Dienstag, 7. April 2015

Irrungen und Wirrungen der Diskussion über "den" Arbeitsmarkt, "die" Arbeitslosen - und natürlich darf "die" Armut nicht fehlen

Jetzt muss auch mal eine positive Botschaft kommen, bei all den sozialpolitischen Problemen, die in diesem Blog ansonsten so ausgebreitet werden. Also erfüllen wird den Wunsch des einen oder der anderen und zitieren voller anfänglicher Zufriedenheit: »Kommt eine Deutsche, die jahrelang im Ausland lebte und drei Jahre für ihre Töchter daheim blieb, zurück nach Deutschland. Bewirbt sich auf die erste Stelle, die ihr passend erscheint, und - zack! - sie hat den Job. Kommt ein arbeitsloser Spanier nach Deutschland, bewirbt sich auf drei Stellen und - oha! - bekommt drei Angebote. Fast jeder Deutsche kennt derzeit so eine Geschichte, und viele Europäer kennen sie auch. Den Jugendlichen der Krisenländer gilt Deutschland längst als gelobtes Land der Arbeit.« So Lisa Nienhaus in ihrem gleichsam als Predigttext daherkommenden Artikel Freut euch doch endlich!

Allerdings begrenzt sie ihre klar daherkommende Botschaft sogleich mit einer missbilligend klingenden Anfrage an das lesende Publikum: »Deutschland erlebt ein Wunder am Arbeitsmarkt. Wieso trauen wir ihm nicht?« Die Dame ist wirklich verschnupft mit "den" Deutschen: »Man muss es den Deutschen ... noch einmal ganz deutlich sagen: In Deutschland gibt es mehr Arbeit, als es sich vor zehn Jahren die kühnsten Optimisten vorherzusagen trauten.« Nein, es soll hier gar nicht die Frage aufgeworfen werden, was das denn für eine Arbeit im Detail ist - obwohl man schon geneigt ist, darauf hinzuweisen, dass dazu auch solche Arbeit gehört, die der Artikelschreiberin wahrscheinlich nicht direkt vor Augen ist, was sie aber der eigenen Zeitung, für die sie schreibt, entnehmen kann: Verkauft an den Meistbietenden, so ein lesenswerter Beitrag von Leonie Feuerbach: »Leiharbeitsfirmen locken junge Rumänen auf Arbeitssuche nach Deutschland. Hier werden sie ausgenutzt und ausgebeutet – mitunter jahrelang. Zwei rumänische Krankenpfleger erzählen, was sie in deutschen Pflege- und Altenheimen erlebten.«

An dieser Stelle soll auf einen ganz anderen Aspekt hingewiesen werden, der parallel zum Lobgesang auf den deutschen Arbeitsmarkt und seine formidable Entwicklung beispielsweise in dem engagierten Beitrag von Martin Staiger herausgestellt wird: Neue deutsche Verachtung, so hat er seinen Artikel überschrieben: »Besonders schlecht angesehen sind Langzeitarbeitslose, die Arbeitslosengeld II, besser bekannt als „Hartz IV“, erhalten. Eine häufige, nicht nur in den regelmäßigen Kampagnen der „Bild“- Zeitung, sondern auch in manchem „Leitmedium“ zu beobachtende Denkfigur geht so: Da die Arbeitslosenquote in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen ist, finden anscheinend alle, die arbeiten wollen, auch eine Arbeit. Die allermeisten Arbeitslosen wollen also gar nicht arbeiten.«

