Freitag, 11. September 2015

Die Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt: Ein steiniger Weg mit einer ganz großen Hürde neben vielen anderen. Und wieder auch mehr oder weniger abseitige Gedankenspiele

In den vergangenen Wochen musste man zuweilen den Eindruck bekommen, die deutsche Wirtschaft steht bereits Schlange, um die Flüchtlinge, die zu uns kommen, in Lohn und Brot zu bringen. "Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir". Mit diesen Worten wird beispielsweise Dieter Zetsche zitiert in dem Artikel Daimler-Boss lässt in Flüchtlingszentren nach Arbeitskräften suchen. Obgleich die Headline etwas vorgriffig ist, denn er lässt das nicht tun, sondern er könnte es sich vorstellen, das zu tun: "Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den Aufnahmezentren die Flüchtlinge über Möglichkeiten und Voraussetzungen informieren, in Deutschland oder bei Daimler Arbeit zu finden". Und bereits vorher war der Premiumkarossenhersteller mit ganz konkreten Forderungen an die Politik aufgefallen: »Kürzlich hatte bereits Daimler-Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt in einem Zeitungsinterview angeregt, die Regeln zur Arbeitsaufnahme allgemein zu lockern und Asylbewerbern nach einem Monat zu gestatten, eine Arbeit aufzunehmen.« Der Hintergrund sind reale Restriktionen: Asylsuchende und Geduldete dürfen in den ersten drei Monaten überhaupt nicht arbeiten und auch danach haben sie nur schlechte Chancen auf einen Job, wenn es "bevorrechtigte Arbeitnehmer" gibt, was die Arbeitsagenturen über eine "Vorrangprüfung" feststellen müssen, die für viel Arbeit sorgt. Dies sind Deutsche, aber auch EU-Ausländer oder anerkannte Flüchtlinge. Erst nach 15 Monaten fallen diese Hürden weg. Vorstöße wie der aus der Konzernzentrale von Daimler könnten den Eindruck erwecken, dass man viele Flüchtlinge gleichsam direkt nach ihrer Einreise beschäftigen könnte. Dem ist aber offensichtlich nicht annähernd so.

»Andrea Nahles dämpft die Euphorie: Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen koste Zeit und Geld, sagt die Arbeitsmarktministerin. Dabei reicht ihr Zeithorizont nicht über Monate, sondern über Jahre«, berichtet das Handelsblatt in dem Artikel Integration dauert viel länger als gedacht. Die Ministerin hat vor zu viel Euphorie bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gewarnt. Erste Auswertungen des Projekts Early Intervention der Bundesagentur für Arbeit (BA) hätten gezeigt, dass nicht einmal jeder zehnte Flüchtling direkt in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden konnte.
Zu diesem Projekt vgl. auch den IAB-Forschungsbericht von Daumann, V. et al.: Early Intervention - Modellprojekt zur frühzeitigen Arbeitsmarktintegration von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern Ergebnisse der qualitativen Begleitforschung, Nürnberg 2015.
Deshalb sei auch klar, dass der Flüchtlingsandrang zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahl führen werde, so die Ministerin, um der kommenden Entwicklung schon mal vorzubeugen. Zugleich macht sie konkrete Veränderungsankündigungen, denn sie hoffe auf eine Verständigung mit den Bundesländern, »die Vorrangprüfung für eine Weile auszusetzen, ohne dabei die einheimischen Arbeitslosen aus dem Blick zu verlieren.«

