Freitag, 22. April 2016

Rente mit 70(+)? Warum die scheinbar logische Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung unsinnig ist und soziale Schieflagen potenziert

Da ist sie schon wieder, die Debatte über eine (erneute) Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters. Der Zyniker unter den Sozialpolitikern wird vielleicht schon den Punkt erreicht haben, die Diskutanten darauf hinzuweisen, dass man diese "Und täglich grüßt das Murmeltier"-Schleife der immer wiederkehrenden Forderung auch dadurch beenden könnte, dass die meisten von uns schlichtweg so lange arbeiten, bis sie umfallen - die radikale Lösung jeden "Rentenproblems". Aber ernsthaft: Die aktuelle Diskussion wurde angestoßen vom 73jährigen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der ausgeführt hat, es mache relativ viel Sinn, die Lebensarbeitszeit und die Lebenserwartung in einen fast automatischen Zusammenhang auch in der Rentenformel zu bringen - sogleich bekam er Schützenhilfe: Junge Union für Anstieg des Rentenalters auf 70. Jeder, der etwas bewandert ist im System der gesetzlichen Rentenversicherung weiß, dass schon an dieser ersten Stelle einiges durcheinander geht. Wenn Schäuble davon spricht, das in der Rentenformel abzubilden, dann wäre das ein anderes, den "demografischen Faktor" des früheren Bundesarbeitsministers Norbert Blüm (CDU) erinnernd, als das, was die Junge Union rausposaunt: "Um das Rentenniveau künftig nicht so weit absenken zu müssen, dass immer weniger Menschen davon leben können, sollten wir das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung koppeln", wird JU-Chef Paul Ziemiak zitiert. "Dies würde nur einen moderaten Anstieg des gesetzlichen Renteneintrittsalters zur Folge haben."

Welchen Weg man auch immer wählen würde - der hier entscheidende Punkt ist die Legitimationsfolie, auf der sich diese Vorschläge bewegen. Immer geht es um die steigende Lebenserwartung. Und ist es nicht auch tatsächlich so, dass die dazu geführt hat, dass heute wesentlich länger Rente bezogen werden kann als früher? 1995 waren es im Schnitt 15,8 Jahre, 2014 bereits 19,3 Jahre bei allen Rentenbeziehern, bei Frauen sogar 21,4 Jahre. Und blickt man auf einen längeren Zeitraum zurück, dann kann man sogar feststellen, dass sich seit Anfang der 1960er Jahre die Rentenbezugsdauer verdoppelt hat. Im Durchschnitt. Und dieses Wort bekommt eine ganz eigene Bedeutung für einen kritischen Blick auf die Debatte.

Denn - so die Befürworter einer weiteren Anhebung des Renteneintrittsalters - die Lebenserwartung soll doch weiter steigen. Da wird der eine oder andere denken, dann ist es durchaus vernünftig, einen Anteil an diesem Zugewinn in Form einer längeren Lebensarbeitszeit zu verwenden.

Das grundsätzlich der immer wieder und auch jetzt kolportierte Anstieg der Lebenserwartung bei genauerem Hinschauen durchaus differenziert zu betrachten ist, wurde deutlich, als es um die Riester-Rente ging und die in diesem Zusammenhang vorgetragenen Vorwürfe, viele würden gar nicht das Alter erreichen (können), um einen Profit aus der privaten Altersvorsorge ziehen zu können. Die Verteidiger des kapitalgedeckten Systems haben gekontert - mit einem Hinweis auf die erwartbare deutliche Zunahme der Lebenserwartung. Vgl. dazu den Blog-Beitrag Weil der Riester-Mensch durchschnittlich hundert Jahre alt wird und weil er die FAZ liest, kann er sicher glauben, dass sie sicher ist, die (Riester)-Rente vom 27.10.2014. Darin ein Zitat: »Wie alt wird ein im Jahr 2011 geborenes Mädchen werden? Auf diese Frage gibt es ganz unterschiedliche Antworten: Knapp 83 Jahre, erfährt man vom Statistischen Bundesamt. Gut 102 Jahre heißt es bei der Deutschen Aktuarvereinigung, den Mathematikern der deutschen Versicherungen. Im Durchschnitt wohlgemerkt.« Das sind immerhin schlappe 19 Lebensjahre Unterschied.

