Sonntag, 7. April 2013

Wenn Planer von Kindern kalt erwischt werden, dem Mangel an Kita-Plätzen und Erzieherinnen als Mangelware. Dann auch noch diese Inklusion. Und die Hochschulen machen auch Stress

Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, der im August dieses Jahres in Kraft treten wird, bewegt nicht nur viele Menschen, sondern stresst auch die Planer vor Ort. Das betrifft aber nicht nur die Frage der wahrscheinlich notwendigen Kita-Plätze, sondern kann auch die Grundschüler voll treffen, wenn die Planer - wie man am Beispiel Berlin sehen kann - "von Kindern kalt erwischt" werden: In Berlin steigt die Kinderzahl schneller als erwartet. In manchen Bezirken platzen die Grundschulen schon aus allen Nähten. Schnelle Hilfe ist aber nicht in Sicht, so Alke Wierth in ihrem Artikel. Sie beschreibt den "unerwarteten Anstieg" der Schüler/innen-Zahlen in Berlin aufgrund der Bevölkerungszuwanderung in die Hauptstadt.
Doch nicht nur die Schulen machen Stress in Berlin, da ist ja noch wie bereits angedeutet der anstehende Rechtsanspruch für die ganz Kleinen und auch hier meldet Berlin - die schon vergleichsweise viele Kita-Plätze für die unter dreijährigen Kinder haben - Ungemach:  Schon jetzt sind die Wartelisten lang, die Wege oft zu weit. Künftig dürfte es in vielen Kiezen noch schwieriger werden, einen Platz zu ergattern, so Anna Klöpper in ihrem Artikel "Auf die Plätze, fertig, los". Man muss sich verdeutlichen, von welchen Verhältnissen wir hier sprechen: Knapp zwei Drittel der Ein- bis unter Dreijährigen sind in Berlin bereits in Betreuung, bis Ende 2015 sollen es 70 % sein. Allein im vergangenen Jahr wurden 2.300 neue Plätze geschaffen - bis Ende 2015 sollen es 19.000 Plätze werden. Und wenn man dann weiter liest, stößt man auf ein scheinbares Paradox: Ein Mangel an Kita-Plätzen trotz freier Plätze. Wie das?

Anna Klöpper lässt einen Praktiker zu Wort kommen:
"Durch Langzeitkrankschreibungen fehlen mir drei Erzieherinnen, deren Stellen ich nicht neu besetzen kann. Die muss ich aus der Planung rausrechnen", sagt etwa Andreas Hoyer, Leiter der Kita Böhmische Straße in Neukölln.
Bei freien Stellen hat Hoyer wiederum ein anderes Problem: zu wenige Bewerber, die zu schlecht qualifiziert seien ... Und da auch die Alters- und Geschlechtermischung der Kinder stimmen muss, heiße "freie Plätze" nicht, dass sie auch für jeden verfügbar seien, der an sein Büro klopfe ... damit das Wunsch- und Wahlrechtsprinzip funktioniere, sei ein rechnerisches Überangebot von 5 Prozent pro Bezirk nötig: "Man braucht mehr Luft im System." In der Finanzplanung des Senats für den Kitaplatzausbau gibt es die aber nicht.
Womit wir bei den Menschen wären, die man neben den reinen Plätzen eben auch braucht, den Fachkräften. Das Erzieher/innen in Berlin eine "heiß begehrte Mangelware" geworden sind, ist erst einmal eine gute Nachricht. Aber diese wendet sich selbst für die Fachkräfte schnell ins Gegenteil: Denn der Personalmangel "... führe in vielen Kitas zu hoher Arbeitsbelastung, sagt etwa Christiane Weißhoff, Vorsitzende des Personalrats der landeseigenen Kitabetriebe City und Vertreterin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Weil viele Träger freie Stellen nicht besetzen könnten, steige die Belastung. Zudem könnten die etwa 2.000 QuereinsteigerInnen in der berufsbegleitenden Ausbildung viele Anforderungen noch nicht erfüllen, würden aber voll auf den Personalschlüssel angerechnet." Wir reden hier über eine richtig große "Branche": 5 % der Stellen seien unbesetzt. Derzeit arbeiten etwa 21.000 Erzieher/innen in Berliner Kitas. Und der Bedarf wird aufgrund des Ausbaus weiter steigen: Knapp 4.500 ErzieherInnen, so die GEW, werden allein für die neuen Kita-Plätze für die ganz Kleinen gebraucht. Rechne man noch die aus Alters- und anderen Gründen ausscheidenden Kräfte dazu, erhöhe sich die Zahl sogar auf 7.650. Wohlgemerkt - bis Ende 2015 und nur für Berlin.