Steffen Fründt, Philipp Vetter und Virginia Kirst beschäftigen sich in ihrem Artikel Die große Hürde für Flüchtlinge bei der Jobsuche mit dem Nadelöhr für viele Flüchtlinge - den notwendigen Sprachkenntnissen und warum es kaum möglich ist, ihnen schnell Deutsch beizubringen.
»"Der beste Weg der Integration ist die berufliche. Doch die scheitert sehr häufig schon allein an den Sprachkenntnissen", sagt Sönke Fock, Geschäftsführer der Hamburger Agentur für Arbeit. Er dämpft die Erwartungen derer, die in der Flüchtlingswelle eine schnelle Lösung für den Fachkräftemangel im Land sehen. Mit Ausnahme von ein paar IT-Firmen sei gutes Deutsch die Grundvoraussetzung, um auf dem deutschen Arbeitsmarkt überhaupt vermittelbar zu sein.«
Auch hier wird auf die Erfolgsquote von Early Interventions, einem Programm, mit dem die Agentur für Arbeit in mehreren deutschen Städten Menschen mit Migrationshintergrund durch Coaching und Sprachschulung in Beruf und Arbeit zu vermitteln versucht, hingewiesen:
»Seit eineinhalb Jahren läuft das Programm in Hamburg, über 2000 Kandidaten meldeten sich bislang zu der freiwilligen Maßnahme an. Davon erfolgreich in eine Arbeitsstelle vermittelt wurde bis heute keiner.«
Das schlägt sich auch schon in der offiziellen Arbeitsmarktstatistik nieder:
»Während die Zahl der deutschen Arbeitssuchenden deutlich um knapp sechs Prozent auf 3,8 Millionen Arbeitssuchende schrumpfte, wuchs sie im gleichen Zeitraum unter den Arbeitssuchenden mit ausländischer Staatsangehörigkeit um neun Prozent. Ihre Anzahl beträgt nun rund eine Million Menschen. Damit sind überproportional viele Ausländer auf der Suche nach Arbeit. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt bei rund neun Prozent, sie stellen aber 21 Prozent der Arbeitssuchenden.«
Die vielen Flüchtlinge, die vor kurzem Deutschland erreicht haben, sind da noch gar nicht eingerechnet.

Die größte und vor allem zeitaufwendigste Barriere ist und bleibt die Sprache. » Schon ein Basiskurs Deutsch dauert 300 Stunden. Dabei werden allerdings nur Grundlagen vermittelt. Je nach Status und Herkunftsland kann es dann sehr lange dauern, bis ein Aufbaukurs mit 600 Stunden oder "Deutsch für das Berufsleben" folgt, Wochen oder Monate, in denen das Erlernte oft gleich wieder vergessen wird. Untergebracht in isolierten Einrichtungen und umgeben von Landsleuten fehlt schlichtweg die Praxis.« Und an unsere eigenen Erfahrungen anknüpfend bringt das folgende Zitat das Grundproblem, mit dem wir konfrontiert sind, auf den Punkt:
»Wenn schon unbelastete und aufnahmefähige Jugendliche Jahre brauchen, um eine einfache Fremdsprache wie Englisch zu erlernen, wird schnell deutlich, dass die nun von Politikern propagierte schnelle Integration in den Arbeitsmarkt in vielen Fällen tatsächlich ein eher zäher und langwieriger Prozess werden wird.«
Hinzu kommt: Um 800.000 Flüchtlingen Deutsch beizubringen, fehlen schlichtweg die Lehrkräfte. Deutschlehrer sind schon jetzt auf dem Arbeitsmarkt praktisch nicht mehr zu finden. Und die, die bislang in diesem Feld gearbeitet haben, sind mit nur noch als skandalös zu bezeichnenden Arbeitsbedingungen konfrontiert (vgl. dazu den Blog-Beitrag 1.200 Euro im Monat = "Top-Verdienerin"? Lehrkräfte in Integrationskursen verständlicherweise auf der Flucht oder im resignativen Überlebenskampf vom 2. September 2015). "Das Fehlen qualifizierter Deutschlehrer droht zum Flaschenhals der Integration zu werden", befürchtet Hamburgs Arbeitsagenturchef Fock. Wohl wahr.

