Donnerstag, 18. Dezember 2014

Motivationsgedopte Hartz IV-Arbeitslose nehmen nach Talentdiagnostik und Beschäftigungsradar als "Baumhaus-Bauer" oder "Blog- und Twitter Ghostwriter" den Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit auf. Richtig gelesen. Peter Hartz ist wiederauferstanden

Da ist er wieder - pünktlich im medialen Getümmel um "10 Jahre Hartz IV". Der Namensgeber Peter Hartz. Es handelt sich sozusagen um einen Wiederholungstäter, denn er ist heute ehrenamtlich für die von seinem Sohn geleitete Stiftung "Saarländer helfen Saarländern" tätig. Dort entwickelt er arbeitsmarktpolitische Konzepte, zuletzt für arbeitslose Jugendliche in Europa. Jetzt hat er ein Interview gegeben. Und wie immer muss man genau hinschauen - die Überschrift wird auf den ersten Blick vielen Kritikern gefallen: Hartz findet Grundsicherung bis heute viel zu niedrig. Und dann kommt: »Der hält seine Reform zehn Jahre nach Einführung für einen Erfolg, gibt aber Fehler zu. Langzeitarbeitslosen empfiehlt er eine Gruppentherapie.«

Erst einmal zur Frage der Höhe der Grundsicherung. Dazu Peter Hartz:
»Wir hatten eine höhere Grundsicherung vorgeschlagen, auf dem Niveau der durchschnittlichen Arbeitslosenhilfe, die damals 511 Euro betrug. Beschlossen wurden dann 359 Euro.« 
Allerdings taucht dieser Betrag von 511 Euro in den mir bekannten Dokumenten der Kommission nicht auf. Jedenfalls nicht im Abschlussbericht der "Kommission Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt", wie die Gruppe um Hartz offiziell betitelt war.

Vor dem Hintergrund der langjährigen Auseinandersetzungen über die Frage, wer denn die Grundsicherungsempfänger betreuen soll, also Bundesagentur für Arbeit versus Kommunen und dem letztendlichen Kompromiss eines zweigeteilten Systems mit "gemeinsamen Einrichtungen", wo BA und Kommunen zusammen die Jobcenter bestücken, sowie den Jobcentern in alleiniger kommunaler Trägerschaft, sehr interessant ist auch der folgende Passus aus dem Interview:
»Wir hätten Jobcenter und Arbeitsagenturen bei der Bundesagentur für Arbeit in einer Hand gelassen. Dass ein Teil der Jobcenter von den Kommunen betrieben wird, ist ineffizient.«
Auf die Frage nach dem expandierenden Niedriglohnsektor im Gefolge der "Hartz-Reformen" hat er eine klare Antwort:
»Es war notwendig. Neue Arbeitsplätze bringt ja nicht der Weihnachtsmann.«
Und dann baut er wieder einen für sich angenehmen Mythos auf:
»Jeder Mensch sollte aber ein menschenwürdiges Einkommen haben. Ein Mindestlohn, so wie er jetzt eingeführt wird, ist ein möglicher Weg, das zu sichern. Wir hatten ja auch 2002 einen geplant.«
Ach ja - und wo steht das in den damaligen Veröffentlichungen? Behaupten kann man viel. Andere Mitglieder der Kommission waren da ehrlicher und haben rückblickend geäußert, dass man einen solchen hätte einführen müssen gleichsam als Gegengewicht zu den erheblichen Verschlechterungen der Bedingungen für die Arbeitslosen, Stichwort Beseitigung der Zumutbarkeitsschutzbestimmungen.
Aber Hartz äußert sich auch zur aktuellen arbeitsmarktpolitischen Problemlage. Und da wird man dann noch unruhiger:
»Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist entschieden zu hoch. Hier sollte die Bundesregierung neue Wege beschreiten. Sie sollte die Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung der letzten zehn Jahre anwenden.«
Ah, die Verhaltensforscher. Sollte er es etwa nicht lassen können mit der Psychologisierung und radikalen Individualisierung von Arbeitslosigkeit? Nein, kann er nicht.
Aber lesen wir, was er dazu sagt:
»Man muss Langzeitarbeitslose in einer Gruppe betreuen und sie dazu bringen, sich selbst wieder zu einem Projekt zu machen. Sie müssen zu der Überzeugung kommen: "Ich will es, ich kann es". Die Leute müssen den Kopf frei bekommen zur Aufnahme von neuen Dingen.«
An dieser Stelle ist dann selbst die Interviewerin, Flora Wisdorff, etwas skeptisch und wirft ein: »Das klingt ein bisschen nach Gehirnwäsche.«

Aber Hartz lässt sich nicht beirren: »Die Bereitschaft zur Aufnahme einer Arbeit muss entwickelt werden.« Wir wollen an dieser Stelle nicht über die Annahmen diskutieren, die hinter solchen Aussagen stehen. Die Interviewerin hakt nach:
»Und das macht man dann in einer psychologischen Gruppentherapie?«
Jetzt kommt der alte Hartz wieder zum Vorschein - schöne neue Begriffswelten schaffen (wie war das noch einmal - "Ich-AG" oder ganz besonders pikant "familienfreundliche Quick-Vermittlung"):
»Ja, bis der Einzelne bereit ist, wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen, wird er dort betreut. Dann kommen unsere Talentdiagnostik und unser Beschäftigungsradar ins Spiel.«
Und dann hebt er in bekannter Manier ab:
»Wir finden heraus, welche besonderen Talente jemand hat. Und dann suchen wir einen Job, den er als Kleinunternehmer, als "Minipreneur" ausüben kann. Mit Hilfe von Big Data. Damit kann man nämlich nicht nur überwachen, sondern auch die Bedürfnisse für Dienstleistungen bis in die Nachbarschaft hinein messen.«
Auf seiner Website nennt er sogar Beispiele, was einem da drohen würde als motivationsgedopter Arbeitsloser: "Baumhaus-Bauer" oder einen "Blog- und Twitter Ghostwriter", um nur zwei Beispiele zu nennen.