»Das Statistische Bundesamt führt eine Periodensterbetafel. Sie berechnet die alters­spezi­fi­schen Überlebenswahrscheinlichkeiten je nach Geschlecht für die Gesamtbevölkerung nach heutigen Erfahrungen. Das wahrscheinliche Lebensalter würde sich ergeben, wenn künftig keine Veränderung in der Sterbewahrscheinlichkeit („Mortalität“) eintreten würde. Weil die Menschen aber immer älter werden, „überholt“ das Leben die Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes immer wieder.«
Und die Lebens- und Rentenversicherer? Die verwenden die Sterbetafel "DAV 2004 R" und dabei handelt es sich um eine Kohorten- oder Generationensterbetafel, was etwas anderes ist als eine Periodensterbetafel. Ein ganz wichtiger Punkt: Die zukünftige Entwicklung ist hier schon eingerechnet, auch wenn die Zukunft alles andere als klar ist, denn sie berücksichtigt die steigende Lebenserwartung künftiger Generationen. Kann so kommen, muss aber nicht.

Bei den Versicherern geht es nicht um "alle", sondern nur um bestimmte Menschen: Die Sterbetafel DAV 2004 R dient als Rechengrundlage für private Rentenversicherungen. Sie berücksichtigt die spezielle Lebenserwartung von Versicherten mit einer privaten Lebensversicherung. Die Sterblichkeit von Rentenversicherten ist geringer als die Sterblich­keit in der Gesamtbevölkerung, denn wer freiwillig finanziell vorsorgt, der rechnet subjektiv mit einer normalen bis längeren Lebenserwartung und bemüht sich mehr oder weniger stark um eine gesunde Lebensweise, schon weil er die Mittel dazu hat. Personen mit einer privaten Rentenversicherung haben im Durchschnitt ein höheres Einkommen und eine höhere Bildung. Sie rauchen seltener. In der Summe aller Eigenschaften leben sie auch länger, so die Erkenntnisse der Versicherungsunternehmen.«

Selbst wenn man diese Perspektive teilen würde, dann gilt das nur, wenn der Anstieg der Lebenserwartung nicht nur  Durchschnitt gilt, sondern gleichverteilt verbucht werden kann bei allen Älteren. Und hier sind wir angekommen bei einem echten Problem.

Allein in den zurückliegenden zehn Jahren haben wir je nach Bestimmungszeitpunkt zwischen mehr als einem bis mehr als zwei zusätzliche Jahre gewonnen, berichtet uns das Statistische Bundesamt. Aber: Die Bundesstatistiker weisen in ihrer Pressemitteilung selbst auf eine erste Differenzierung der allgemeinen Werte hin, wenn sie schreiben:
»Auf der Ebene der einzelnen Bundesländer haben nach den Ergebnissen der Sterbetafeln 2012/2014 Männer in Baden-Württemberg mit 79 Jahren und 5 Monaten sowie dort lebende Frauen mit fast 84 Jahren jeweils die höchste Lebenserwartung bei Geburt. Die niedrigsten Werte weisen mit 76 Jahren und 2 Monaten Männer in Sachsen-Anhalt sowie mit 82 Jahren und 2 Monaten Frauen im Saarland auf.«

Bei den Männern wird immerhin ein Unterschied von mehr als drei Jahren ausgewiesen, zwischen dem ostdeutschen Sachsen-Anhalt (= schneller sterben) und dem westdeutschen Baden-Württemberg (= länger leben). Das ist schon eine erhebliche Differenz.

Und ergänzend kommt hinzu: Man sollte einen Blick darauf werfen, wie differenziert sich denn die ausgewiesenen Durchschnittswerte für alle darstellen, wenn man sich einzelne Gruppen anschaut, also ob es beispielsweise eine nur kleine oder doch eher große Streuung gibt zwischen den "Armen" und den "Reichen". Wenn man das macht, dann kommen manche kurz und prägnant zu so einem Befund, der ja auch die nicht überraschen wird, die sich notorisch Studien oder Statistiken verweigern, sondern lieber der unmittelbaren Betrachtung der Welt und wie die so funktioniert, anhängen: Reiche leben länger.