In diesem Kontext hat sich auch der Bundesverband der Träger beruflicher Bildung (BBB) zu Wort gemeldet unter der Überschrift Flüchtlinge haben absoluten Vorrang: »Die Bildungsträger unterstützen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Neue Lehrerstellen für Integrationskurse und bessere Planungssicherheit haben aber ihren Preis.« Der Vorstandsvorsitzende des BBB, Thiemo Fojkar, wird mit diesen Worten zitiert:
»„Es müssen tausende von Lehrerstellen neu besetzt werden, allein um die Integrationsklassen aufrecht zu erhalten und ausbauen zu können. Eine enorme Verantwortung, die da auf uns alle zukommt.“
Wenn die Bedingungen für Träger und deren Personal nicht verbessert werden - derzeit bekommt ein Lehrer in einem Integrationskurs zwischen 800 bis 1200 Euro Honorar - dann ist zu befürchten, dass Lehrkräfte, die dringend gebraucht werden, zunehmend in attraktivere Arbeitsfelder abwandern und zusätzliche Stellen nicht besetzt werden können.«
Das sind die Realitäten und eine Andeutung der Hindernisse, die man in der Lebenswirklichkeit vorfindet. Das hindert natürlich Theoretiker nicht daran, munter weiter mehr oder weniger gehaltvollen Gedankenspielereien in die Öffentlichkeit zu werfen. Hierzu ein Beispiel: »Derzeit dauert es zu lang, bis Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis bekommen. Die Gemeinden müssen deshalb hohe Kosten tragen. Doch schon eine einfache Maßnahme könnte zu einer Win-Win-Situation führen.« Da horcht man auf, vor allem, wenn der Artikel auch noch überschrieben wird mit Diese Idee löst ein großes Problem der Flüchtlinge. Und die kommt von Thomas Straubhaar ist Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg und Fellow der Transatlantic Academy in Washington.

»Dürften Flüchtlinge arbeiten, könnten sie selber einen Teil ihrer alltäglichen Aufenthaltskosten tragen. Bestenfalls leisten sie dann sogar über ihre Einkommenssteuern einen Beitrag in die öffentlichen Kassen. Erneut eine weitere Win-Win-Situation«, so Straubhaar. Der allerdings das Dilemma zu erkennen meint, dass dadurch Anreize gesetzt werden, dass noch mehr Flüchtlinge zu uns kommen werden. Was also ist seine Idee?
»Arbeit ja, aber volles Einkommen nein. Asylsuchende sollten rasch und unbürokratisch die Arbeitserlaubnis erhalten. Sie sollten auch genauso bezahlt werden müssen, wie es orts- und branchenüblich ist. Also keine Diskriminierung aufgrund ihres Flüchtlingsstatus. Das Gehalt sollte jedoch nicht vollständig an die Beschäftigten ausbezahlt werden. Ein nicht unwesentlicher Teil sollte an die jeweiligen Gemeinden fließen, als eigener Kostenbeitrag der Flüchtlinge an die allgemeinen kommunalen Aufwendungen für die Betreuung der Asylsuchenden.«
Der gute Mann plädiert also für eine Sondersteuer für arbeitende Flüchtlinge. Das »Recht auf Arbeit bei beschränktem Einkommen (sei) ein gangbarer Kompromiss. Er würde den Asylsuchenden die Langeweile des Wartens ersparen und eine sinnvolle Tätigkeit ermöglichen. Er bietet die Chance, dass Flüchtlinge einen Teil der durch das Asylverfahren entstehenden Kosten selber tragen könnten.« Unabhängig von der Fragwürdigkeit des ganzen Ansatzes insgesamt - der Vorschlag geht offensichtlich davon aus, dass die Aufnahmebereitschaft des Arbeitsmarktes sehr groß sein muss. Aber was, wenn nicht? Jedenfalls nicht zu halbwegs akzeptablen Bedingungen?

