Montag, 3. Juli 2017

Zunehmende Ungleichheit in Deutschland gibt es nicht? Oben hui, unten pfui, meint hingegen der DGB-Verteilungsbericht

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat einen Verteilungsbericht mit umfangreichen Daten zur Einkommensentwicklung der privaten Haushalte, der Verteilung des Vermögens und zu Veränderungen am Arbeitsmarkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten zusammengestellt. Darüber berichtet Stefan Sauer in seinem Artikel DGB-Verteilungsbericht: Wachsende Kluft zwischen hohen und geringen Einkommen. Mit aufschlussreichen Daten, beispielsweise zur Entwicklung der Einkommen aus unselbstständiger Arbeit: »Zwischen 2000 und 2016 stiegen die inflationsbereinigten Nettolöhne im Mittel um jährlich 0,3 Prozent. Umgerechnet in Euro und Cent erzielte das mittlere Nettoarbeitseinkommen ein preisbereinigtes Plus von 1398 auf 1468 Euro. 70 Euro mehr Kaufkraft innerhalb von 16 Jahren?« Das kommt bescheiden daher. In Norwegen waren es 2,2 Prozent jährlich. »Auch Deutschland ähnlichere Länder wie Frankreich (0,7 Prozent pro Jahr) und Großbritannien (0,5 Prozent) verzeichneten höhere Reallohnzuwächse.« Das Wachstum der Reallöhne an sich ist das eine, besonders problematisch aber erscheint die Verteilung des Anstiegs, von Stefan Sauer so auf den Punkt gebracht: »Oben hui, unten pfui.«

Wieder einmal werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass (fast) alles im Leben ungleich verteilt ist, schaut man sich die differenzierten Daten an:
»Das Fünftel der Beschäftigten mit den geringsten Stundenlöhnen musste zwischen 1995 und 2015 einen Reallohnverlust von sieben Prozent hinnehmen, auch das darüber liegende Fünftel kam preisbereinigt noch auf ein Minus von fünf Prozent. Erst das mittlere Fünftel weist ein Plus von 2,5 Prozent auf, während die oberen beiden Fünftel einen Reallohnanstieg von neun Prozent erzielten.«
Der DGB benennt als Ursache für dieses Auseinanderlaufen vor allem den gewachsenen Niedriglohnsektor. „Die ungleiche Verteilung führt zu geringerer Kaufkraft von Millionen Menschen mit niedrigem Einkommen und in der Summe zu weniger Nachfrage, die wiederum Investitionen der Unternehmen beeinträchtigt“, wird Stefan Körzell vom DGB-Bundesvorstand zitiert. Selbst OECD und IWF befürworteten mittlerweile Maßnahmen gegen die wachsende Ungleichheit (vgl. dazu ausführlicher Stefan Sell: Vom Streit über »echte« oder »vermeintliche« Armut zur Ungleichheit als sozial­ politisches und ökonomisches Problem, in: ifo Schnelldienst, Heft 10/2017, S. 9-12).

Und auch die "soziale Mobilität" wird thematisiert: Den »amtlichen Daten zufolge gelingt es Armen und Geringverdienern ... immer seltener, ihre Einkommenssituation nachhaltig zu verbessern. 1995 befanden sich 42,5 Prozent der armutsgefährdeten Personen in der gleichen Notlage wie fünf Jahre zuvor. 2013 war diese „Verharrungsquote“ am unteren Rand auf 50 Prozent gestiegen. Umgekehrt gelang Topverdienern, die mindestens das Dreifache des mittleren Monatsnettoeinkommens erhalten, häufig ein weiterer Karriereschritt: Ihre „Aufstiegsquote“ in die nächst höhere Einkommensklasse stieg von 10,2 Prozent 1995 auf 13,2 Prozent 2013.«

Und auch die Zahlen zur Verteilung der Vermögen sind ernüchternd: »Während die betuchtesten zehn Prozent der Bevölkerung 60 Prozent des gesamten Nettovermögens (Eigentum minus Schulden) besitzen, verfügt die finanzschwächere Hälfte nur über 2,5 Prozent.  Oder anders: Das vermögendste Prozent hält ebenso viel Nettovermögen wie 87 Prozent der Bevölkerung.«

Das sind nur einige Aspekte aus dem neuen Bericht, den man sich hier im Original anschauen kann:
DGB Bundesvorstand (Hrsg.) (2017): Jetzt handeln – Ungleichheit bekämpfen. DGB Verteilungsbericht 2017, Berlin, Juni 2017

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Inwieweit hat die Verlagerung von Stammarbeitsarbeitsplätzen aus den Unternehmen in Callcenter, externe Dienstleister die das Rechnungswesen übernehmen, usw. dazu beigetragen.

Haben die Gewerkschaften jemals versucht der Entwicklung Einhalt zu gebieten?

Anonym hat gesagt…

Obdachlosigkeit ist in Deutschland nichts weiter als ein Spielball, welcher immer dann hervorgeholt wird, wenn nichts anderes hilft oder die Tränendrüse extra stark gedrückt werden soll oder muss.

Oder wann sonst sind die Obdachlosen Gegenstand der "öffentlichen Debatte"?

Die Obdachlosen werden von ihren Plätzen vertrieben? Ach, wirklich? Wie wäre es mit: Die Obdachlosen wurden aus der Gesellschaft vertrieben - DA müss(t)en wir was tun. Aber das würde ja bedeuten, diesem Thema Abseits der üblichen Heuchelei echte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

In einer Gesellschaft, in welcher sich viele Mitglieder gerbe dazu entblößen, angebliche Werte aus dem Grundgesetz lesen zu können, sollte doch die sozialstaatliche Struktur Deutschlands (Art 20 GG) Kern der allgemeinen Handlungsweise darstellen.

Also: Warum gibt es überhaupt Obdachlose?

Anonym hat gesagt…

68% Bruttolohnquote !

Die restlichen

32 % des BIP gehen an 1 %
und davon wohl
29% an 1 Promille.

Danke Merkel und Schulz.

Und vor allen Dingen

DANKE an das "Bildungsbürgertum", die so schlau sind durch ihre
CDU und SPD Wahl

uns alle um 1 Drittel des Bip betrügen zu lassen.

Unbekannt und dadurch UNKENNTLICH GEMACHT sind natürlich noch -wer weiss wie viel-

die in Steueroasen transferierte Tausende Milliarden.