Freitag, 19. Dezember 2014

"Irre Beschäftigungseffekte", "wirklich tolles Land": Wenn Ökonomen sich überschlagen, lohnt ein Blick auf die Zahlen

Die deutsche Arbeitsmarktentwicklung in den vergangenen Jahren war von oben betrachtet sehr positiv. "Die" Beschäftigung wächst und wächst. Es gibt offensichtlich immer mehr "Arbeitsplätze" und zur Beweisführung wird dann darauf verwiesen, dass wir immer mehr "Beschäftigte" haben. In der Wirtschaftspresse kann man dann solche Jubelmeldungen lesen: »43 Millionen. Diese Zahl jagte Ende November durchs Land – ­exakt 43,006 Millionen Erwerbstätige, 408.000 mehr als im Jahr zuvor. So viele Menschen hatten noch nie einen Job. Auch die Arbeitslosigkeit fiel: auf 2,7 Millionen.« Dieses Zitat wurden dem Artikel Bofinger wundert sich über "irren" Jobmarkt von Georg Fahrion entnommen. »Kaum Wachstum - trotzdem brummt der Arbeitsmarkt. Das ist selbst für einen Ökonomen wie Peter Bofinger nur schwer erklärbar«, so der Autor des Artikels. Und Peter Bofinger ist doch einer bzw. der einzige eher kritische Ökonom in dem Gremium, das umgangssprachlich als die "fünf Wirtschaftsweisen" bezeichnet wird. Und um ganz sicher zu gehen, dass die frohe Botschaft vor dem anstehenden Fest auch ankommt, wird noch eine Schippe raufgelegt: Auch Bert Rürup, ehemaliger Kopf der Wirtschaftsweisen, ist voll des Lobes über Deutschland: „Seit einigen Jahren ist Deutschland ein wirklich tolles Land.“ Und dann - wenn denn die Zitate richtig sind - überschlägt sich der ehemalige Superberater der Bundesregierung: „Wenn ich Papst wäre, wüsste ich, warum ich den Boden küsse, wenn ich nach Deutschland komme.“ Das sitzt. Also alles gut im "Jobwunderland" Deutschland?
Es soll an dieser Stelle gar nicht erst die Frage gestellt werden, was dass denn für "Jobs" sind, die da vor sich hin wachsen. Aber ein nüchterner Blick auf Begriffe wie "Arbeitsplätze", "Beschäftigte" usw. ist schon hilfreich, denn dann offenbart sich zumindest ein differenzierteres Bild.
Man muss wissen, dass "Erwerbstätige" ein sehr weiter Oberbegriff ist. Darunter werden alle subsumiert - "normale" Arbeitnehmer mit einem Vollzeitjob, Teilzeitbeschäftigte einschließlich der geringfügig Beschäftigten, aber auch alle Selbständige bis hin zu den mithelfenden Familienangehörigen. Es gibt eine weitere Kategorie in der Arbeitsmarktstatistik: beschäftigte Arbeitnehmer. Zu den Arbeitnehmern zählen alle abhängig Beschäftigten (Beamte, Arbeiter, An­ge­stell­te, ge­ring­fü­gig Tätige und Auszubildende). Schaut man sich deren Entwicklung an, dann spricht auch hier alles für ein quantitatives "Jobwunderland" Deutschland. Man sieht das Wachstum der Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren. 2013 waren es fast 38 Millionen Menschen, die mit diesem Status gezählt wurden und im nunmehr fast abgeschlossenen Jahr 2014 ist die Zahl weiter gestiegen. Allerdings gibt die folgende Abbildung auch einen ersten Hinweis auf die Notwendigkeit eines diffenzierenden Blicks, denn die Zahl der Vollzeitbeschäftigten hat deutlich abgenommen, während spiegelbildlich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten erheblich angestiegen ist:


Man kann die hinter diesen Zahlen stehende Dynamik auch mit der üblichen Index-Darstellung sichtbar machen, in dem man also einen Blick darauf wirft, wie sich die einzelnen Komponenten seit 1991 entwickelt haben. Dann wird das Auseinanderlaufen - Vollzeit runter, Teilzeit rauf - klar sichtbar gemacht. Hinzu kommt ein weiterer, wichtiger Aspekt. Normalerweise werden immer Köpfe genannt, also 43 Mio. Erwerbstätige und viele denken dann, 43 Mio. Arbeitsplätze und bei Arbeitsplätzen denken dann viele an ganz bestimmte Arbeitsplätze, oftmals - ob bewusst oder unbewusst - an einen Arbeitsplatz mit Vollzeit und einem halbwegs "normalen" Lohn. Die Abbildung verdeutlicht aber auch den Tatbestand, dass zwar die Zahl der Arbeitnehmer insgesamt angestiegen ist, zugleich aber das insgesamt von diesen geleistete Arbeitsvolumen gemessen in Arbeitsstunden zurückgegangen ist, was sich natürlich auf dem Teilzeiteffekt erklärt, in dem auch die große Zahl an ausschließlich geringfügig Beschäftigten, auch "Minijobber" genannt, enthalten ist:


Und abschließend noch eine Abbildung, die hier nicht fehlen soll und auf die Notwendigkeit eines genaueren Blicks auf "die" Beschäftigung und ihrer Entwicklung verweist: Nicht jeder Job wird von einem anderen Menschen besetzt und ausgeübt, es gibt auch Menschen, die nicht nur einen, sondern zwei oder drei Jobs ausüben bzw. - da wird es dann wirklich interessant hinsichtlich einer erforderliche Tiefenanalyse - ausüben müssen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen:



Eigentlich erwartet man einen nüchternen Blick auf die Zahlen und die dahinterliegenden Entwicklungen und Ausformungen von Ökonomen, die sich nicht als Theologen ("den Boden küssender Papst") oder Psychiater ("irrer Jobmarkt") verstehen. Aber vielleicht sind sie ja auch nur falsch zitiert worden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Also mehr Beschäftigte teilen sich weniger Arbeit bei stagnierenden Löhnen...geiler Erfolg^^

Anonym hat gesagt…

Man kann es auch so sehen:

Seit Agenda 2010 (siehe Grafiken ab 2005) ist die Erosion oder auch die Abwanderung der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden gestoppt worden und immerhin wieder auf dem Stand 1995 / 2000.

Man muss ja nicht glücklich sein, über die niedrig bezahlten Jobs, die dazu erheblich beigetragen haben. Nur, was ist besser? Ein schlecht bezahlter Job ggf. als Aufstocker oder gar keiner plus Hartz IV? Besser für den Einzelnen und besser für die Gesellschaft?

Anonym hat gesagt…

PS
zu den "stagnierenden Löhnen". Die beziehen sich auf das Realeinkommen des Arbeitnehmers und damit NICHT auf das Einkommen pro Arbeitsstunde. Pro Stunde sind die Einkommen sehr wohl gestiegen.
Auch das kann man so und so sehen, man sollte es nur im Hinterkopf haben, bevor man Schlüsse ziehen möchte.

Anonym hat gesagt…

PS2

Ich erinnere mich gut an die 80-90er in denen die Gewerkschaften Arbeitslosigkeit bekämpfen wollten, indem sie die Wochenarbeitszeit zu vermindern suchten, Stichwort 35h Woche. Der Fehler dabei war nur "bei vollem Lohnausgleich". Hat auf dem damaligen sehr hohen Niveau nicht so gut funktioniert und steigende Arbeitslosigekeit beschert. Die zu teuren Jobs wurden schlicht exportiert z.B. Textilindustrie.

Seit 2005 scheint das aber ganz gut zu funktionieren. Die gleichbleibende Anzahl Stunden wird auf mehr Erwerbstätige verteilt und diese verdienen pro Person im Wesentlichen unverändert. Und ja, das sind auch viele sehr schlecht bezahlte Jobs dabei. Wäre es vielleicht besser, dass diese Jobs auch exportiert würden?
Das Gewerkschaftsziel erreicht - jetzt wird es bejammert - nanu? Was ist schlecht daran?

Dass wir in D und anderen Industriestaaten eine grössere Spreizung der Arbeitseinkommen sehen als vor 30 Jahren in einer relativ abgeschotteten Wirtschaft, das scheint mir in einer zunehmend globalisierten Welt völlig selbstverständlich. Schliesslich sind viele einfache Jobs auch einfach zu automatisieren / zu exportieren. Im Gegenzug wird die extreme Armut in Drittweltländern gemildert - und gleichzeitig heftig darüber geklagt, unter welch miserablen Bedingungen die Jobs dort ausgeführt werden. Dass die Leute jetzt nicht mehr verhungern, dass wird dabei gerne übersehen.