Im Vergleich dazu weitaus näher an der Lebensrealität ist da schon eher diese Debatte: Arbeitslose als Flüchtlingshelfer? Lob und Kritik an Kraft: Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat vorgeschlagen, Langzeitarbeitslose künftig als Flüchtlingshelfer einzusetzen. Der Bund sollte Programme für öffentlich geförderte Beschäftigte massiv ausbauen, so Kraft. Nun ist eine kontroverse Debatte losgegangen:
»Der Hauptgeschäftsführer des NRW-Städte- und Gemeindebundes, Bernd Jürgen Schneider, sprach von einer „Schnapsidee, weil Langzeitarbeitslose als Flüchtlingshelfer mehr Probleme schaffen als lösen“. Rückendeckung erfuhr Kraft dagegen von der Landesagentur für Arbeit. „Wir finden die Idee gut“, sagte Sprecher Werner Marquis dieser Zeitung. „Es gibt sehr wohl Arbeitslose mit hoher Qualifikation, die aufgrund des Alters oder wegen gesundheitlicher Probleme als Kümmerer fungieren können.“ So könnten Langzeitarbeitslose ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsbetreuung unterstützen. Die Arbeitsagentur nennt Beispiele: Behördengänge, Einkauf, Bedienen von Geräten, Formulare, Hilfe bei der Kinderbetreuung oder die Unterstützung von Lehrern im Deutschunterricht – „ganz alltägliche Dinge eben“, sagt Marquis. Die Arbeitsagentur schätzt, dass zu Beginn landesweit „Luft“ für bis zu 300 Stellen im Haushalt ist. Dazu müssten Wohlfahrtsverbände aber als Träger einspringen. „75 Prozent der Kosten des Arbeitsentgelts der Langzeitarbeitslosen können übernommen werden“, rechnete Marquis vor.«
Kritisch dazu Matthias Knuth vom IAQ der Universität Duisburg-Essen. Er bemängelt: »Es fehle an Strukturen und Personal, um diese Leute einzuarbeiten und zu schulen. „Wie soll zum Beispiel ein Langzeitarbeitsloser einem alleinreisenden jungen Flüchtling helfen, wenn er dabei nicht angeleitet werden kann?“ Es bringe wenig, „die Probleme der Flüchtlingsbetreuung und die der Langzeitarbeitslosigkeit in einen Topf zu werfen und zu meinen, damit habe man eine Lösung“, sagte Knuth. Das werde nicht funktionieren.«

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Langzeitarbeitslose als Flüchtlingshelfer

Teil I

Die Debatte, Langzeitarbeitslose als „Flüchtlingshelfer“ einzusetzen macht einen als eben Langzeitarbeitslosen einerseits und einmal mehr zornig. Sie gießt mit diesem Vorschlag inhaltlich einen neuen Wein in den alten, mehr als maroden Schlauch vorangegangener, stets sich wiederholender Debatten darüber, wo und für was (Langzeit-) Arbeitslose gerade wieder „gebraucht“ und „eingesetzt“ werden könnten. Dahinter steht sicherlich auch die ernste Frage, wo und wie Langzeitarbeitslose überhaupt „in Arbeit integriert“ werden könnten, wo, so wird es jedenfalls von den Debattierenden gesehen, plötzlich oder latent immer wieder Arbeit vorhanden zu sein scheint, die irgendwie niemand ausüben will oder kann oder nicht bezahlt werden will oder kann. Und immer wieder erkennt man die Langzeitarbeitslosen als die, die dafür in Frage kämen. Wir avancieren jetzt in der (theoretischen) Perspektive dieser Debatten von Helfern in der saisonalen Obst- und Gemüseernte zu Arbeitslosen mit hoher Qualifikation, welche in Sachen Flüchtlingshilfe „als Kümmerer fungieren können“. So wird Werner Marquis von der Landesagentur für Arbeit NRW vom Bonner Generalanzeiger zitiert (http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/nrw/schnapsidee-oder-guter-ansatz-article1719839.html). Die im Bloggartikel wohl wörtlich zitierte Version seiner Äußerung durch die WAZ lautet: „Es gibt sehr wohl Arbeitslose mit hoher Qualifikation, die aufgrund des Alters oder wegen gesundheitlicher Probleme als Kümmerer fungieren können.“ Mal ernten wir dann Spott und Verachtung, wenn uns die medialen Unterschicht-Programme in der Glotze als versagende, zur Drückebergerei neigende Spargelstecher zeigen, die auf dem Felde der Arbeit schlapp machen. Mal klingt es wohlwollend aber eben doch auch so paternalistisch-vormundschaftlich wie bürokratisch, wenn man unter uns zwar Qualifizierte erkennt, deren Tauglichkeit für noch irgendwelche Arbeiten oder „Arbeitsgelegenheiten“ sich aus der Sicht der Arbeitsagentur aber eben nicht daraus ergibt, sondern aus gleichzeitig vorhandener gesundheitlicher Vorbelastung und fortgeschrittenem Alter. Was beides nun mal auf uns Langzeitarbeitslose in nicht geringer Zahl zutreffen kann.
Und schon tritt in der Perspektive der Aspekt des Qualifikatorischen wieder in den Hintergrund und das Kalkül des schnellen Vermittlungserfolges für die Statistik nach vorn. Der scheint erreichbar, wenn man diesen ja auch nicht mehr so belastbaren Erwerbslosen dann >>Behördengänge, Einkauf, Bedienen von Geräten, Formulare, Hilfe bei der Kinderbetreuung oder die Unterstützung von Lehrern im Deutschunterricht, ganz alltägliche Dinge eben<< in Aussicht stellt, wie die WAZ Werner Marquis zitiert. Da wirkt dann für einen Arbeitslosen der ernst zu nehmende Vorschlag der Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft nach einer massiven Ausweitung öffentlich geförderter Beschäftigung für Arbeitslose mit mehrfachen Vermittlungshemmnissen, gleichzeitig doch etwas befremdlich-kurios. Zitiert sie der Bonner Generalanzeiger doch so, dass >>Langzeitarbeitslose "im Rahmen ihrer Möglichkeiten" auch ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsbetreuung unterstützen [könnten].<< Der langzeitarbeitslose Mensch als Helfers-Helfer der im zivilgesellschaftlichen Engagement ehrenamtlich Tätigen, welche der Politik in den letzten Jahren mehr und mehr „am Herzen“ liegen, das hat was. Was aber eben doch einmal in eine mehr negative, das andere Mal in eine mehr positive Richtung weißt, wie Tätigkeiten Erwerbsloser im zivilgesellschaftlichen Bereich verfasst sein können, bzw. verfasst sein müssen.