Martin Staiger ist evangelischer Theologe und Sozialarbeiter. Er stellt seinen Ausführungen voran: »Es sei nicht in Abrede gestellt, dass es erwerbslose Menschen gibt, die nicht arbeiten wollen und auch Mittel und Wege finden, dem Arbeitsmarkt fern zu bleiben – so wie es auch abhängig Beschäftigte gibt, die nicht arbeiten wollen und denen es tagtäglich gelingt, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.« Wohl wahr. Er verweist dann zurecht auf die bekannten Arbeitsmarktdaten, die eben immer noch ein erhebliches Ungleichgewicht anzeigen:
»Nach der vergangenen Mittwoch veröffentlichten Arbeitslosenstatistik stehen 542 000 offenen Stellen rund 2,9 Millionen offiziell Arbeitslose gegenüber. Zu den rund 2,9 Millionen Arbeitslosen kommen noch einmal rund 886 000 „Unterbeschäftigte“ dazu – das sind zum Beispiel Erwerbslose, die länger krank sind oder solche, die mindestens 58 Jahre alt sind und seit mindestens einem Jahr keinen sozialversicherungspflichtigen Job mehr angeboten bekamen. Viele Menschen arbeiten darüber hinaus unfreiwillig in Teilzeit, viele haben sich – da sie keine Anstellung finden – mehr oder weniger freiwillig selbstständig gemacht, andere haben es ganz aufgegeben, Arbeit zu finden und tauchen deswegen auch in keiner Statistik auf.«
Das soll aber hier gar nicht der Punkt sein, sondern etwas anderes, eine grundsätzliche Verschiebung in der Wahrnehmungslandschaft, die noch weitaus problematischer ist:
»Wurde Erwerbslosigkeit Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre, als die Arbeitslosenzahlen in der Bundesrepublik in zuvor unvorstellbare Höhen von zuerst einer, dann zwei Millionen stiegen, noch hauptsächlich als konjunkturbedingt betrachtet, wird sie heute vornehmlich als selbstverschuldet angesehen.«
Das, was Staiger hier beschreibt, nenne ich die Individualisierung, Personalisierung und Moralisierung von Arbeitslosigkeit, die sich seit Mitte der 1990er Jahre in die Köpfe gebrannt und die Bewertung von Arbeitslosigkeit fundamental entkoppelt hat von ihren anderen Verursachungsfaktoren. Oftmals werden Opfer zu Täter gemacht. Und auch wenn es scheinbar gute anekdotische Evidenz für diesen Standpunkt zu geben scheint - man sollt nicht vergessen, dass es oftmals so ist, dass man Menschen beurteilt und kategorisiert, die seit vielen Jahren erwerbslos sind, die eine beschädigte Biografie haben und die oftmals nur negative Erfahrungen haben sammeln müssen. Dass die heute oftmals nicht dem Erwartungskorsett unserer Arbeitsgesellschaft entsprechen (können, zum Teil auch nicht mehr wollen), überrascht nicht wirklich.

Zurück zu dem Beitrag von Staiger. Er legt einen Finger auf eine weitere offene Wunde, deren Wahrnehmung es eben nicht so einfach macht, sich im Nienhausschen Sinne einfach mal nur und endlich zu freuen über den "tollen" Arbeitsmarkt:
»Es gibt eine leider viel zu wenig beachtete repräsentative Studie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über Vorurteile und Diskriminierungen, die sich über den Zeitraum von 2002 bis 2011 erstreckte. Heitmeyer beobachtete in dieser Zeit vermehrte „Abwertungen der als „Nutzlose“ und „Ineffiziente“ deklarierten Gruppen, also von Hartz-IV-Empfängern und Langzeitarbeitslosen.“ Nach der Beobachtung der Forschergruppe hat die Verachtung von Randgruppen im Beobachtungszeitraum insbesondere bei Gutverdienerinnen und Gutverdienern stark zugenommen. Heitmeyer spricht von einem „eisigen Jargon der Verachtung“ und einer „rohen Bürgerlichkeit“, die sich unter finanziell Bessergestellten etabliert hat.«
Im vergangenen Jahr wurde zu diesem Thema die folgende Studie veröffentlicht: Andreas Zick und Anna Klein: Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Bonn 2014.

