Samstag, 22. Oktober 2016

Mit Hilfe eines "Bonsai-Zwegat" raus aus Hartz IV? Eine neue Variante des voyeuristischen Unterschichten-Fernsehens soll auf Sendung gehen

Das mit der Expertise ist ja immer so eine Sache. Die einen haben sie und arbeiten mit ihr. Tagtäglich, im sozialen Bereich zumeist und sehr eng gestrickten Rahmenbedingungen, häufig selbst prekär und in der Nähe zu denen, für die man die Expertise einzusetzen versucht.
Und anderen schreibt man Expertise zu, weil sie in ihrer Funktion - beispielsweise als langjähriger Bürgermeister eines Stadtteils in Berlin - laut auf sich und dann auf die Sache aufmerksam gemacht haben, von den Medien entdeckt und eingesetzt wurden als irgendwie geerdet daherkommende Bereicherung der Talkshow- und nach Dienstende auch der Bild-Zeitungslandschaft. Wir sprechen hier also von dem stimmgewaltigen Heinz Buschkowsky (68), ehemaliger Bürgermeister von Berlin-Neukölln und mittlerweile offensichtlich im Unruhestand. Er polarisierte mit Thesen wie beispielsweise „Multikulti ist gescheitert“. Der Fernsehsender RTL beschreibt seine Expertise in der Pressemitteilung Mit Heinz Buschkowsky raus aus Hartz IV: "Deutschlands bekanntester Bürgermeister" sucht bei RTL Teilnehmer für TV-Experiment! so: » Er hat in über 15 Jahren als Bezirksbürgermeister im Berliner Bezirk Neukölln etliche Hartz IV-Empfänger persönlich kennengelernt.« Und was soll der jetzt für RTL machen?

Der Fernsehsender plant ein - natürlich - "außergewöhnliches TV-Experiment, für das man Buschkowsky gewonnen habe:
»Ab 2017 bietet RTL in einem außergewöhnlichen TV-Experiment Sozialhilfeempfängern die Chance, sich mit einem Koffer voller Bargeld aus der Sozialhilfefalle zu befreien ... Rund 25.000 Euro als finanzielle Sofort-Starthilfe stehen pro Familie bereit ... Bei "Zahltag - Ein Koffer voller Chancen" bekommen Langzeitarbeitslose und ihre Familien eine finanzielle Sofort-Starthilfe für ein Leben ohne Hartz IV. Für die Laufzeit des sechsmonatigen Experiments verdoppelt RTL die kompletten staatlichen Bezüge und zahlt sie auf einen Schlag in bar aus. Das wären bei einer vierköpfigen Durchschnittsfamilie abhängig vom Wohnort rund 25.000 Euro. Mit diesem Geld können die teilnehmenden Familien ihre eigene kleine Geschäftsidee umsetzen oder intensiv in Bewerbungsmaßnahmen investieren. Das Ziel ist es, dauerhaft die eigene Existenz zu sichern, ohne auf Kosten des Staates zu leben.«
Beraten werden die Teilnehmer dabei von einem Expertenteam. Als Kopf dieses Expertenteams konnten RTL und Endemol Shine Heinz Buschkowsky gewinnen. »Für das TV-Experiment war er sofort Feuer und Flamme: Er sieht darin eine realistische Möglichkeit, perspektivlosen Menschen unter die Arme zu greifen, damit sie einen Ausweg aus dem Teufelskreis der Resignation finden. Heinz Buschkowsky ist ein echter Macher unter den Politikern und passt deshalb perfekt zu dem Projekt.«

RTL hat das neue Format nicht "erfunden", sonder auf der Insel geklaut: »Wie gut dieses Experiment funktionieren kann, haben bereits die Engländer bewiesen. Der britische Sender Channel 5 hat im vergangenen Frühjahr gemeinsam mit der Endemol Shine - Tochter Dragonfly in dem Primetime-Doku-Experiment "The Great British Benefits Handout" drei Familien nachhaltig aus der Sozialhilfe befreit. Diese Teilnehmer leben heute nicht mehr auf Staatskosten.«