Wenn wir schon beim Thema Fachkräftemangel sind, dann lohnt ein Blick auf die Lehrer. Nach Jahren der Vorhersage einer sicheren Taxifahrer-Karriere für Lehramtsstudierende hat sich das Bild auch hier gewandelt und seit einigen Jahren wird immer öfter ein eklatanter Mangel an Lehrkräften vorausgesagt, was viele junge Menschen zur Aufnahme eines solchen Studiums motiviert hat. Aber ist das auch stimmig? "Überall fehlen Lehrer - oder doch nicht?", fragt Heike Sonnberger. Sie setzt sich besonders mit dem Argument der anstehenden großen Pensionierungswelle auseinander. Der erste Blick scheint das zu bestätigen: Insgesamt gibt es an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland gut 670.000 Lehrer. Und die Statistiken über deren Altersverteilung sind erschreckend: Im Schuljahr 2010/2011 war fast die Hälfte der Lehrer in Deutschland 50 Jahre oder älter. Das "aber" folgt auf dem Fuße, denn der Befund ist differenziert: "Wer also Lehrer werden will, sich für MINT-Fächer begeistern kann und schnell studiert, hat gute Aussichten. Wenn der Bedarf dann allerdings gedeckt ist, sieht es für Neueinsteiger erst mal düster aus: Die Kultusministerkonferenz hat berechnet, dass die Zahl der Schüler bis 2025 bundesweit um 2,1 Millionen auf knapp 9,6 Millionen sinkt - und damit schrumpft auch die Zahl der benötigten Lehrer." Wie immer also: genau hinschauen.

Eine weitere große Baustelle  im Bildungssystem ist die Inklusion. Hierzu hat Thomas Vitzthum ein Kommentar verfasst: Die Inklusion behinderter Menschen sollte für uns längst eine Selbstverständlichkeit sein. Doch die Politik hat es bisher versäumt zu handeln. So werden schon früh wertvolle Förderchancen vergeben, so formuliert er es in seinem Beitrag "Inklusion kann man verordnen, Akzeptanz nicht". Was er damit meint, verdeutlicht das folgende Zitat:
Im Moment ist die Verunsicherung hoch. Lehrer sind überfordert, Eltern fürchten um die Lernfortschritte ihrer Kinder. Per Verwaltungsakt kann man Eltern die Möglichkeit gewähren, ihre Kinder auf jeder Schule anzumelden. Per Verwaltungsakt kann man auch die Förderschulen abschaffen. Vor allem die Stadtstaaten haben so gehandelt. Sie vermelden deshalb die meisten "Erfolge" bei der Inklusion. Andere Länder haben bis heute kaum etwas unternommen, Nordrhein-Westfalen etwa, Niedersachsen oder Bayern. Sie müssen "nacharbeiten". Das Thema Inklusion ist noch nicht recht ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Ein Versäumnis, gerade eines der Politik. Denn in Anbetracht von 500.000 Kindern, die als förderbedürftig eingestuft werden, handelt es sich nicht um ein Randphänomen ... Neben der Energiewende ist diese "Kinderwende" ein weiteres ambitioniertes Unterfangen der Politik. Und es erfordert vergleichbare Anstrengungen.
Er verweist darauf, dass es mittlerweile im Kita-Bereich hohe Inklusionsquoten gibt, aber: Mit Beginn der Schulzeit vollzieht sich ein Bruch, so Thomas Vitzthum:
Schon in den Grundschulen regiert das Ausschlussprinzip, in den weiterführenden Schulen verstärkt es sich zusehends. Und dabei geht es keineswegs nur um jene Kinder mit starken geistigen Behinderungen oder schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten. Für diese Kinder wird es immer spezielle Einrichtungen brauchen, schon um ihrer selbst willen. Es darf auch kein Tabu sein, die Interessen der übrigen Kinder im Blick zu behalten. Aber auch Kinder mit Lernstörungen, Mobilitätseinschränkung, Downsyndrom, Seh- oder Hörbehinderung werden im Moment separiert; also Kinder, die aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten mithalten könnten, die allerdings eine spezielle Betreuung brauchen. 
Das Thema Inklusion sei mitten in der parteipolitischen Kampfzone angekommen. Die einen wollen die Förderschulen erhalten und gleichzeitig hohe Inklusionsquoten erreichen, die anderen treten für ein Ende der Doppelstruktur ein. Auf alle Fälle gilt: "Es gibt große, berechtigte Ängste, dass eine schlecht gemachte Inklusion allen schadet: den behinderten wie den übrigen Kindern." Und nicht wirklich widersprechen kann man dem Verfasser, wenn er schreibt: "Die Ankündigung der Kultusminister, sich im April bei einer Tagung einmal mit der Frage zu beschäftigen, wie die Lehrerausbildung den Anforderungen der Inklusion nachkommen kann, ist ein Armutszeugnis. Wer weiß, wie träge Reformen in der Lehrerbildung vorankommen, kann ermessen, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis Lehrer mit einem tieferen pädagogischen Verständnis für die Inklusion die Hochschulen verlassen."