In der Zusammenfassung dieser Studie findet man eine Abbildung mit der Darstellung der Zustimmungswerte zu einzelnen Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in der Gesellschaft und deren Teilgruppen weit verbreitet. Schaut man sich die konkreten Ausprägungen innerhalb der Bevölkerung genauer an, dann überraschen auf den ersten Blick sicher nicht solche Anteilwerte: 44 Prozent hinsichtlich der Abwertung asylsuchender Menschen oder 26,6 Prozent hinsichtlich der Abwertung von Sinti und Roma. Das was irgendwie zu erwarten. Aber dass der absolute Spitzenreiter hinsichtlich der Abwertung einer Gruppe mit 47,8 Prozent die langzeitarbeitslosen Menschen betrifft, wird sicher viele überraschen und erschrecken. Anders ausgedrückt: Nach dieser Studie sind es die langzeitarbeitslosen Menschen, denen die meisten Abwertung und Abneigung entgegenschlägt - noch vor den Asylsuchenden oder den Sinti und Roma. Das ist ein erschütterndes Ergebnis. Es verdeutlicht, wie weit fortgeschritten und radikalisiert das ist, was als Individualisierung, Personalisierung und Moralisierung von Arbeitslosigkeit bezeichnet wurde.

Abschließend noch ein Blick auf die "neue" Debatte über (Nicht-)Armut in Deutschland. Dazu habe ich bereits Beiträge in diesem Blog veröffentlicht, beispielsweise Das doppelte Kreuz mit der Armut und der Herkunft: Die (angeblichen) Armutskonstrukteure schlägt man und die Ständegesellschaft 2.0 wird nur angeleuchtet am 3. April 2015 oder Armut. Armutsgefährdungsquoten. Ein Durchschnitt und mehrere andere Durchschnitte. Zum neuen Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes über die regionale Armutsentwicklung vom 19. Februar 2015.

Nun hat die ehemalige, zurückgetretene Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Haschke, die wieder als Journalistin unterwegs ist, einen Beitrag veröffentlicht unter der Überschrift Die neue Armut der Deutschen. Nein, es geht gerade nicht um die These, dass immer mehr Menschen unter Einkommensarmut leiden in unserem Land- gerade darum geht es nicht: »Hungern muss in Deutschland niemand mehr, Arbeitnehmer müssen für kostbare Dinge viel kürzer arbeiten als vor Jahrzehnten. Doch es wächst eine andere Armut, bei der Geld nicht die Hauptrolle spielt«, so Gaschke. Sie ist offensichtlich frustriert und fragt: Warum wird eigentlich gar nichts besser? Obwohl wir doch - angeblich - so viel Geld ausgeben für "Soziales"? Dennoch sollen rund zwölf Millionen Menschen als armgelten? Warum geht der Deutsche Kinderschutzbund davon aus, dass 2015, wie seit vielen Jahren, 2,5 Millionen Kinder in Armut leben?

»Zwei Erklärungen sind denkbar. Entweder wir definieren Armut falsch. Oder es liegt nicht am Geld«, so ihr Antwortversuch. Und dann spricht sie von einer "anderen Armut" und schreibt dazu:
»Dabei geht es um die fehlende Fähigkeit zur Selbstorganisation, um mangelnde Kenntnisse über gesunde Ernährung, um Suchtprobleme, um Ratlosigkeit in der Kindererziehung, um die Fehlnutzung von Medien, um eine generelle Hoffnungslosigkeit.«
Was wir hier bereits in Umrissen erkennen vermögen ist auch eine Individualisierung und - wie gleich offensichtlich wird - eine Familiarisierung  von Armut:
»Es gibt drei Parameter von Armut, die mit den Familien zu tun haben und über die wir in Deutschland mehr diskutieren sollten als bisher: Das sind, als häufigster Armutsgrund nach Arbeitslosigkeit, die Trennungen. Das ist die Kommunikation, das Sprechen in den Familien. Und das ist das Innenleben, die Familienähnlichkeit oder -unähnlichkeit der Kitas. Alle drei Punkte haben mit Werten zu tun.«
Natürlich, da dürfen die Alleinerziehenden nicht fehlen:
»Auch in Deutschland sind nicht Kinder das Armutsrisiko, sondern auseinanderbrechende Elternpaare, mit all den materiellen und immateriellen Folgen der Trennung: weniger Einkommen, weil nicht beide Partner voll arbeiten können; doppelte Haushaltsführung; fehlende männliche Vorbilder; Erschöpfung, weil sich zwei Erwachsene besser als einer gegen den Kinderstress feien können. Einsamkeit.«
Und natürlich hat sich auch ein Armutsbekämpfungsrezept parat:
»Mittelschichtseltern sprechen mehr mit ihren Kindern als Unterschichtseltern – und sie sprechen auf andere Weise mit ihnen. Eine "Wortlücke" von 30 Millionen Worten, die zu einem Vierjährigen aus prekären Verhältnissen nicht gesagt wurden, ermittelten die Kinderpsychologen Betty Hart und Todd Risley von der Universität Kansas in den 80er-Jahren. Die andere Armut kann also auch Wortlosigkeit sein. Nach den Erkenntnissen von Hart und Risley wirkte sich das Schweigen unmittelbar auf die kognitive Entwicklung der Kinder aus.«
Hier bricht die radikalisierende Mittelschichtsideologie, die wir seit einigen Jahren immer öfter beobachten können und müssen, durch. Es ist der Blick der "bildungsnahen" Schichten nach unten bzw. nach rechts und links, der sich hier verewigt. Gaschke selbst würde das auch gar nicht bestreiten und formuliert selbstbewusst, den Einwand vorwegnehmend: »Aber was ist schwerer zu ertragen: das, sagen wir, nachdrückliche Anbieten von Mittelschichtswerten? Oder Armut in einem der reichsten Länder der Erde, die nicht weichen will?«

