei würden wir nicht wählen, wenn am nächsten Sonntag keine Bundestagswahl wäre...Das ist es, was von der Politik von uns verlangt wird. Das ist es auch, warum die Politik sehr wohl weiterhin vom "real existierenden Nicht- Mindestlohn-Langzeitarbeitslosen" sprechen wird. Denn auch nur die Streichung eines einzigen Absatzes eines einzigen Paragrafen in einem einzigen Gesetzestext, brächte möglicherweise schon das ganze falsche Spiel in Gefahr.

Anonym hat gesagt…

Welche Hilfe ist überhaupt von Ökonomen zur Bewältigung des Problems zu erwarten?

Je nach Modellevaluierung zur Agenda 2010, werden streng im neoklassischen Argumentationsrahmen, Streitigkeiten darüber ausgetragen, ob denn der Effekt der Kürzung von Sozialleistungen für Arbeitslose überhaupt hoch genug war um einen Effekt am Arbeitsmarkt zu haben.

Deren Lohnansprüche bestimmen allein, ob sie arbeitslos bleiben oder nicht.


http://www.empirical.economics.uni-mainz.de/Dateien/LW-Wirtschaftsdienst-02-2014.pdf

Die Politik versucht deshalb mit stetig durch unzureichende Anpassung des Existenzminimums an die Inflationsrate , oder Neudefinitionen des Existenzminimums, den Wünschen der Ökonomen Rechnung zu tragen.

Vergessen wurde von den Ökonomen dabei den Politikern zu erzählen, dass das Zurechnungsproblem (Wer hat im Betrieb wieviel durch seine Arbeit zum Output beigetragen, von Boden und Kapital zu schweigen) nicht lösbar ist.

Vielen, Vielen Dank an die Ökonomen.