Bevor man sich jetzt anfängt aufzuregen: Bisher hat die BA das Konzept noch nicht übernommen, was Herr Hartz sehr schade findet. Andere sicherlich nicht.

Kommentare:

somlu hat gesagt…

Peter Hartz erzählt doch nichts neues, diese Art Coachingkonzepte sind doch schon lange verbreitet.

Der neueste Trend hier in Köln in der Erwerbslosenbranche ist das sogenannte "Selbstvermittlungscoaching". Das Konzept klingt dem sehr ähnlich, was Peter Hartz da von sich gibt. Das Jobcenter hier erwartet in einigen Prokjekten sogar genau dieses Coaching. Viele Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, lassen sich zum Selbstvermittungscoach qualifizieren.

Der Name des Konzepts ist ja schon deutlich. In diesem und anderen Coachingkonzepten wird immer davon ausgegangen, dass es allein an den Erwerbslosen liege, dass sie keine Arbeit finden. Die strukturelle Problematik wird dabei komplett ausgeblendet. Meritokratie at its best.

Anonym hat gesagt…

Die bitter-traurige Ironie der Forderung von Hans Peter Hartz, den Erwerbslosen Menschen erst einmal ein solche finanzielle Unterstützung von Seiten der Gesellschaft zu gewähren, die ihnen zusammen mit der materiellen Existenz eine soziokulturelle Teilhabe am Leben der Gesellschaft ermöglicht, ist ja die, dass sie richtig ist! Sie bleibt richtig, egal ob ein Hans Peter Hartz diese Forderung nun überhaupt oder wenigstens mit dem notwendigen Nachdruck von Beginn seiner Konzeption von „individuellen“ Wegen aus der Erwerbslosigkeit an gefordert hat oder nicht. Sie bleibt auch weiterhin als solche richtig, obwohl sie bei den politischen Akteuren eben der nach ihm dann benannten Arbeitsmarktreformen eine Realisierungschance gleich Null gehabt haben dürfte und gegenwärtig (noch?) hat.
Es ist aber die Forschung selbst, die den hier angesprochenen Verkürzungen empirisch belegt widerspricht. Bereits 2005 erläutert die Psychologin Christine Morgenroth in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ) in ihrem Aufsatz „Arbeitsidentität und Arbeitslosigkeit – ein depressiver Zirkel“ (http://www.bpb.de/apuz/27815/arbeitsidentitaet-und-arbeitslosigkeit-ein-depressiver-zirkel?p=all) ihre empirischen Forschungsergebnisse. Nach Morgenroth können die depressiven Reaktionen eines Erwerbslosen auf seine Situation zuletzt genau nicht auf in seiner Persönlichkeit angelegten (psychischen) „Defizite“ zurückgeführt werden. Vielmehr sind solche depressiven Reaktionen auf einen für das Individuum nicht lösbaren Konflikt zurückzuführen, der aus einem ins Subjekt genommenen, den realen Verhältnissen geschuldeten gesellschaftlichen Widerspruch herrührt, der als solcher vom Individuum nicht lösbar ist, auf den es aber mit einem eben verinnerlichten Ambivalenzkonflikt reagieren muss, dessen Folge eine depressive Reaktion ist. Denn einerseits wird vom Arbeitslosen der immer zu bekundende Wille zur Arbeitssuche und Arbeitsaufnahme um fast jeden Preis verlangt, andererseits verlangt die dabei eintretende Erfolglosigkeit und die drohende Preisgabe einer einmal in der Berufsarbeit gefundenen Arbeitsidentität sowohl in der Arbeitslosigkeit als auch durch die Aufnahme nicht Identität stiftender Arbeit einen das Individuum überfordernden inneren Konflikt, dem gegenüber eben die Depression vielleicht noch (ein sicher nicht taugliches) Mittel des Schutzes wird
Was für mich als Erwerbslosen nun nicht bedeuten darf, in einer solchen inneren Verfassung drinnen zu bleiben (und ich weiß, wovon ich spreche). Und es darf auch nicht sein, in unbedachte oder überhaupt in“ Schuldzuweisungen“ zu verfallen, die jemanden zu Gewalttaten in Jobcentern hinreißen oder zu menschenverachtenden Ansichten und Taten anderen gesellschaftlichen Gruppen gegenüber. Nur komme man uns Erwerbslosen dann bitte auch nicht mit ebenso messianisch daher kommenden, wie jämmerlich dilettantischen Coachings, Motivationstrainings etc. auf neurolinguistischer Basis u. ä. m. wo gegenüber erwachsenen Menschen die Mär verbreitet wird, der Weihnachtsmann mit den Arbeitsplätzchen käme tatsächlich, wenn meine gecoachte Psyche das so will.