Und da die Eltern ja nun auch nicht alles machen können - vor allem nicht die aus der Unterschicht - hat Haschke sogleich auch eine Mittelschichtswertevermittlungsagentur vor Augen und bringt zu Papier:
»Einflussagenten der so oft gescholtenen, aber für das soziale Fortkommen offenbar unverzichtbaren bürgerlichen Gewohnheiten und Tugenden wie Lesen, Musizieren, Konversation, Manieren und Bedürfnisaufschub müssten natürlich die Kitas werden, die sich weniger kontroverser Ziele wie gesunder Ernährung und Sport ja schon angenommen haben. Auch vorgelesen wird in vielen Kindergärten bereits liebevoll.«
Wie alle Übertreibungen haben auch diese ihren wahren Kern, das sei unbestritten. Aber selbst den Wohlmeinenden unter den Lesern sollte spätestens nach diesen Zeilen der Gedanke kommen, dass die vor uns liegenden Jahre vielleicht einmal als die einer "neoviktorianischen Renaissance" eingehen werden in die gesellschaftspolitische Geschichtsschreibung. Und der sicherlich gut gemeinte Aufbruch zurück in scheinbar bürgerliche Werte kann und wird möglicherweise in einem neuen Jakobinertum enden, wenn man sich darauf einlassen würde.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zwei Anmerkungen zu dem interessanten Artikel:

"Nein, es soll hier gar nicht die Frage aufgeworfen werden, was das denn für eine Arbeit im Detail ist -

Doch, genau darum geht es. Bitte darauf eingehen, und zwar detailliert. Was ist - neben den "geschönten" Arbeitslosenzahlen - die Grundlage für solche Jubelmeldungen. (Leiharbeit, Minijobs,...) Gibt es also tatsächlich mehr Arbeit in Deutschland, oder sind abgesicherte Vollzeitarbeitstellen lediglich zugunsten prekäre Arbeitsverhältnisse abgebaut worden?

Bei der Gelegenheit kann man dann auch die Frage stellen, in welchem Zusammenhang die Arbeitslosigkeit in Südeuropa und die Erfolgsmeldungen der Wochenschau in Deutschland stehen, also: Ob Deutschland nicht nur Limousinen und U-Boote, sondern auch Arbeitslosigkeit exportiert.

"Neue deutsche Verachtung, [...] Besonders schlecht angesehen sind Langzeitarbeitslose ..."

