Mittwoch, 14. März 2018

"Goldener Boden" - aber für wen? Das Handwerk zwischen Boom, Handwerkermangel und immer noch stagnierenden Löhnen mit einer strukturellen Lücke zu anderen Betrieben und Branchen

Dem einen oder anderen, vor allem den Betroffenen, wird die anekdotische Evidenz dieser Tage genügen, wenn es um die Frage geht, ob das Handwerk "goldenen Boden" hat. Viele erleben derzeit, was es bedeutet, wenn dieser kleinbetriebliche Bereich volle Auftragsbücher hat und wenn teilweise vor Ort immer weniger Handwerker zu finden sind.
Und dass die Geschäfte sehr gut laufen, lässt sich auch der aktuellen Berichterstattung entnehmen: Handwerk mit größtem Umsatzplus seit 2011: »Das deutsche Handwerk hat seinen Umsatz 2017 so kräftig gesteigert wie seit sechs Jahren nicht mehr. Er wuchs um 3,6 Prozent und damit bereits das vierte Jahr in Folge ... Das größte Plus verzeichneten die Handwerke für den gewerblichen Bedarf, wozu beispielsweise Metallbauer, Feinwerkmechaniker und Informationstechniker zählen. Auch das Bauhauptgewerbe - das vom anhaltenden Bauboom profitiert - meldete mit 4,5 Prozent eine besonders kräftige Steigerung.« Nun sei hier gleich darauf hingewiesen, dass es "das" Handwerk nicht gibt. Das Handwerk ist heterogen. Die Varianten reichen vom Industriezulieferbetrieb bis zum Handwerker im konsumnahen Umfeld, vom mittelständischen Unternehmen mit hunderten Mitarbeitern bis zum Kleinstbetrieb. Die Handwerksbetriebe sind nach der Handwerksordnung in 41 zulassungspflichtigen, 53 zulassungsfreien und 57 handwerksähnlichen Gewerben tätig. Handwerker sind eine bedeutsame Gruppe unter den Erwerbstätigen. Weit über fünf Millionen Menschen, 12,5 Prozent aller Beschäftigten, zählen dazu. Und die Breite des Wirtschaftsbereichs zeigt sich auch aktuell hinsichtlich der zitierten glänzenden Zuwachsraten, denn auch das gehört zur Wahrheit: »Am geringsten wuchsen mit 1,4 Prozent die Einnahmen in den Handwerken für den privaten Bedarf, zu denen zum Beispiel Friseure und Steinmetze gehören.« Zu den detaillierten Zahlen vgl. auch die Meldung des Statistischen Bundesamtes: Handwerk: 3,6 % mehr Umsatz im Jahr 2017 gegenüber 2016.
Da müsste doch, so wird der eine oder andere lehrbuchgeschulte Leser denken, was passieren bei den Löhnen der im Handwerk Beschäftigten. Die müssten ordentlich steigen, damit die Knappheit auf dem Markt signalisiert werden. Was ja auch eine gute Werbung wäre für den dringend benötigten Nachwuchs in handwerklichen Berufen, vor allem aufgrund der bevorstehenden großen Fachkräfteverluste aufgrund des Übergangs vieler qualifizierter Handwerker in den Ruhestand in den vor uns liegenden Jahren.

Dann aber wird man zugleich mit solchen Meldungen konfrontiert: Das Geschäft brummt - doch der Lohn der Handwerker stagniert: »Im Vergleich zu anderen Sektoren der Volkswirtschaft verdienen Arbeitnehmer im Handwerk rund ein Fünftel weniger«, berichtet Frank Specht in seinem Artikel.