Natürlich ahnt der alte Fuchs Buschkowsky, dass es Kritik geben wird, dass er sich an so einem Unterfangen beteiligen wird. Deshalb zitiert ihn die RTL-Pressemeldung mit diesen Worten: »Wir werden mit meinem Gesicht keinen TV-Zoo veranstalten. Die Menschen sollen nicht vorgeführt oder verheizt werden. Sie sollen ihre Entscheidungen selbstständig fällen, um wieder zu lernen für sich selbst zu sorgen. Natürlich ist die Verlockung groß, das plötzlich vorhandene Bargeld für die langgehegten und bisher unerreichbaren Träume auszugeben. Aber wir werden ihnen Wege aufzeigen, wie sie geschickt in ihre eigenen Ideen investieren können, um mit ihren Mitteln ein dauerhaftes Einkommen zu schaffen.«

Natürlich wird der eine oder andere jetzt an einen ähnlich beauftragten Experten aus den Tiefen und Untiefen der Lebenslagen denken, an Peter Zwegat und seine langjährige Thematisierung von Überschuldung und Schuldnerberatung. Auch Zwegat musste viele Kritik einstecken, aber es gab auch immer Stimmen, die darauf hingewiesen haben, dass es ihm gelungen sei, die Schuldnerberatung als eine wichtige personenbezogene soziale Dienstleistung zu popularisieren und Menschen einen Zugang dazu zu eröffnen, die ansonsten nicht in die Nähe einer klassischen Beratung gekommen wären. Offensichtlich will Buschkowsky auf dieses Image aufspringen.

Insofern ist diese Artikel-Überschrift konsequent: Heinz Buschkowsky: „Ich werde ein Bonsai-Zwegat sozusagen“:
Das Schlimmste, was passieren könne, erklärt Buschkowsky, sei, dass die Teilnehmer der Sendung wieder auf Hartz-IV-Niveau zurückfielen. „Mehr als ein bisschen in die Töpfe schauen kann nicht passieren“, versichert der Ex-Politiker. Auch den folgerichtigen Vergleich mit Peter Zwegat, dem alteingesessenen TV-Schuldenberater von RTL, lässt sich der frühere Bezirksbürgermeister gerne gefallen. „So in etwa. Ich werde ein Bonsai-Zwegat sozusagen.“
Und er kann es natürlich nicht lassen, das gesellschaftspolitisch aufzuladen: „Wir wollen ein Impuls geben, auch in die Politik, dass es zwar aufwendiger ist, aber nachhaltiger, die Menschen mit gezielter Starthilfe zu motivieren, als den Hartz-IV-Check jedes Jahr um 7,50 Euro zu erhöhen.“

Mit einem Koffer voller Geld an einige wenige, die sich jetzt bei RTL für das "Casting" bewerben können.

Ob die es schaffen oder nicht - es wird sicher einige Zuschauer geben, denen es gefallen wird, den Betroffenen "in die Töpfe zu blicken" und dann ist es auch egal, ob sie es schaffen, sich zu "befreien" aus Hartz IV oder aber scheitern und in ihre Transferleistungsabhängigkeit zurückfallen. Der voyeuristische Charakter des Unterfangens ist offensichtlich und man kann das einfach trotz aller Klimmzüge, dem auch noch ein irgendwie fortschrittliches Antlitz zu verleihen, schäbig und unwürdig finden. Nicht zum ersten Mal, sondern erneut wird der TV-Zoo aufgebaut, damit die "moderne" Fassung von "Brot und Spiele" wieder einmal angerichtet werden kann. Man kann sich schon vorstellen, welche Unternehmen und Produkte die Werbeblöcke bestücken werden. Damit die Kasse klingelt, nicht bei den Betroffenen, sondern bei RTL.

Kommentare:

Tobias Ritterskamp hat gesagt…

Dass RTL mit diesem neuen Format Hartz-IV-Betroffenen Möglichkeiten bieten will, aus ihrer misslichen Lage herauszukommen, ist anzuzweifeln. Ich denke die These, wonach RTL exemplarisch für voyeuristisches Unterschichtenfernsehen steht, ist, wenn man sich das Programm mal anschaut, nicht gewagt.

Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, Leuten aufzuzeigen, wie es möglich ist, mit einer kleinen finanziellen Starthilfe, Menschen aus der Transferabhängigkeit zu bekommen.

Jedoch nehme ich ganz stark an, dass es genau darum nicht gehen wird. Ich bin, wenn auch nicht 100-% bei Martin Staiger, der die These vertritt, dass die Massenmedien die Wut auf die Hartz-IV-Bezieher noch katalysieren. Diese These erscheint mir dann doch zu generalisierend. Nicht die Massenmedien, sondern RTL befeuert den Hass auf die Hartz-IV-Betroffenen bzw. wird ihn mit dem neuen TV-Experiment (weiter) befeuern.

Was aber fast noch viel schlimmer ist, ist der Fakt, dass es TeilnehmerInnen geben wird, die das bestehende Bild der Gesellschaft von Transferleistungsempfängern stärken werden, weil einige die Zuschauer glauben lassen werden, der Bezug von Alg II lade zum Leben in der "sozialen Hängematte" ein und Hartz-IV-Bezieher seien "Drückeberger" und "Sozialschmarotzer". Das ist das eigentlich Tragische. Und das Heinz Buschkowsky die Intention der Verantwortlichen, und ich sage bewusst Intention, nicht erkennt oder erkennen will, ist ebenfalls eine Tragödie.

Beste Grüße,
Tobias Ritterskamp

Anonym hat gesagt…

@Tobias Ritterskamp

Längst vergessen ist übrigens, dass RTL Teil des Bertelsmann Imperiums ist, dass einst dabei half die Agenda2010, incl. Hartz IV, umzusetzen - als neoliberale Denkfabrik.

Was die neoliberalen "Reformen" angeht wird übrigens von unserer "Lückenpresse" auch schon seit Jahren totgeschwiegen, dass ein Teil davon war diese mit Public Relations, alt ausgedrückt Propaganda, und diversen - aus unterschiedlichen Ecken kommenden - Chefpropagandisten, zu flankieren - alles in "Die Reformlüge" von Albrecht Müller nachzulesen.

Wäre doch einmal interessant diverse Stimmungsumschwünge gegenüber Arbeitslosen, nicht nur gegenüber Hartz IV-Empfängerinnen, seit Einführung der Agenda 2010 in dieser Hinsicht zu untersuchen? Oder?

Irgendwo las ich auch mal, dass viele Betroffene psychisch krank werden? Ja mei, hatten wir das nicht schon einmal in Deutschland, dass Dauerhetze mit Vorurteilen Menschen seelisch krank macht? Das einzig Neue daran ist, dass diese klaren Zusammenhänge einfach totgeschwiegen werden, und dies schon seit Jahren. Wo liest man, dass z.B. Sarrazins Hetze, Menschen seelisch krank macht? Gott bewahre, dass darf nicht sein, und deswegen wird es eben totgeschwiegen - von den neoliberalen Einheitsmedien in Deutschland.

Gruß
Bernie

Anonym hat gesagt…

1/5

Vorsicht Showtime: Kein Brot ohne Spiele. Ein TV Sender macht Hartz IV?!

Ich will eine weitere Ergänzung zu den beiden mahnenden Kommentaren von Tobias „Bernie“ Ritterskamp. Danke für Wort von der „Lückenpresse“. Eine pfiffige, kluge Replik auf das Vereinnahmungsgepoltere der AfD und dem Blogbeitrag darstellen.