Martin Steiger liefert eine brillante Anschauung dafür, wie diese gruppenspezifische Menscheinfeindlichkeit sich fortpflanzt. Wichtig dabei ist, immer zuerst zu erwähnen, dass die Vorurteile ja nicht an den Haaren herbei gezogen sind, um dann Einschränkungen zu machen. Das sieht dann so aus:

"Martin Staiger [...] stellt seinen Ausführungen voran: »Es sei nicht in Abrede gestellt, dass es erwerbslose Menschen gibt, die nicht arbeiten wollen und auch Mittel und Wege finden, dem Arbeitsmarkt fern zu bleiben – [...] Er verweist dann zurecht auf ..."

So perpetuiert man Vorurteile, vielleicht ohne es zu wollen, vielleicht will man es auch unbewusst. Genauso könnte man sagen: "Es gibt sicher gierige, lüsterne Juden" ... oder: "schmutzige, diebische Zigeuner ...", um dann anzufügen: "Aber .... (es gibt ja auch andere)".

Wer Vorurteile hat, darf sich bestätigt fühlen. Die Betroffenen spüren Angst, und den Wunsch, nicht aufzufallen.

Das ist die rhetorische Form von kaschierter Diskriminierung.

Anonym hat gesagt…

"... die ehemalige, zurückgetretene Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Haschke, ... »Hungern muss in Deutschland niemand mehr ..."

Es gibt Bedingungen, die man in Deutschland erfüllen muss, um nicht hungern zu müssen. In Berlin gibt es einen Arbeitslosen, der Hartz-IV vors Verfassungsgericht bringen will, und sich zu diesem Zweck dem Arbeits- und Menschenbild der Jobcenter entgegenstellt.

Er wehrt sich dagegen, nur Überleben zu dürfen, wenn er sich bedingungslos einer Behörde unterwirft.

https://tinyurl.com/p9gxyyq

Das Jobcenter "sanktioniert" ihn deswegen seit 1 1/2 Jahren vollständig:

http://artikel1gg.de/index5-Prozesse.htm

Er hat also weder Geld für Lebensmittel, Krankenkasse oder Wohnung (Sozialhilfe darf er nicht beantragen) und überlebt durch Spenden von Leuten, die das SGBII wie er in Karlsruhe sehen möchten.

Ohne Zuwendungen (Almosen) wäre der Mann längst verhungert und verreckt. In Deutschland heißt es also: Du machst, was das Jobcenter will, oder du wirst zerstört.

Ach so: Er weigert sich aus Prinzip, Lebensmittelgutscheine zu erbitten. (Wie in Kriegszeiten) Das erbetteln diskriminierender Lebensmittelmarken bei seinem Sanktionär, so sagt er, ist eine Zusatzfolter. (Zu den Sanktionen) Und eine Verschuldung (Man muss sie zurückzahlen)

https://tinyurl.com/o99ushp

Anonym hat gesagt…

Frau Gaschke (*) setzt hier fort, was in der Armutsdiskussion - insbesondere über Langzeitarbeitlose - mittlerweile zum Teil der Legende gehört: Kinder sind arm, weil sie aus armen Verhältnissen stammen - die Verantwortung für Armut wird an die Eltern delegiert: Schlechte Erziehung, zu wenig Zuwendung, Geld wird für Alkohol und Zigaretten ausgegeben, und jetzt auch noch die Werte.

Dagegen geht man konsequent vor: Armen Eltern wird die Grundsicherung um Alkohol und Zigaretten gekürzt, Kindergärten und Schulen werden zum Schlachtfeld von Werteoffensiven, und für Verein und Musik gibt es 10,- im Monat per Gutschein. (Kann man kein Alkohol von kaufen)

Hier werden die Leidtragenden für ihr Leid verantwortlich gemacht und bestraft. Mich wundert immer noch, dass es nicht einen Aufschrei unter Psychologen und Erziehungswissenschaftlern gibt, die eigentlich wissen müssten, dass man die Entwicklung der Kinder nicht vom Leben der Eltern trennen kann.

Stattdessen gibt man die Eltern auf - sie müssen sich halt von der Mittelschicht demütigen - und im "Jobcenter" zum hörigen Untertan abrichten lassen. Um den Nachwuchs kümmert sich die Gesellschaft. Die Familien werden gespalten: In würdige- und unwürdige Arme.