Bei den Löhnen hinken Handwerker hinterher, wie eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh) der Universität Göttingen zeigt. »Demnach verdienen Arbeitnehmer im Handwerk mit 3217 Euro brutto im Monat gut ein Fünftel weniger als Beschäftigte in anderen Sektoren der Volkswirtschaft.«

Nun wird man einwenden können, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden, denn die anderen Betriebe sind in anderen Branchen und mit anderen Arbeitnehmern unterwegs. Auch dazu kann man der Studie was entnehmen, wie Frank Specht in seinem Artikel zusammenfassend berichtet:
»Die Hälfte des Verdienstunterschieds, der sich von den 1980er- bis zur Mitte der 2000er-Jahre vergrößert hat und seither stabil ist, lässt sich durch das Qualifikationsniveau erklären, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt. So hat jeder zweite Handwerker maximal die Hauptschule besucht, in der übrigen Wirtschaft liegt der Anteil bei 30 Prozent. Die Akademikerquote beträgt im Handwerk 3,8 Prozent, verglichen mit 19,4 Prozent.
Ein weiterer Teil des Verdienstunterschieds lässt sich dadurch erklären, dass der Altersdurchschnitt im Handwerk geringer ist und die Beschäftigten häufiger in Kleinbetrieben arbeiten als im Rest der Wirtschaft.«
Und dann kommt ein wichtiger weiterer Erklärungsfaktor für die strukturellen Lohnunterschiede:
»Etwa ein Fünftel der Differenz geht aber laut Studie auf die geringe Tarifbindung zurück. „Der Tarifteppich gleicht eher einem löchrigen Käse“, kritisiert der für Handwerk und Mittelstand zuständige IG-Metall-Vorstand Ralf Kutzner.«
Die Gewerkschaft hat sich anlässlich der Ergebnisse der neuen Studie auch zu Wort gemeldet: IG Metall fordert mehr Tarifbindung im Handwerk: Studie offenbart große Lohnlücke. Dort wird hinsichtlich der bereits zitierten möglichen Erklärungsfaktoren für die erhebliche Lohndifferenz auch der Aspekt der Betriebsgröße unter die Lupe genommen:
»Dass Handwerker öfter in Kleinbetrieben arbeiten als andere Beschäftigte (jeder fünfte ist in einem Betrieb mit höchstens neun Beschäftigten, in den anderen Sektoren sind das nur 7,6 Prozent), erklärt auch höchstens vier bis maximal sieben Prozent der Differenz. Zwar sind die Entgelte in großen Industriebetrieben in der Regel höher als in kleinen Firmen, aber im Handwerk sieht es auch hier anders aus: Je  größer der Handwerksbetrieb, desto mehr wächst der Lohnabstand gegenüber anderen Betrieben vergleichbarer Größe.«
Und wie es sich für eine Gewerkschaft gehört, schauen die genauer hin bei der Frage der Tarifbindung. Man ahnt schon, was jetzt kommt:
Als wesentlicher Grund für die enorme Differenz bei den Löhnen wird seitens der IG Metall hervorgehoben, dass sich viele Firmen und Verbände heute immer weniger an Tarifverträge binden. Die ernüchternde Zahlenrealität: Nur für weniger als 30 Prozent der Beschäftigten im Handwerk gilt ein Tarifvertrag. In der Gesamtwirtschaft kommt immerhin etwa die Hälfte der Arbeitnehmer in den Genuss tariflicher Entgelte und Arbeitsbedingungen.