Was gibt es sonst noch aus dem Bildungswesen zu vermelden? Fast schon überdrüssig nimmt man die folgende Meldung wahr, in der es auch um "Teilhabe" gehen sollte, wofür ja Inklusion eigentlich steht: "Kommunen bleiben auf Geld für Bildungspakete sitzen": Von vielen Familien wird das Bildungspaket nicht angenommen, der Paritätische Wohlfahrtsverband bezeichnet es als "komplett gescheitert". Der Bund wird es nun evaluieren. Na, das beruhigt uns dann doch. Das Bürokratiemonster "Bildungs- und Teilhabepaket" hat eine Ergebnismaus geboren und die wird in den kommenden Jahren seziert. Ein Trauerspiel.

Gibt es wenigstens aus den Hochschulen irgendwas an erfreulichen Botschaften zu vermelden, wo doch heute immer mehr junge Menschen an die Hochschulen strömen? Na ja, wir betreten hier den Kernbereich des deutschen Föderalismus und dann ist die folgende Botschaft nicht wirklich überraschend: Eine halbe Million Studierende strömt jedes Jahr neu an die Unis. Die Anfängerzahlen verharren auf einem Allzeithoch. Die Länder jedoch wollen nicht länger bezahlen, wie aus den Verhandlungen um den Hochschulpakt hervorgeht, müssen wir in dem Artikel "Studieren mit dem Henkelmann" von Christian Füller lesen. Wobei die Artikel-Übeschrift begründungspflichtig ist, was Füller auflöst: Er berichtet von der Ruhr-Universität Bochum, mit 40.000 Studierenden. 6.400 Essen gehen in der neuen Hauptmensa täglich über den Tresen, die Mittagspause muss immer schneller abgewickelt werden. Ein typisches Effizienzproblem. Und auch Mensen können das: "Deswegen haben die Ruhr-Köche sich etwas Besonderes ausgedacht: den Henkelmann. Eine Pappbox mit Fast Food", so Füller. Irgendwie konsequent, war doch der Henkelmann alt ein wichtiges Utensil für die Bergleute unter Tage im alten Ruhrgebiet, die heute auf der roten Liste der aussterbenden Arten stehen.  Jenseits des Anekdotischen identifiziert Füller hier eine Kernaussage den derzeitigen Stand dieses wichtigen Bildungsbereichs betreffend: "(Der Henkelmann der Bochumer Mensa ist) ein Symbol dafür, wie die Bildungsrepublik mit dem Studentenboom von einer halben Million neuer Studierender Jahr für Jahr umgeht. Eine Bildungsexpansion im Fast-Food-Modus. Alle beklatschen den Studentenansturm - aber sie haben nur Kleingeld dafür. Egal, worum es geht - Hochschulbau, Wohnen und Essen oder Studienbedingungen -, überall regiert Schmalhans." Besonders schlimm ist es derzeit um den Hochschulbau bestellt, hier gehen Schätzungen von einem Investitionsstau in der Größenordnung von 25 bis 35 Milliarden Euro aus. Legitimiert wurde die unterlassene Bauleistung seitens der für Hochschulen zuständigen Bundesländer mit den immer wieder vorgetragenen "Prognosen", dass die steigende Zahl an Studierende nur ein kurzes Zwischenhoch sei auf dem Weg nach unten. Die müsse man eben "untertunneln". So geht das schon seit Jahren. Das ist an sich schon schlimme, aber es kommt noch schlimmer, so Füller: "Die Länder haben nichts gelernt. Jetzt begehren sie sogar auf. Im Beschlusspapier für die neueste Runde von Verhandlungen um den Hochschulpakt wollen sie sich aus der 1:1-Gegenfinanzierung der Bundesmilliarden verabschieden ... Die Kulturhoheit will man behalten, bezahlen aber sollen sie, bitte schön, andere." Also der Bund. Nachdem man die Bildungshoheit der Länder sogar in das Grundgesetz geschrieben hat. Toll.