RTL spricht von der geplanten „Realityshow“ als einem „außergewöhnlichen TV-Experiment“, Endemol Shine sogar von einem „TV-Sozialexperiment“: http://www.endemolshine.de/casting/raus-aus-der-armut-2/ . Meine Überlegung geht dahin, dass es sich bei der geplanten Realityshow gerade nicht um eine tatsächlich neue, innovative Idee dazu handelt, wie arbeitslose Menschen „raus aus Hartz IV“ und hinein in eine sichere, eigenständige Existenz gelangen können. Ich vermute, dass man mit der Sendung eine Art Duplikat von Hartz IV zu sehen bekommt, dass konzeptionelle Versatzstücke von Hartz IV, z. B. „Aktivierung“ und „Eigeninitiative“ verwendet, diese hineinstellt in „fördernde“ Rahmenbedingungen, sie unter kommerziellen und medialen Vorzeichen rekombiniert, um sie für ein nun mal Profit orientiertes Unternehmen verwertbar zu machen. Hartz IV und das heißt dann auch die Menschen die davon leben, würden hier also sozusagen kapitalistisch „in Wert gesetzt“. Ich weiß, das ist zugegeben zuerst mal eine recht banale Bemerkung. Wirtschaftsunternehmen müssen nun mal um des Profits wegen handeln.
Neu zu sein scheint mir in der Tat, dass hier erstmals in Deutschland bei einer Realityshow finanziell real in das Handeln der Show-Akteure investiert wird, ihnen für ihr auch finanzielles Handeln jedenfalls fordergründig Freiheiten eingeräumt werden und unter diesen Bedingungen dann der Erfolg der Show von ihrem Handeln entscheidend abhängig ist. Ein gar nicht mal so kleines Risiko für das Investment und das Unternehmen, dass es tätigt, denn freieres individuelles Handeln der Reality-Darsteller bedeutet auch ein größeres Risiko für die gegebene Zielführung der Sache. Eine von einem Sender mitfinanzierte und dokumentierte Schuldnerberatung oder eine Erziehungsberatung „vor Ort“ hat andere Vorbedingungen, die auch den Misserfolg vom Sender anders (reißerisch) verwertbar machen. Bei Endemol Shine heißt es in Bezug auf die Teilnahmebedingungen:

„Was Sie mit dem Geld machen, entscheiden Sie selbst. Unsere Experten unterstützen und beraten Sie aber bei Hürden, Zweifeln und Entscheidungen. Das Ziel am Ende der 6 Monate ist es, nie wieder von der Sozialhilfe leben zu müssen.“ Quelle: http://www.endemolshine.de/casting/raus-aus-der-armut-2/ .

Es geht nicht um Preisgelder oder Aufwandshonorare für die Reality-Darsteller. Sie bekommen für ihr sozusagen „Doppelspiel“ zugleich Selbstdarsteller und real Handelnde zu sein, echtes Startkapital zur Realisierung eines echten Zukunftsvorhabens, das sie dann aber an gewisse Vertragsbedingungen seitens der Geldgeber von RTL bindet. Das ist also kein Monopoly auf offener Bühne, wo hinterher richtiges Geld gewonnen wird. Das ist Realityshow die ernst macht, durchaus ähnlich wie bei den Gladiatorenspielen. Dabei geht es in der modernen Fassung um einen wirklichen sozialen Aufstieg oder die wirkliche Rückkehr in den sozialen „Tod“. Das dürfte an zu erzielender Dramatik auch wirklich genug sein. Siehe z. B. „Tweets by Stefan Sell“: >>Wie ein Nichts. So, als würde es mich nicht mehr geben.“ Was Arbeitslosigkeit mit Menschen machen kann.<< Ich meine, das ganze hat tatsächlich Elemente von dem, was wir „Hartzer“ von der gesetzlich im SGB II formulierten Zielvereinbarung, wie sie sich dann in unseren (oft erzwungen) unterschriebenen Eingliederungsvereinbarungen wiederfindet. Aber unter anderen Vorzeichen wie gesagt. So heißt es ja im SGB II, Paragraph 1, Absatz 2:

Anonym hat gesagt…

2/5
„Die Grundsicherung für Arbeitsuchende soll die Eigenverantwortung von erwerbsfähigen Leistungsberechtigten und Personen, die mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft leben, stärken und dazu beitragen, dass sie ihren Lebensunterhalt unabhängig von der Grundsicherung aus eigenen Mitteln und Kräften bestreiten können.“

