Freitag, 30. August 2013

Wenn Geldsorgen den IQ auffressen und Arme im Labor und in der freien Wildbahn von Armutsforschern unter die Lupe genommen werden

Es ist sicher allgemein bekannt, dass es so etwas wie einen "Teufelskreis der Armut" gibt, aus dem viele Menschen dann nicht mehr herausfinden (können). Nun haben US-amerikanische Forscher einen neuen Zugang zu diesem grundsätzlichen Problem ausprobiert, über den Jürgen Langenbach in seinem Artikel „Geldsorgen monopolisieren das Gehirn und senken den IQ“ berichtet.

Langenbach bezieht sich dabei auf den folgenden Beitrag:
Anandi Mani, Sendhil Mullainathan, Eldar Shafir, Jiaying Zhao: Poverty Impedes Cognitive Function. Science 30, August 2013, Vol. 341 no. 6149 pp. 976-980

Ökonomen um Sendhil Mullainathan vom Department of Economics der Harvard-University arbeiten an einem neuen Zugang, sie haben zunächst gezeigt, dass Armut in Abwärtsspiralen führen kann – Überziehungszinsen am Konto sind hoch, Jobs gehen wegen Unpünktlichkeit verloren etc. Sie gehen in ihrem Ansatz der Frage nach dem „Wie“ nach, also wie kann es zu diesen Abwärtsspiralen kommen? In den bisherigen Debatten stehen sich of zwei Lager gegenüber, die einen vertreten dabei den Ansatz, die Umwelt sei schuld, die anderen führen die beobachtbaren Abwärtsspiralen zurück auf individuelle Faktoren, die in der Person des Betroffenen angelegt sind. Mullainathan wird zitiert mit den Worten: „Wir argumentieren, dass der Mangel an finanziellen Ressourcen selbst zu einer Schädigung der Denkfähigkeit führen kann. So kann der schlichte Umstand, dass man nicht genug hat, ein Grund für Armut werden.“

Und wie sich das in der heutigen verhaltensökonomisch ausgerichteten empirischen Forschung gehört, geht man die Fragen mit Experimenten an. So auch bei Mullainathan et al., die ein erstes Experiment im Labor durchgeführt haben:

» Sie rekrutierten Testpersonen in einem Supermarkt und ließen sie dann zwei Aufgaben ausführen, die oft in IQ-Tests eingehen, bei der einen geht es um Logik, bei der anderen um Selbstkontrolle. Aber vorher kam noch eine lebenspraktische Frage: „Wenn Ihr Auto kaputt wäre und Sie für die Reparatur x Dollar bräuchten, wie würden Sie dieses Geld auftreiben?“ Das x war einmal hoch angesetzt (1500), einmal moderat (150). Diese Differenz wirkte auf den IQ, aber nur bei Armen (Jahreseinkommen im Durchschnitt: 20.000 Dollar): Wenn sie den Kopf voll hatten mit dem Problem, 1500 Dollar auftreiben zu müssen, schnitten sie im IQ-Test um 16 Punkte schlechter ab – das ist sehr viel –, als wenn es nur um 150 ging. Bei denen stand ihre Intelligenz der der Reichen (Jahreseinkommen 70.000) um nichts nach, und bei den Reichen hatte die fiktive Reparatur auch keinerlei Einfluss, ganz gleich, was sie kosten sollte.«

Nun lautet ein immer wieder vorgetragener Einwand, dass diese Laborexperimente in den Versuchsräumen der Hochschulen etwas sehr Künstliches haben und durch diese Umgebung die Ergebnisse möglicherweise erheblich verzerrt werden.
Also haben die Wissenschaftler um Mullainathan einen weiteren expertimentellen Ansatz gewählt, sie gingen ins Feld, im wahrsten Sinne des Wortes ins Feld, zu Zuckerrohrbauern nach Indien. Bei denen lag folgende Ausgangskonstellation vor: Diese Zuckerrohrbauern haben einmal im Jahr Geld, dann, wenn sie die Ernte verkaufen. „Im Monat danach sind sie ziemlich reich, im Monat davor sind sie ziemlich arm“, berichtet Mullainathan. Eine „wunderbare“ Konstellation für den experimentellen Ansatz, den man bereits unter Laborbedingungen getestet hatte:
„Wir haben sie zu diesen Zeitpunkten getestet, und gesehen, dass im Monat nach der Ernte der IQ steigt, die Fehlerquote sinkt und die Reaktionszeit auch.“ Der IQ stieg um zehn Punkte, jeweils bei ein und denselben Personen, so einer der Befunde.

„Wenn man arm ist, ist nicht nur das Geld knapp, die kognitive Fähigkeit ist es auch“, interpretiert Mullainathan, „das heißt nicht, dass Arme weniger intelligent sind, sie haben nur den Kopf voll mit den Geldsorgen und deshalb weniger Kapazitäten für anderes frei.“ Es sei wie bei einem Computer, der langsamer läuft, wenn er im Hintergrund beschäftigt ist, vergleicht der Forscher.

