Freitag, 10. Mai 2013

Vor dem "Tag der Pflege" in den Alltag der Pflege mit seinem strukturellen Problem: Es fehlt vorne und hinten, an Zement und an Menschen.

Der internationale Aktionstag "Tag der Pflege" (auch als "Tag der Krankenpflege" bezeichnet) wird in Deutschland seit 1967 am Geburtstag von Florence Nightingale veranstaltet. Der fällt auf den 12. Mai. Dann werden wir sicher wieder viele lobhudelnde Worte über die Krankenpflege hören dürfen/müssen. Aber das vor diesem Hintergrund: Zu wenig Geld, marode Bauten und fehlende Fachkräfte - nicht nur die Krankenhäuser in Berlin beklagen immer wieder die gleichen Probleme und immer wieder werden Signale der Hoffnung an sie ausgesendet. Vom Alltag einer Berliner Krankenschwester erzählt ein Artikel von Hannes Heine im "Tagesspiegel". Die kurze Beschreibung des Tages kann einen ersten Eindruck vermitteln von den normalen Arbeitsbedingungen. »Als Andrea vor zehn Jahren hier begonnen hat, waren an solchen Tagen fünf Kolleginnen im Einsatz. Nun müssen drei reichen.« Dramatisch, wenn man gleichzeitig bedenkt, dass ja die heute auf den Stationen zu pflegenden Patienten nicht zu vergleichen sind mit Patienten vor 15 oder 20 Jahren, denn durch das fallpauschalierende Vergütungssystem sind die Verweildauern in den Kliniken massiv reduziert worden - womit allerdings auch verbunden war bzw. ist, dass die Patienten, die heute in den Kliniken sind, eine deutlich höhere Pflegeintensität aufweisen und die vielen Patienten, die früher noch ein oder zwei Tage länger auf Station verbracht haben, heute nicht mehr vorhanden sind. Mit der Konsequenz: Heute müssen nicht weniger Pflegepersonen das gleiche machen wie noch vor zehn Jahren. sondern deutlich weniger Pflegepersonen müssen gleichzeitig deutlich mehr Leistung bringen, um den neuen Anforderungen gerecht werden zu können. Überall stößt man auf die Folgen des offensichtlichen Personalmangels. Heine versucht aber über den illustrierenden Einzelfall hinweg eine Einbettung der Problematik in die allgemeine Entwicklung der Krankenhäuser, hierbei insbesondere der Auswirkungen des Fallpauschalensystems sowie des maßgeblich durch die Bundesländer verursachten Investitionsstau, denn die sind eigentlich zuständig und verantwortlich für eine ausreichende Ausstattung der Kliniken, z.B. mit OP-Räumen und medizinischen Geräten. Die Kassen zahlen die laufenden Betriebskosten und die Länder die Investitionskosten. Allerdings tun sie das schon seit Jahren nicht in dem eigentlich erforderlichen Umfang, so dass sich von Jahr zu Jahr ein nicht befriedigter Investitionsbedarf aufbaut, die zur einer erheblichen Unterfinanzierung der Kliniken beigetragen hat. Hannes Heine macht das mal am Beispiel von Berlin deutlich: »Während Hamburg 2011 pro Krankenbett 12.000 Euro in Geräte und Bauten seiner Kliniken investiert hat, brachte Berlin keine 4.000 Euro auf und ist damit Schlusslicht in Deutschland ... Die Berliner Krankenhausgesellschaft beziffert den Investitionsbedarf der Kliniken auf 200 Millionen Euro im Jahr – dreimal so viel, wie derzeit in den Häusern ankommt.« So was kann nicht über viele Jahre gut gehen - schlimmer noch: Die heute unterlassenen Investitionen führen dann später zu erheblich höheren Investitionsbedarfen. Diesen Zusammenhang kennt jeder, der eine Immobilie sein eigen nennt, nur zu Genüge. Und viele Krankenhäuser stehen unter erheblichen Kostensenkungsdruck:
»Wer bei diesem Kostendruck sparen will, kürzt zuerst bei den Beschäftigten. Ihre Gehälter beanspruchen 70 Prozent eines Klinikbudgets. Anders als in Altenheimen gibt es keinen Personalschlüssel. Ob ein Nachtpfleger 31 Patienten allein versorgt, fechten Geschäftsführer, Pflegedirektorin und Betriebsrat aus. Den Geschäftsführern hilft dabei, dass Schwestern und Pfleger seltener gewerkschaftlich organisiert sind als Ärzte.«
Da überrascht es denn auch nicht, wenn man in einem Beitrag lesen muss, dass nach Angaben der Gewerkschaft ver.di bundesweit 70.000 Stellen für Pflegekräfte in den Krankenhäusern fehlen. Solche Zahlen sind immer schwierig zu bewerten, denn die konkreten Werte sind abhängig von den Annahmen und Zielgrößen, die man zugrunde legt. »Nach Auskunft von Betriebsräten betreut eine Schwester im Schnitt bis zu 20 Patienten. In Skandinavien und den USA kümmert sich eine Pflegekraft in der Regel um etwa zehn Patienten. « Diese anzustrebende Größenordnung liegt der ver.di-Schätzung zugrunde. Wobei man allerdings dann auch darauf hinweisen muss, dass die Heterogenität der Berufsgruppen - von sehr hoch qualifizierten "Nurses" bis hin zu zahlreichen Hilfskräften - weitaus größer ist als bei uns in Deutschland. Herauszustellen bleibt aber die Tatsache, dass in den vergangenen zwanzig Jahren rund 20.000 Stellen für Pflegekräfte bundesweit gestrichen worden sind.