Die Bemerkungen betreffen zunächst nur die Idee der Realityshow als solche und lassen die Kritik an dieser Art der medialen Inszenierung sozialen Lebens außen vor. Vielleicht werden einige der Teilnehmer des Experiments den Absprung auch tatsächlich schaffen. Rein menschlich stimme ich da (schon als selbst arbeitsloser Mensch) Herrn Buschkowski ja zu, dass es schon ein Erfolg wäre, wenn am Ende des Experiments wenigsten eine Familie diesen Ausweg aus Hartz IV findet. Oder um es, gar nicht mal böswillig gemeint, so zu formulieren: Einem kommerziellen Unternehmen wie RTL sind die Millionen Gesamtkosten der Produktion dieses Formats durchaus zu zumuten, wenn es bei dem genanten“Ergebnis“ bleibt. RTL wird genug professionelles betriebswirtschaftliches Knowhow haben, um die Zuschauerquoten und Werbeeinnahmen auch für diesen Fall vor ab als ausreichend einzuschätzen, um notfalls aus der Sache wieder herauszukommen. Was das angeht, hat Herr Buschkowski recht, auch wenn seine Äußerung nicht darauf abzielt, RTL ist wohl der letzte Beteiligte an der Sache, dem da etwas passieren könnte. Übrigens: In Hartz IV zu sein ist schlimm und schwierig. Aber es ist, außer geringen finanziellen Selbstbehalten, eigentlich auch alles, was den Bedarfsgemeinschaften bleibt. Wird, falls eine Familie im RTL-Sozialexperiment „scheitert“, von RTL auch vorgesorgt werden, damit diese Teilnehmer wenigsten rasch wieder mit Hartz IV wenigstens soweit wieder abgesichert sein werden? In den Teilnahmebedingungen heißt es: „Sie sind bereit, im Gegenzug für die finanzielle Starthilfe, für 6 Monate auf staatliche Unterstützung zu verzichten.“ (http://www.endemolshine.de/casting/raus-aus-der-armut-2/)

Das unternehmerische Risiko wurde angesprochen. Aber wie steht es um die Risiken für die Teilnehmer? Die nämlich können auch aus folgenden Zusammenhängen resultieren: Wäre die Realityshow in diesem Fall tatsächlich ein neues innovatives Geschehen, was Herr Buschkowski auch mit Blick auf die Politik ja andeutet, dann verlöre das mit dem „Sozialexperiment“ aufgezeigte Modell ja auch im positiven Sinne seine im Modellversuch noch wirksame Exklusivität hinsichtlich seiner Teilnehmerzahl und hinsichtlich seiner dafür wirksamen Mechanismen der Teilnehmer-auswahl. Soziale Innovationen werden der Theorie nach dann wirksam, wenn sie als Faktoren des sozialen Wandels als Praktiken in der Gesellschaft Verbreitung finden und schließlich sogar institutionalisiert werden können. Dazu RTL:

„Heinz Buschkowsky wird mit zwei weiteren Experten (werden zu gegebener Zeit bekannt gegeben) aus dem Bereich Start Up- und Unternehmensgründung am Auswahlverfahren für die Teilnehmer beteiligt sein. Gesucht werden Familien, die in die Sozialhilfefalle gerutscht sind und selbst schon lange versucht haben, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Motivation, psychische Verfassung und die persönliche Vision der Familien spielen dabei eine wichtige Rolle. Nur wer eine realistische Chance auf Erfolg hat, soll das Startkapital bekommen.“ (http://www.rtl.de/cms/zahltag-ein-koffer-voller-chancen-neue-rtl-doku-reihe-startet-2017-4024279.html)

Mit dem Nachweis seiner konzeptionellen Verallgemeinerbarkeit und institutionellen Übernahmetauglichkeit würde der Modellversuch seinen Erfolg unter Beweis stellen und seine Exklusivität verlieren, selbst dann, wenn es nach den recht strengen Teilnahmekriterien, der Teilnehmerkreis trotz zahlenmäßigen Anwachsen im Grund noch limitiert bliebe (davon später mehr). Heinz Buschkowski:

Anonym hat gesagt…

3/5
„Wir wollen ein Impuls geben, auch in die Politik, dass es zwar aufwendiger ist, aber nachhaltiger, die Menschen mit gezielter Starthilfe zu motivieren, als den Hartz-IV-Check jedes Jahr um 7,50 Euro zu erhöhen.“