Anonym hat gesagt…

Teil II

Dazu zuerst mal, ich war sowohl mit einer „Arbeitsgelegenheit“, AGH, Ein-Euro-Job genannt als auch länger ehrenamtlich mit organisatorischen und betreuenden Aufgaben auch für z. B. unbegleitete minderjährige Flüchtlinge tätig. Von daher schätze ich das Wort „Kümmerer“ und weiß um die nützliche Wirkung von Tätigkeiten wie der genannten für Migranten und andere und ihre positive Wirkung auf den Helfer selbst. Und einige der Mitstreiterinnen und Mitstreiter waren ebenfalls arbeitslos, zwischen fünfzig und sechzig Jahren, von der Ausbildung her mit Studium vor allem aber immer, das ist viel wichtiger, geeignet. Und die leisteten sehr guten Deutsch- und Mathematikunterricht und betreuten mit sechzig die noch älteren Menschen und schoben Rollstühle. Und gesundheitlich stand es um uns alle nicht immer zum Besten. Und wir gingen in die Schulen, zu den Eltern, zu den Jugendämtern und in die Flüchtlingsunterkünfte. Und wir lernten das alle im „training on the job“. Und ganz klar: Ohne den Einsatz von vorerfahrenen Leuten wäre das nicht gegangen und nicht ohne den beratenden Sachverstand von jeweiligen Fachleuten. Aber: Bemerken sie erst mal neben den „ganz alltäglichen Dingen eben“ bei der Nachhilfe mit einem fremdsprachlichen Kind dessen Sprachfehler, der in seinem Deutsch erst recht nicht so hervortrat, es aber behinderte. Eine arbeitslose, selbst mit schwerer Krankheit kämpfende Ethnologin, welche die Sprache des Kindes beherrschte, hat ihn bemerkt. Dann konnte der Logopäde helfen. Studium, hoch qualifiziert? Auch arbeitslose Industriekaufleute beherrschen das kaufmännische Rechnen sehr gut…insbesondere im Einsatz für schwer nach-pubertierende Berufsschüler…

So, wir wussten also, dass man nicht vorschnell sagen soll, das oder das geht gar nicht und man soll das auch nicht hinsichtlich des Wortes der Ministerpräsidentin von NRW von den Helfern der Helfer. Aber glaubt man im Ernst, dass einer, der sich mit einer bewussten Haltung zivilgesellschaftlich engagiert, sich als „Aufpasser“ für einen Erwerbslosen neben ihm auf funktionalisierte Weise „engagieren“ lässt, der für ihn dann das Helferlein machen soll und für den er dann auch noch die Arbeitszeitenbescheinigung und die Fehlzeiten für das Jobcenter unterschreiben soll? BLÖDSINN! Im Ehrenamt, wenn es richtig ist, lernt jeder von jedem, kennt seine Grenzen und ist als Gleicher unter Gleichen tätig PUNKT. Und jeder Arbeitslose, der davon auch nur den Hauch einer Ahnung hat, das sind 99 Prozent, würde sowas nur unter Zwang mit sich machen lassen – mit entsprechenden Ergebnissen. Anders als unter dieser Voraussetzung, wird man die Kompatibilität zwischen diesen beiden Bereichen und ihren Menschen nicht herstellen können.

