Freitag, 11. März 2016

Netto, immer wieder Netto. Die ganz harte Nuss unter den Billig-Discountern hinsichtlich schlechter Arbeitsbedingungen. Und die scheitern an einem Bonbon, der einer Verkäuferin zum Verhängnis werden sollte

Dass die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel, vor allem bei den Discountern, seit Jahren immer wieder Thema der kritischen Berichterstattung sind, ist nicht neu und verwundert auch nicht, wenn man sich den brutalen Preis- und daraus resultierend Kostendruck anschaut. Die Margen sind ausgereizt, die Zulieferer ausgequetscht, da bleiben nur die eigenen Mitarbeiter, wenn es um Kostensenkung geht. Und seit die damalige rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 die Allgemeinverbindlichkeit des tariflichen Regelwerks aufgehoben hat, schwillt die Akte mit Berichten über Lohndumping(versuche) in der Branche von Jahr zu Jahr an. Ein Unternehmen taucht dabei auch in der Berichterstattung als eine ganz harte Nuss immer wieder auf: Netto Marken-Discount*. Eine harte Nuss deshalb, weil die sich überhaupt nicht beeinflusst zeigen von den vielen kritischen Berichten, die schon geschrieben oder ausgestrahlt wurden (vgl. dazu nur zwei Beispiele von ganz vielen: Bereits im Jahr 2011 gab es bei Frontal 21 einen kritischen Beitrag über die Arbeitsbedingungen bei Netto, das Video kann man hier anschauen: Schikane: Netto-Mitarbeiter packen aus – Ausnutzung und brutales Klima vom 14.06.2011. Und 2015 wurde eine längere Dokumentation ausgestrahlt: Das System Netto. Überstunden und Geld vom Staat. Und auch in diesem Blog wurde immer wieder über die Arbeitsbedingungen und die Hintergründe der vielen notwendigen Skandalisierungen berichtet, dazu eine Auswahl an Beiträgen). Um so mehr darf man sich freuen, wenn die mal eins auf die Ohren bekommen. Das ist jetzt geschehen. Durch das Arbeitsgericht Paderborn in Nordrhein-Westfalen: Arbeitsgericht Paderborn: Kündigung wegen Bonbonlutschens war unwirksam, so ist dazu eine Meldung der Gewerkschaft ver.di überschrieben.

Jetzt müssen wir erst einmal den Sachverhalt zur Kenntnis nehmen, auch wenn es schwer fällt, zu glauben, dass das in der Wirklichkeit abgelaufen ist - in einem Roman hätte man gedacht, dem Autor geht die Phantasie durch:
»Eine Netto-Kassiererin bekam die fristlose Kündigung, weil sie angeblich während der Arbeit einen Bonbon gelutscht habe, der ihr auch noch aus dem Mund gefallen sei. Der Arbeitgeber behauptet, ein Kunde habe sich per E-Mail beschwert.«
Bereits an dieser Stelle wird man schlucken und versucht sein, sich vorzustellen, was es an Willkürherrschaft bedeuten würde, wenn Arbeitgeber über so eine Schiene freies Schussfeld auf Mitarbeiter bekommen.

Die Betroffene sieht das natürlich ganz anders: „Diesen Vorfall gab es nicht“, sagt die Kassiererin. Das sei nur vorgeschoben, um sie loszuwerden.

Das ist keineswegs unplausibel, man muss dazu wissen, dass diese Frau vor einiger Zeit in einem Frontal 21-Bericht aufgetaucht ist. Angela Webster vermutet, man wollte sie loswerden, weil sie aufgedeckt habe, dass bei Netto Fehlstunden trotz Krankmeldung als Minusstunden verbucht werden. Darüber wurde damals berichtet.

Jeder, der Netto nur etwas kennt, kann sich gut vorstellen, dass das Unternehmen so etwas nicht vergisst.