Man merkt schon, das ist eigentlich der bereits bekannte Tenor aus Hartz IV, seine weltanschaulich-ideologische Fundierung sozusagen, der aber, von Herrn Buschkowskis Äußerung her folgernd, dort nicht mehr hinreichend zur Geltung kommt oder nie zur Geltung gekommen ist.... Tun er das aber im Sozialexperiment von RTL, denn von daher sollen ja die innovativen Ideen ihren Ausgang nehmen und nach dem Wunsch jedenfalls von Heinz Buschkowski sozusagen in die Jobcenter und die Gesellschaft zurück kehren. Für mich sieht es nicht danach aus. Wie gesagt, da erwartet uns eher mehr vom alten „Spiel“. Für die Realityshow gilt erst einmal, was Gerhard Schröder schon immer zu sagen pflegte: Nur die Harten kommen in den Garten. Egal, wie viele sich von uns Hartzern von RTL auch berufen sehen mögen, RTL wählt eine ganz kleine Schar aus, die für die Show erfolgversprechende Merkmale zeigen (können). Wie im Zitat der RTL- Verlautbarung dargelegt. Das muss ein Unternehmen nun mal auch, wenn es ein zuerst für sich Erfolg versprechendes Investment tätigen will. Für uns Hartzer aber ist der Zugang zu diesem medial inszenierten Vorgarten als Transitbezirk in die Zone einer gesellschaftlich wieder respektierten Existenz (nach Klaus Dörre) deshalb streng limitiert.

Was RTL und Endemol Shine hier tun, ist ein härteres „Creaming“, als das, was man als „Hartzer aus den Jobcentern kennt. Aber es ist eines und da sind die RTL Hartzer-Show und das Geschehen in den Jocenter tatsächlich „konzeptionell“ ähnlich. Die Jobcenter sind ja gehalten (von den unternehmerisch als höhere vergötzten Mächten der Bergers, Mc. Kinseys & Co betriebswirtschaftlich so wundersam beraten) ihre „Kunden“ zwecks effizienter Vermittlung im Sinne eben der Jobcenter, in abgestufte Vermittlungserfolge versprechende Kategorien einzuteilen: Vom Premium-Hartzer als „Marktkunden“, der raschen „betriebswirtschaftlichen“ Statistikerfolg durch Vermittlung in die Zeitarbeit verspricht (und Prämien für die Jobcenterführungskräfte), bis zum armen Teufel, der sich zwar euphemistisch getäuscht „Betreuungskunde“ nennen darf. Was sich aber nur auf die sorgfältige Verwaltung seiner „E-Akte“ in den virtuellen Tiefen der Serverfestplatten begrenzt und die zu häufig dann als plötzlich „nicht auffindbar“ gilt, wenn der Betreuungskunde lästiger Weise mal um Betreuung nachfragt. Zwar sind Endmol Shine und RTL (jedenfalls fordergründig) nicht zimperlich, sogar Bewerber mit „sehr wenig“ Schulden kommen in die zweite Vorauswahl und mehrere Jahre Arbeitslosigkeit sehen die beiden unternehmerischen Veranstalter sogar als Pluspunkte zählende Herausforderung für sich an. In den Teilnahmebedingungen heißt es u.a.: >>Sie leben seit Jahren von Arbeitslosengeld II und sind wohnhaft in Deutschland. Sie sind seit mehreren Jahren arbeitslos und haben den großen Wunsch, diesen Zustand zu beenden. Sie schaffen es nicht, aus diesem Teufelskreis auszubrechen.<< (http://www.endemolshine.de/casting/raus-aus-der-armut-2/) Aber wie gezeigt, zählt bei der Auswahl am Ende der erwartbare Erfolg für RTL, wie hier zu begründen versucht wurde.

Was aber genau über die Wirksamkeit dieses Mechanismus in Vergessenheit gerät, wenn bei RTL „the show goes on“ und bei den Jobcentern nur erkennbar wird, wenn sich der zudeckende Mantel des zur gesetzlichen Rhetorik degradierten Paragraphen 1 des SGB II (wie zitiert) über dem Geschehen etwas lüftet, ist in beiden Fällen sehr ähnlich: Bei ihrer Verwertung der Entwerteten (Helga Spindler) greifen RTL und Jobcenter erst einmal das für ihren Erfolg noch Verwertbare ab, wenn auch graduell unterschiedlich, um es je ihren Kriterien vom gleichen Stamm nach, entsprechend in Wert zu setzen. Daraus wird dann die Münze geschlagen und das feine Image-Flies gewebt, mit dem sie ihre Erfolge erzielen, wenn bei RTL die Kasse klingelt und sich bei der