Anonym hat gesagt…

Teil III

Man hat sich z. B. aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement heraus erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, dass die Jobcenter „ihre“ Langzeitarbeitslosen womöglich unter Sanktionsandrohung zum Bundesfreiwilligendienst hinfort bewegen. Jetzt bleibt Freiwilligkeit freiwillig. So freiwillig, dass in den neuen Bundesländern Arbeitslose deutlich über 27 Jahre den Bundesfreiwilligendienst sehr, sehr häufig annehmen. Und ich bleibe auch entgegen empirischen Befunden dabei, dass das nicht nur der Not in Hartz IV geschuldet ist, sondern auch einer Suche nach Sinnhaftigkeit. Das war das erste und bisher einzige Mal, dass ich davon hörte, dass der Anspruch auch von Arbeitslosen nach Selbstbestimmung gegenüber der Politik und der Arbeitsverwaltung erfolgreich mit verteidigt wurde! Das darf nicht wieder untergepflügt werden.

Und hier darf auch nicht von Seiten der Politik und von welcher Seite auch immer eine Hierarchisierung sich durchsetzen zwischen dem umworbenen Feld des zivilgesellschaftlichen Engagements hier und der lästigen, abgehängten „Sphäre der Erwerbslosen in Hartz IV“ dort. Ja, es ist ein Unterschied in Lebensgefühl und Lebenssituation, ob einer aus existenzgesicherten Verhältnissen heraus im zivilgesellschaftlichen Bereich „zum Kümmerer“ wird oder ob einer von denen zum „Kümmerer“ wird, die in Hartz IV verkümmern müssen. Nur denke man bitte nicht, dass man letzteren auf die bekannte paradox-doofe Weise und unter Sanktionsandrohung erst zu etwas wie Freiwilligkeit „aktivieren“ müsse, was dem anderen aus sich selbst heraus und selbstbestimmt von allein möglich ist, der deshalb als „erwachsen“ gilt und nicht „an die Hand genommen“ zu werden braucht, also schon „gut“ ist. Während der andere erst außen- und obendrein interessengeleitete „Anreize“ bräuchte, um zur Selbstermächtigung gelangen zu können, um „gut“ werden zu können. Das ist dann auch wieder nur dieses sich im besten Fall wohlmeinend vormundschaftlich gebende, von seiner Notwendigkeit überzeugte Denken, dass sich selbst gegenüber völlig blind bleibt und am Ende ins Repressive umschlägt.

Es ist deshalb zuerst die Verantwortung gegenüber der Flüchtlingsbetreuung, von der aus die kritischen Anmerkungen von Mathias Knuth, IAQ, sehr ernst zu nehmen sind. Also von einem mit politischen Holterdipolter erfolgenden Zusammenwerfen der Probleme der Flüchtlingsbetreuung mit denen der Langzeitarbeitslosigkeit eine Lösung für beides zu erwarten, die viel erhoffte, viel gepriesene „Win-Win-Situation“. Wenn im zivilgesellschaftlichen Engagement ein vermehrtes Mitmachen von Langzeitarbeitslosen „gewünscht“ wird und darüber auch durchaus neue geeignete Strukturen entwickelt werden sollen, dann braucht es ein genaues Hinschauen auf beides. Es braucht den Abschied von gegenwärtigen Praktiken der „Betreuung“ der Langzeitarbeitslosen durch die Jobcenter und den Mut der Politik, diese zu beenden. Für neuen Wein sind die alten Schläuche zu marode. Vielleicht wird sogar sozial Innovatives daraus. Was sagt Alois Schumpeter über Unternehmung und Innovation: Doing new things or doing things in a new way.