In der trockenen Sprache der Wissenschaft: Das Robert Koch-Institut (RKI) hat 2014 einen Bericht unter der Überschrift Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung veröffentlicht, dem auch die Daten für die Abbildung "Reiche leben länger als Arme" entnommen sind.
»Die bislang vorliegenden Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass in Deutschland erhebliche soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung bestehen ... Betrachtet man nur die Lebenszeit, die in guter Gesundheit verbracht wird, fallen die sozialen Unterschiede noch deutlicher aus. Einige Studien weisen darauf hin, dass die Überlebenschancen auch nach dem Auftreten von schwerwiegenden Erkrankungen, wie z. B. einem Herzinfarkt oder Diabetes mellitus, zuungunsten der sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen variieren. Neben einem niedrigen Einkommen sind eine niedrige Bildung und ein niedriger beruflicher Status mit einem höheren Mortalitätsrisiko und einer geringeren Lebenserwartung assoziiert.« (RKI 2014: 9).
Und auch der Blick zurück an dieser Stelle verdeutlicht - die Probleme haben eher zugenommen:
»Die wenigen vorliegenden Studien deuten an, dass sich die beobachteten Unterschiede zwischen den Einkommens-, Bildungs- bzw. Berufsstatusgruppen im Zeitverlauf ausgedehnt haben könnten. Dafür sprechen auch vorliegende Untersuchungen, die eine Ausweitung der sozialen Unterschiede in der Verbreitung einschlägiger, für einen beträchtlichen Anteil des Krankheits- und Sterbegeschehens verantwortlicher Risikofaktoren, darunter Rauchen und körperlich-sportliche Inaktivität, belegen ...  Auch mit Blick auf den allgemeinen Gesundheitszustand wird eine Zunahme der sozialen Unterschiede über die Zeit berichtet.« (RKI 2014: 9) 
Fazit: Wenn man welchen Automatismus auch immer einführen würde, die im Durchschnitt steigende Lebenserwartung an ein entsprechend steigendes Renteneintrittsalter zu koppeln, dann wären die Personengruppen, die heute schon ein teilweise völlig unzureichende Versorgung durch die gesetzliche Rente erfahren, hart getroffen, denn für sie wäre das aufgrund der an das Erreichen der Regelaltersgrenze gebundene Instrument der Lebenslagen Abschläge (von an sich schon niedrigen) Renten schlichtweg nur eine weitere Rentenkürzung.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

... na man schicke doch einfach diese "schwarze Null" auf´s Altenteil und stelle ihn unter Betreuung, sodass er seine kruden Gedfankenspiele nur noch seinem Psychotherapheuten erzählen braucht - ansonsten wird irgendwann, die Bismark´sche Sozialgesetzgebeung soweit ausgehölt - die Sozi´s haben ja schon oft genug - aus alter Feindschaft (Sozialistengesetze et al)- die Axt an sie gelegt - das zumindest die Rente nur noch mit Einreichung des Tottenscheines, als Sterbegelkd ausgezahlt wird!
Wenn ich diese Diskuss um kapital- oder -sonstetwas gedeckte Rente höre, lese oder sonstwie wahrnehme kommt mir das "Kxtzen".
Man kann wirkliche soziale Errungenschaften auch soweit verkürzen, das sie nur noch als Fehl am Platze wahrgenommen werden.

... aber dann ständig über Altersarmut und andere Mitbringsel seiern! Wie bescheuert sind wir Teutschen??? vG Ralf

Anonym hat gesagt…

Es gibt viele große Berufsgruppen, die während ihrer Erwerbstätigkeit so großen Belastungen ausgesetzt sind, dass schon das Renteneintrittsalter mit 65 Jahren, geschweige denn mit 67, kaum mehr erreicht wird - und gesund schon gar nicht.
Man stelle sich Krippenerzieherinnen mit 70 Jahren vor... wie bitte schön, soll ein Mensch den physischen, aber auch psychischen Belastungen, den die Arbeit mit 0-3 Jährigen mit sich bringt, aushalten?
Der Gedanke, dass ein 70jähriger einen 72jährigen pflegen darf, könnte einem fast ein Lächeln abringen.... aber wohl eher ein zynisches.
Wenn Herr Schäuble meint, dass er mit 73 Jahren noch eine wertvolle Arbeit für das Land leistet, dann lasse ich das mal unkommentiert....
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Aber großen Teilen der Bevölkerung weitere Sorgen und Belastungen zuzumuten, ist eine schallende Ohrfeige vor allem für die Menschen, die bereits mit 16, 17 Jahren ihre Erwerbsbiografie beginnen.
Man sollte ENDLICH eine LEBENSARBEITSZEIT einführen! Wer früh anfängt, Sozial- und damit auch Rentenversicherungsbeiträge zu zahlen, MUSS eher in Rente gehen dürfen, als diejenigen, die erst Mitte 20 (oder noch später) sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen eingehen.
Ich kenne etliche Menschen, die mit Mitte 50 schon 40 Versicherungsjahre vorweisen können, aber ich kenne ebenso genügend, die dann gerade mal 30 Jahre beitragspflichtig beschäftigt sind.
Das wäre eine Stellschraube, an der man drehen müsste!
Differentiert denken und arbeiten, statt starre Pauschalierungen, das sollte man von Menschen, die das Land regieren, erwarten dürfen, und nicht nur von Lehrkräften.

Anonym hat gesagt…

Das Ganze ist natürlich ein Witz.
Niemand arbeitet bis 75. Oder so.

Aber wenn man das „Regeleintrittsalter“ für die Rente hochsetzt,
kann man den faulen Schweinen, die sich erdreisten vorher in Rente zu gehen,
natürlich noch ein paar Prozentpunkte mehr abziehen.

Und darin steckt ja wohl der eigentliche tiefere Sinn dieser Übung.