Anonym hat gesagt…

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Bundesagentur für Arbeit die statistischen Kurven öffentlichkeitswirksam (ver-)biegen lassen. Bei den Jobcentern z. B. mit freundlich-diskreter Unterstützung durch die Zeitarbeitsbranche. Siehe: Inge Hannemann: https://altonabloggt.com/2015/11/26/zeitarbeit-und-weise-milliarden-fliessen-leise/.

Hierbei geht es nicht um die bürgerliche Gleichheit und die gleiche Würde. Hier geht es um nivellieren durch dequalifizieren per dem Bürger gesetzlich aufgekündigten Berufsschutz. Und „ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu“. („Bürgerlied“, Zeit des Vormärz 1848). Sind wir in Hartz IV erst mal - und tatsächlich - „eines Bundes Glieder“, wird viel zu oft erst mal platt gemacht und dann hingeguckt was an Rundem noch ins Eckige passen könnte. Unter den so platt Entwerteten kann sich dann RTL die raus suchen, die dabei nicht gänzlich sprachlos geworden sind. Die anderen müssen deswegen noch mehr Sanktionen aushalten, weil sie ihren Widerstand manchmal nur durch das Wegbleiben zu Ausdruck bringen können, was man ihnen all zu oft als persönliche Dumpfheit auslegt. Siehe: Blogbeitrag vom Donnerstag, 6. Oktober 2016. Und:(Siehe: Arbeitsidentität und Arbeitslosigkeit – ein depressiver Zirkel | bpb
www.bpb.de/apuz/27815/arbeitsidentitaet-und-arbeitslosigkeit-ein-depressiver-zirkel?...) Die inter-kulturelle Schulung von Jobcentermitarbeitern ist notwendig. Die inter-soziale Schulung auch.

Für RTL ist das wie auch immer man das bewertet, wie dargestellt, jedenfalls den Gründen nach vertretbar. Bei den Jobcentern wundert es einem in sofern nicht, als die sich ja im Grunde dem gleichen betriebswirtschaftlichen Dogmen zu unterwerfen haben, wie das „richtige“ Unternehmen. Eines aber kann RTL, bzw. soll den Jobcentern nicht so recht gelingen, obwohl sie es für ihre Geschäftsideen beide brauchen und sie damit werben: Eine ihren Ansprüchen nach tatsächliche Förderung ihrer Klientel über den Kreis der von ihnen nach den genannten Kriterien erwählten Personen hinaus, was sie aber notwendiger Weise gegenüber der Öffentlichkeit behaupten müssen und wie es für die Jobcenter auch der eigentliche Auftrag ist. Man muss den Jobcentern unumwunden zugestehen, dass sie bei den Erwerbslosen um eine zum Teil sehr heterogenen qualifikatorischen Statusgruppe zu tun haben. Schon von daher sind Förderung und Vermittlung diffizile, aufwendige Angelegenheiten, was in der Tat die Jobcenterbeschäftigten vor allem an der Basis vor schwierige, harte Situationen stellt (die Krankheitsquote dort ist überdurchschnittlich hoch).

Empirisch belegbar aber ist nach der Studie des Soziologen Klaus Dörre und Team („Bewährungsproben für die Unterschicht?“), dass der größte Teil der von Jobcentern verordneten Maßnahmen (teils wegen rigider gesetzlicher Regelungen) im Grunde nur zu einem Abfragen der Arbeits- und Leistungswilligkeit der Erwerbslosen führt, um so mehr, je länger sie in Hartz IV leben müssen. Diese Maßnahmen, von der Öffentlichkeit mal gehässig den Erwerbslosen „gegönnt“, mal als „Schlaraffenlandangebote“ für die steuer-kostenintensiv Entwerteten angesehen und medial so dargestellt, belassen den größten Teil der „Hartzer“ im Kreislauf von Maßnahme zu Ein-Euro-Job zu nichts als wieder Hartz IV. Und doch gilt die erfolgreiche Teilnahme an ihnen den Jobcentern als „Bewährungsprobe“ der Erwerbslosen für eine Arbeit, die immer weniger wirklich kommt. Sie bleibt reiner Schein, der obendrein in der Öffentlichkeit noch glänzen soll als goldenes Flies. Und dann greift der geschilderte Vorgang des „Creaming“. Nur die Harten kommen vielleicht noch in einen Maßnahmegarten, der aber keine dauerhafte Förderung verspricht. Tja – und die, mit Verlaub gesprochen, Angeberei der Bundesagentur für Arbeit, das als ihr Wunderwerk des Förderns und Forderns hinzustellen, dass ist gerissenes Marketing, dass in der Öffentlichkeit wirkt, aber eben nur dort.