Wie passend hierzu: Mit einer leidenschaftlichen Verteidigung des Krankenhauses gegen seine betriebwirtschaftliche Belagerung beschäftigt sich  Christiane Grefe in ihrer Rezension der Streitschrift "Enteignet" der engagierten Journalistin Sonia Mikich. Der zornige Ton des Textes speist sich aus einer persönlichen Erfahrung der Autorin mit einer misslungenen Darmoperation und ihrer Odyssee durch das Gesundheitswesen. Aber sie bleibt dabei nicht stehen, der persönlichen Schilderung folgen Protokolle von Interviews mit Chefärzten, Pflegenden, einem Kunstfehleropfer, einem Anwalt, auch einem Sozialethiker - und der Diagnose, dass "das System" seine Maßstäbe verloren habe, seit es dem Markt immer stärker ausgesetzt wurde. »Schon mal von "OP-Surfen" gehört? So nennt das Klinikpersonal die Zumutung, dass manche Anästhesisten in zwei Sälen gleichzeitig die Betäubung der Patienten kontrollieren müssen, stetig hin- und herpendelnd. Das ist riskant und zugleich eine Kränkung des beruflichen Ethos.« Der Vorwurf wird formuliert, das Krankenhaus »sei zu einer Workflow-optimierten, industriellen Produktionsstätte mutiert«. Die gründliche Recherche für das Buch wird auch durch die beiden Co-Autoren Ursel Sieber und Jan Schmitt sichergestellt. Mit deren Hilfe dann auch die zentrale Systemfehlerdiagnose vorgetragen wird: »Verantwortlich gemacht wird etwa das Abrechnungssystem über Fallpauschalen, das vor zehn Jahren eingeführt wurde und ungleiche Krankenhäuser in einen gnadenlosen Konkurrenzkampf zwang.« Auch einige Reformvorschläge werden in dem Buch präsentiert, in dem hier relevanten Zusammenhang zu Pflege beispielsweise: »Gesetze sollten eine Mindestzahl von Pflegekräften festlegen ...« Das, was es in den Altenheimen schon gibt, in den Krankenhäusern aber nicht.

Immer dieses Geld. In dem Beitrag "Krankenhäuser am Tropf - die finanzielle Not der Kliniken", der am 27.04.0213 vom SWR ausgestrahlt wurde, wird das thematisiert.

Wer einen wissenschaftlichen Blick auf das Thema Pflege mit einem besonderen Fokus auf die Situation in der Intensivmedizin werfen möchte, der findet dazu viele Hinweise in dem "Pflegethermometer" des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln, das als PDF-Datei abgerufen werden kann:

Isfort, M.; Weidner, F.; Gehlen, D. (2012): Pflege-Thermometer 2012. Eine bundesweite Befragung von Leitungskräften zur Situation der Pflege und Patientenversorgung auf Intensivstationen im Krankenhaus, Köln: Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip) »» PDF

1 Kommentar:

Yassin Glaidos hat gesagt…

Hallo Hr. Sell,

Sie schreiben:

»Gesetze sollten eine Mindestzahl von Pflegekräften festlegen ...« Das, was es in den Altenheimen schon gibt, in den Krankenhäusern aber nicht.

Vielleicht können Sie kurz die Quelle für diese Information nennen. Ich werde nämlich nicht fündig.

Die Heimpersonalverordnung nennt ein Zahlenverhältnis von Fach- zu Hilfskräften. Es müssen also in der festgelegten Relation lediglich genau so viele Hilfskräfte wie Fachkräfte abgebaut werden. Das bietet durchaus Gestaltungsspielräume wie beispielsweise eine Auslagerung von Aufgaben.
Auch das Heimgesetz ist hier nicht ergiebiger.

Quellen:
http://www.pflegewiki.de/wiki/Heimpersonalverordnung
http://www.gesetze-im-internet.de/heimpersv/index.html
http://www.gesetze-im-internet.de/heimg/index.html

Besten Dank
YG

PS:
Vielen Dank für den guten Beitrag und die interessanten Quellenangaben.