Insofern ist es naheliegend, dass man hier etwas konstruiert hat, um sich der missliebigen Kassiererin zu entledigen. Die Entlassungsgründe bezogen sich dann auch nicht nur auf den Bonbon, sondern ergänzend wurde ausgeführt, sie habe "schlecht" über ihren Arbeitgeber geredet. Hat sie nicht, sie hat nur aufgedeckt, dass das Unternehmen klar gesetzeswidrig gehandelt hat. Auch dieser Fall ging vor das Arbeitsgericht. Das Gericht forderte den Arbeitgeber auf, er solle die Minusstunden erklären. Netto begründete mit einem technischen Versehen und löschte kurzerhand das Minus vom Stundenkonto, gab aber ansonsten keine Erklärung. Nun also der nächste Vorstoß.
»Da die 43jährige Kassiererin, Angela Webster, ver.di-Mitglied ist, wird sie vom DGB-Rechtsschutz vertreten. Die 24-Stunden-Kraft der Paderborner Netto-Filiale klagt auf Wiedereinstellung und gewinnt vor dem Arbeitsgericht. Einer der Gründe ist, dass sich die stellvertretende Filialleiterin, die den Vorfall bezeugt hat, an dem fraglichen Tag im Urlaub befand. Auch die Herkunft der angeblichen Beschwerde-E-Mail ist bis heute ungeklärt.«
Auch das ZDF-Politikmagazin hat in dieser Woche in seiner Rubrik "Nachgehakt" über den Fall der Angela Webster berichtet. Das kann man in diesem Video anschauen.

Nun also die positive Entscheidung des Arbeitsgerichts. Allerdings ist die Partie noch nicht beendet, der Arbeitgeber will das Urteil erst einmal "prüfen".

Und die werden richtig sauer sein bei Netto, denn sie wollten die Frau - offensichtlich als problematischer Unruheherd identifiziert - unbedingt loswerden. Vor dem Prozess haben sie ihr sogar eine Abfindung angeboten, wenn sie sich vom Acker macht. Das hat sie abgelehnt:

„Die Wahrheit ist nicht käuflich“, sagt sie. Zum Gehen sei sie nicht bereit. Sie sei auf ihre Arbeit angewiesen.

Und das hier wird die Master of Billigdiscount in Rage bringen:

In zwei Jahren will sie selbst für den Betriebsrat kandidieren.

Genau solche Leute wollte und will man unbedingt "entsorgen". Man kann ihr nur viel Kraft (und viel Solidarität der anderen Beschäftigten) wünschen auf diesem Weg.

*) Es wird in der Berichterstattung und auch in diesem Blg-Beitrag immer verkürzt von "Netto" gesprochen, anzumerken bleibt, dass es sich hier um das Unternehmen "Netto Marken-Discount" handelt. Der Hinweis ist wichtig, denn es gibt ein weiteres Unternehmen, das auch als Discounter ebenfalls unter dem Label "Netto" agiert: NETTO Deutschland. Das Unternehmen betreibt inzwischen über 340 Märkte, die sich auf die Regionen Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verteilen. Dieses Unternehmen gehört seit dem 1.1.2013 zu 100 % der Dansk Supermarked A/S

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Naja, immerhin hat NETTO sogar einen Betriebsrat - ALDI hat keinen Betriebsrat und die Angestellten haben auch Angst, entlassen zu werden, wenn sie auf die Idee kommen sollten, etwas in dieser Richtung zu unternehmen.