Anonym hat gesagt…

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Die, die bei diesem Spiel in dieser Show übrig bleiben, die kann man auf diese Weise in den Augen der Öffentlichkeit als Versager abtun, in den Dateien der Jobcenterserver ablegen und zum sozialen Tode betten. Dazu Klaus Dörre in einem Interview mit dem Deutschlandfunk:

„Die den Sprung schaffen, kreieren die Verhaltensnormen für diejenigen, die es nicht schaffen, und die damit ständig unter einem Vorbehalt stehen. Und auf diese Weise werden aus Arbeitslosen eben schlechte Arbeitslose, nämlich solche, die lange im Leistungsbezug verbleiben. Das heißt, der Status Hartz-IV-Bezug unterliegt einer kollektiven gesellschaftlichen Abwertung und wird stigmatisiert." (http://www.deutschlandfunk.de/hartz-iv-von-versprechungen-und-verfehlungen.724.de.html?dram:article_id=281512)

Und RTL und Heinz Buschkowski? Ich meine, dass Heinz Buschkowski da noch ein gar nicht so himmelblaues „Wunder“ erleben könnte, hinsichtlich seiner Worte:

„Wenn es am Ende auch nur eine Familie schafft, dann bin ich sehr zufrieden, dass wir den Beweis erfolgreich angestellt haben, von der Gesellschaft längst ausgegliederte Menschen wieder dauerhaft in eine Beschäftigung einzugliedern, wenn man ihnen eine echte Motivation gibt."

Nein, dieser erwartete Beweis, ich hoffe, das konnte ich begründet darstellen, wird nicht erbracht werden. Damit wird nur bewiesen, dass es eine oder von mir aus gern auch einige, Personen es schaffen werden, unter ähnlichen Verwertungslogiken wie in den Jobcentern diese Art „Bewährungsprobe“ von „Raus aus Hartz IV“ unter den Augen einer dann bestimmt auch gaffenden Masse zu bestehen. Also spiel „Hartzer“ oder stehle dich zurück in das soziale Schattenreich, wo du her gekommen bist. Denn beide, RTL und die Jobcenter, nutzen wie gezeigt, nur vorhandene Ressourcen, bzw. beuten diese für sich selbst aus, im Fall der Jobcenter jedenfalls in zunehmender Weise. Diese fordern sie den Menschen ab. Aber sie liefern keineswegs ein schlüssiges, innovativ verallgemeinerbares Konzept dafür, wie diese Ressourcen der Menschen wiederbelebt (und mit ihnen die Menschen selbst) bzw. geschaffen werden könnten. Das zu behaupten, diese Illusion in der Öffentlichkeit zu erzeugen, genau davon leben aber ihre Geschäftsmodelle und ihre Shows und das nicht schlecht. Und mehr noch: RTL wird (zum eigenen Vorteil) genau das befördern und als Weltsicht an die Leute bringen, was Klaus Dörre im Zitat schildert: Das Lied vom schlechten Hartzer. Denn ob wir nun bei der Arbeit Collegia lesen oder aber binden Besen, so lange ist alles gut. Ansonsten wartet ein Schattenreich, an dem zumindest RTL sehr real sehr gut verdient. Man könnte RTL aber die Show stehlen. Ganz legal und sogar marktwirtschaftlich total korrekt: Nicht hingehen, nicht bewerben, nicht zugucken. Es gibt noch anderes, Leute.