Und auch aus einem anderen Teilbereich des Hochschulwesens kommen keine guten Nachrichten: Ein duales Studium wird gerne als Königsweg der Ausbildung angepriesen. Doch jetzt zeigt eine Umfrage: Zwei Drittel der Studenten reicht ihr Gehalt nicht zum Leben, so Johann Osel in seinem Artikel "Mär vom sorgenfreien Studentenleben" in der Süddeutschen Zeitung. Ausbildung und Studium in einem Aufwasch: Duale Studiengänge werden immer beliebter. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn gab es zuletzt deutschlandweit etwa 60.000 Studenten in dieser Doppelrolle. Die Studiengänge kooperieren jeweils mit Firmen, die Studenten wechseln zwischen Praxisphasen im Unternehmen und Theorie an der Hochschule. Konzerne erhoffen sich dadurch passgenau akademisch gebildete Mitarbeiter - und binden diese früh an sich. Oft wird als Vorteil des Modells die Vergütung genannt, so Osel in seinem Artikel. Doch hier gießt eine neue Umfrage Wasser in den Wein: Die Untersuchung des Portals "Wegweiser-duales-Studium" ergibt, dass gut zwei Drittel der Befragten kaum oder gar nicht mit ihrem Salär auskommen (Portal „Wegweiser Duales Studium“: Duales Studium: Reicht das Gehalt wirklich aus?)

Nach so viel Kritik und offenen Fragen muss man doch noch was Positives berichten können. Wie wäre es hiermit? "Azubis müssen auf die Bühne": Der Drogerie-Riese dm hat Kunst und Theater in seine Ausbildung integriert. Theater-Workshops enden mit einer Vorstellung vor Freunden, Familie und Kollegen. Das Unternehmen dm hat bereits seit dem Jahr 2000 Theaterpädagogik als feste Säule in der Ausbildung verankert. Bei dm heißt dieser Spielraum "Abenteuer Kultur". Dabei geht es ausdrücklich nicht um den Erwerb von Schlüsselkompetenzen, sondern um die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen, schreibt Rilo Chmielorz in seinem "taz"-Artikel. Und im Nachhinein fanden die meisten Auszubildenden die Theatererfahrung gut und hilfreich für die eigene Entwicklung.

Und wenn man dann wieder bedenkt, wie viel Theater beispielsweise in der Politik (oder auch im Management der Wirtschaft) gespielt wird, dann ist das doch wieder möglicherweise eine Schlüsselkompetenzschulung.

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