Das bleibt nicht ohne gravierende Folgewirkungen, wie die IG Metall hervorhebt:
»Viele Betriebe, zum Beispiel Autohäuser, sind aus der Tarifbindung ausgestiegen, weil sie ihre Konkurrenten durch Preisdumping ausbooten wollten. Ohne Tarifvertrag konnten sie die Löhne drücken, Arbeitszeiten verlängern und Urlaubstage streichen. Allerdings war der Schaden auch für die Firmen größer als der Nutzen. Im Moment, in Zeiten boomender Konjunktur, sind es vor allem die Chefs der Handwerksbetriebe, die über Fachkräftemangel klagen. 86 Prozent gaben in einer aktuellen Umfrage an, dass sie freie Stellen nicht besetzen können.
Schulabgänger bewerben sich lieber in der Industrie, weil dort die Ausbildungsbedingungen und Vergütungen besser sind. Von denen, die eine Ausbildung im Handwerk absolvieren, wandern 35 Prozent nach der Abschlussprüfung direkt in die Industrie ab.«
Ein Blick in die angesprochene neue Studie lohnt sich. Hier das Original:
Katarzyna Haverkamp und Kaja Fredriksen (2018): Lohnstrukturen im Handwerk. Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 380, Düsseldorf 2018
Die hier angesprochenen strukturellen Probleme des Handwerks finden sich auch in einer anderen Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk der Universität Göttingen, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde:
Klaus Müller (2017): Die Stellung des Handwerks innerhalb der Gesamtwirtschaft. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien Bd. 99, Duderstadt 2017
In dieser Studie wird die Bedeutung des Handwerks innerhalb der Gesamtwirtschaft und seine Veränderung in den zurückliegenden Jahren genauer analysiert. Dazu findet man unter der Überschrift Studie des ifh Göttingen ordnet die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handwerks neu ein diese Hinweise:
Es »zeigt sich, dass das Handwerk in den letzten Jahren an wichtigen Positionen verloren hat. Ein Beispiel dafür ist der Bereich der dualen Ausbildung. Auch wenn die Ausbildungsquote des Handwerks die der Gesamtwirtschaft noch klar übersteigt, zeigt sie doch eine deutlich abnehmende Tendenz. Das gleiche Bild vermittelt die Analyse der Meisterprüfungen. Immerhin findet noch weit mehr als die Hälfte der Meisterprüfungen im Handwerk statt. Viele neue Soloselbstständige und kleinere Unternehmenseinheiten vor allem in den zulassungsfreien Handwerken verstärken diesen Trend, der sich seit der Novelle der Handwerksordnung 2004 ausgeprägt hat. Der seither teilweise abgeschaffte Meistervorbehalt und die in zunehmendem Ausmaß fehlende Ausbildereignung wirkt sich inzwischen zählbar auf die Bildungsqualität des Handwerks aus ... Deutlich geringer als in der Gesamtwirtschaft fällt mit einer Differenz von 20 Prozent der Verdienst im Handwerk aus. Noch höher ist der Unterschied bei den Fachkräften, geringer bei An- und Ungelernten. Auch als Ausbildungsvergütung wird im Handwerk im Durchschnitt weniger gezahlt als in der Gesamtwirtschaft. In ihrem Resümee stellt die Studie fest, dass das Handwerk in den letzten Jahren fast überall an Gewicht verloren hat. Bemerkenswert gestiegene Anteile verbuchen die Soloselbstständigen, Einzelunternehmen und Gründungen. Allerdings entstehen, ausgelöst durch die HwO-Novelle von 2004, immer häufiger kleinere Unternehmenseinheiten mit weniger Beschäftigten und Auszubildenden. Auch die rückläufige Bedeutung des Handwerks bei der Humankapitalbildung dürfte ... maßgeblich auf diese Novellierung zurückzuführen sein. Indirekt habe die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handwerks durch die HwO-Reform gelitten.«

Die angesprochene Reform der Handwerksordnung mit der Abschaffung des Meisterzwangs in vielen Gewerken als ein Bestandteil der auf Deregulierung setzenden "Agenda 2010" der damaligen rot-grünen Bundesregierung ist ein Grund dafür, dass auch die Ausbildung in den Handwerksberufen gelitten hat. Zugleich haben sich in den deregulierten Handwerksbereichen - man denke hier als ein Beispiel an die Fliesenleger - das Unwesen der (schein)soloselbständigen "Unternehmen" ausgebreitet, die mit verantwortlich sind für das Preis- und Lohndumping der zurückliegenden Jahre. Das rächt sich jetzt.