Anonym hat gesagt…

Ist es verwunderlich, daß speziell beim Netto Markendiscount sowas immer und immer wieder passiert? Ich habe selbst, zwangsweise, für den Verein gearbeitet, da mein Arbeitgeber im Zuge einer Fusion von Edeka übernommen und mit deren eigenen Discounter zusammen geführt wurde. Da die ehemaligen PLUSler teilweise deutlich mehr verdient haben, als es bei Netto üblich war,sahen wir uns ständig erschwerten Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Wir hatten Verkaufsleiter vom Netto im Einsatz, die offen die Frage gestellt haben, ob die PLUSler zu dämlich zum Arbeiten seien. Ich selbst wurde von Verkaufsleitern, die meinen eigentlichen VL nur vertreten haben, teilweise so weit provoziert, daß ich besagte VLs aus meinem Büro geworfen habe und mich nur in Anwesenheit eines PLUS Betriebsrates, der damals noch parallel zum Netto BR existierte, mit besagten VLs unterhalten habe. Wir mussten z.B. parallel auch 2 Stundenlisten führen. Nachdem die Schikanen immer mehr wurden und Grenzen auch klar überschritten wurden schaltete ich die Gewerbeaufsicht ein und nannte denen auf Anhieb 6 Filialen, die manipulierte Stundenlisten führten. Nach mehreren Kontrollbesuchen der Gewerbeaufsicht ging dann die Anweisung an die Filialen, daß zukünftig 2 Arbeitspläne die Woche zu erstellen seien, wobei nur einer frei ersichtlich ausgehängt werden sollte, während der andere, eigentliche Arbeitsplan, unter Verschluss bleiben sollte. Ich selbst habe aus freien Stücken dieses Unternehmen verlassen, in dem ich 2011 eine außerordentliche Kündigung einreichte und diese mit denen für mich untragbaren Zuständen begründete. Das sollte es dann aber für mich nicht gewesen sein, da ich z.B. mein Arbeitszeugnis mehrere Male zurückschicken musste, weil dort Dinge drinnen standen, die nicht der Wahrheit entsprachen und die ich mit Hilfe meines Anwalts korrigieren lassen hab. Das zeigt auch, wie krass man beim Netto Markendiscount versucht unbequemen Mitarbeitern selbst nach deren aktiver Zeit im Unternehmen zu schaden. Man kann einfach nur hoffen, daß eine ähnliche Kampagne, wie sie schon dem Lidl zu Teil wurde, dem Netto Markendiscount Discount zu Teil wird. Vielleicht tut sich dann was, wenn das öffentliche Image als schlecht empfunden wird...auch wenn ich das stark bezweifle

Anonym hat gesagt…

Seit ende Februar 2017 sind leider im Zuge des Aufkaufens der Kaisers Filialen durch die Edeka auch einige Kaisers Filialen in Netto Filialen umgeflaggt worden. Nach erster positiven Euphorie seitens der Mitarbeiter stellte sich schnell heraus was nun los ist. Innerhalb der ersten 4 Monaten wurde das Personal fast von 22 Mitarbeiter auf 13 quasi halbiert
(wovon wiederum die Hälfte nur 7 Stunden/Woche Aushilfskräfte sind). Alle auslaufenden Verträge wurde nicht verlängert, Azubis gewährte man nicht das 3 Lehrjahr, andere wurde gegen Ihren willen in andere Filialen versetzt. Die Öffnungszeiten wurde von 21 auf 22 Uhr nach oben korrigiert.

Es ist wohl gewollt das man die anfallenden Arbeiten nicht mal ansatzweise in einem Realistischen Zeitrahmen schaffen kann. Geschweige denn überhaupt Genug Personalstunden zur Verfügung hat um Generell den Laden besetzt zu kriegen. So sind es bei mir alleine schon zu über 60 Überstunden gekommen. Am Anfang hieß es diese werden ausgezahlt, nun heißt es man solle sie abfeiern und neue Überstunden seien unerwünscht. (Ich muß fast jede Woche ohne frei durcharbeiten da sonst keiner mehr da ist...abfeiern? ich lach mich weg)

Und Ja, nach dem Übergang zu Netto, macht zumindest die Filiale in der ich "noch" tätig bin, sehr viel mehr Umsatz als noch zu Kaisers Zeiten.

Klar will man die lästigen Kaiser´s Altverträge los werden und im meinen Fall haben sie bereits gute Arbeit geleistet.