Die Wissenschaftler raten vor dem Hintergrund dieser Befunde der Politik nicht nur zu einer finanziellen Entlastung der Armen, damit die den Kopf frei bekommen, was ja für die Begründung von Sozialleistungen herangezogen werden kann. Sie erweitern die Ratschläge auch noch auf andere, im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Anliegen und ziehel aus ihren Erkenntnisse einleuchtende Schlussfolgerungen. Um das am Beispiel der indischen Zuckerrohrbauern zu illsutrieren: „Anti-Aids-Kampagnen etwa sollten kurz nach der Ernte stattfinden.“

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Dieser Blog ist prall voll mit Informationen und Tips. So schnell kann ich gar nicht nachlesen, wie neue Einträge erfolgen. Ganz selten findet man Kommmentare. Schade? Als Informationsquelle ist er jedoch ein voller Erfolg.
Mit diesem Artikel begibt sich sein Autor mutig auf wissenschaftlich und politsch "vermintes" Feld. Wird denn die Politik den Ratschlägen folgen, welche die zitierten Wissenschaftler in Konsequenz aus ihrer Forschung der Politik geben?
Ist man optimistisch, könnte man das annehmen. Andererseits zeigt sich, mit Blick auf so manches sozialpolitisches Handeln und Denken, hier auch bei wissenschaftlich erzielten Ergebnissen das alte Dilemma. Mit einem guten Hammer läßt es sich gut zimmern - oder einen Mord begehen. Die Diskussionen darüber dürften so alt sein wie Politik und Wissenschaft.

Ein Aspekt im Kreis des Themas will ich als Bezieher des Arbeitslosengeldes II, allgemein Hartz IV genannt, ansprechen.

Aus verschiedenen Nachrichtenquellen höre ich - des öfteren zuviel, als dass ich das nur als Einzelfall abtun könnte - dass Eltern in Hartz IV, die dann mit ihren Kindern eine sog. Bedarfsgemeinschaft bilden, davon abgeraten wird, dass ihree Kinder eine weiteführende Schule besuchen sollen, z. B. Realschule, Gymnasium. Trotz vorliegender Eignung der Kinder. Persönlich ist mir eine solche Schilderung (bisher?) noch nicht zu Ohren gekommen.

In allen allen von mir gehörten Fällen schienen die Schilderungen glaubhaft. Es handelte sich z. B. erkennbaar nicht um Mißverständnisse der Betroffenen dahingehend, dass man von Seiten der Jobcenter sachlich und den Fähigkeiten des Kindes entsprechend eben nur die Alternativen zwischen weiterführender Schulausbildung und Berufsausbildung angesprochen hätte.

In keinem der Fälle kamen Jugendliche und Eltern dem Rat-Schlag der Jobcenter nach. Es existieren wohl auch keine direkten gestzlichen Zwänge, ihm nachzukommen. Sie sahen sich jedoch regelrecht in einer Verteidigungsposition. Was sie in Bezug auf den Rat-Schlag und auf ihre Situation als zutiefst demütigend empfanden. Bei den Gesprächen im Jobcenter wurden z. B. die Schulzeignisse der Kinder herangezogen.
Ich kann hier nicht definitiv belegen, ob sich diese Vorfälle tatsächlich so zugetragen haben. Sich weiterhin zutragen? Die häüfigkeit der Fälle und die Art der Schilderungen sprechen aber leider dafür.

Als Ursache im Hintergrund habe ich folgende Erklärung: Die Aufnahme eier Berufsausbildung bringt vermitttels der Ausbildungsvergütung etwas Geld in die Bedarfsgemeinschaften. Das wird mit dem gewährten Satz von Hartz IV der Bedarfsgemeinschaft aufgerechnet. Von Seiten des Jobcenter und des Staates wird also gespart.

Und die Mitarbeiterinen und Mitarbeiter stehen unter einem hohen Druck, Einsparungen zu erzielen. So, wie sie insgesamt unter hohem Druck stehen.

Etwas, aber nicht nur ironisch zeigt mir das, wohin Denken unter Dauerstress führen kann. Was für ein kurzfristiges, auf den Augenblick und seinen vermeintlichen kleinen Vorteilen ausgerichtetes Denken. Was für eine Missachtung von Eltern und bildungsbestrebten Kindern. Ein Handeln, genau gegenteilig gegenüber der propagierten Bildungspolitik. Hier boykotiert sich Politik doch selbst, denkt man an Fachkräftemangel und vieles mehr. Oder: man will eine Zweiteilung der Gesellschaft. Bildung ja - aber nicht für das untere Viertel der Gesellschaft. Dann allerdings wäre "einleuchtend" wenn man der sozialen Vererbung Vorschub leistet.

Wie gesagt, ich kann die angesprochenen Fälle faktisch nicht belegen, wenngleich alle Indizien dafür sprechen. Und nicht nur ironisch gesehen erscheint es mir als ein schlimmes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn eine kurzfristig denkende, hektisch angelegte Politik um sich greift.