Dass das nicht funktioniert, weiß man wahrscheinlich auch im Sozialministerium (Frau Gaschke weiß es vielleicht nicht), denn was verabreicht wird, sind nicht nur Generika, es sind auch noch Placebos: Ein Gutschein und ein hübsches Wertepflaster. Warum diese seltsame Taktik? Na klar: Sie ist kostenschonend.

Wer Leben und Chancen von Kindern verbessern will, muss Leben und Chancen der Eltern verbessern. Wer eine sichere Arbeit hat von der er Leben kann, sich nicht in "Jobcentern" erniedrigen lassen muss, und sich als Teil der Gesellschaft fühlt, der hat auch die nötigen Ressourcen, um seinen Kindern Werte, Sprachschatz und Zuwendung zu vermitteln. Nur wer Selbstbewusstsein haben darf, kann Selbstbewusstsein weitergeben.

Dummerweise kostet soziale Teilhabe aber Geld, ebenso wie ein öffentlicher Beschäftigungssektor, der die notwendigen Arbeitsplätze schafft. Das will man jedoch nicht ausgeben und vollführt stattdessen sozial- und arbeitspolitische Simulationspirouetten. Warum nur?

Nun, es gibt keine Münze ohne Rückseite, kein Guthaben ohne Defizit, kein Vermögen ohne Schuld, und keinen Reichtum ohne Armut. Je mehr Armut, desto mehr Reichtum. Je mehr Reichtum, desto mehr Armut.

Wer Armut bekämpfen will, muss also folgende Fragen stellen:

Wie viel Privatvermögen gibt es in Deutschland, wer besitzt es, wer sind die Halter (=Vermögenden) von 2 Billionen deutscher Staatsschulden, wie sind Einkommen und Vermögen verteilt, und wie werden sie besteuert und vererbt.

Wer Armut bekämpfen will, und diese Fragen nicht stellt, der ist ein Simulant.

http://de.wikipedia.org/wiki/Vermögensverteilung_(Deutschland)#.C3.9Cberblick_Verm.C3.B6gensverteilung_2002_.E2.80.93_2007

http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensverteilung_in_Deutschland#Entwicklung_der_personellen_Einkommensverteilung


(*) Interessant übrigens, dass die Wertevermittlerin Gaschke ihre politische Heimat in der SPD hat, der Partei also, die mit Hartz-IV und der Agenda 2010 für einen wesentlichen Teil von Armut und schlechter Arbeit in Deutschland verantwortlich ist.

Anonym hat gesagt…

... - man sollt nicht vergessen, dass es oftmals so ist, dass man Menschen beurteilt und kategorisiert, die seit vielen Jahren erwerbslos sind, die eine beschädigte Biografie haben und die oftmals nur negative Erfahrungen haben sammeln müssen. Dass die heute oftmals nicht dem Erwartungskorsett unserer Arbeitsgesellschaft entsprechen (können, zum Teil auch nicht mehr wollen), überrascht nicht wirklich."

Bei mir war es so: Als meine erste Vorladung vom "Jobcenter" zum "Gespräch" kam, war unten dran eine Rechtsfolgenbelehrung, in der dezidiert aufgeführt war, wie in einzelnen Stufen mit mir verfahren würde, sollte ich mich nicht an Anweisungen halten.

In dem Moment war mein Verhältnis zum "Jobcenter" und jede konstruktive Kommunikation erstorben. Man drohte mir mit der Vernichtung. In Schritten. Stück für Stück, bis ich mich gefügig zeigen würde.

Das wäre so, als ob man die Beine breit, als ob man seine Seele verkaufen und sich selbst verraten würde, für ein bisschen Grundsicherung, für das Recht zu überleben.

Natürlich muss ich zu dem "Gespräch". Man wird dabei kalt, tötet sich selber ab. Alles erstirbt innerlich, damit man in der Lage ist, dem Menschen gegenüber zu sitzen, der einem mit Vernichtung droht, und von dem man als Kunde bezeichnet wird.

Seit dem bin ich für diese Gesellschaft verloren, und sie ist mir verloren gegangen. Das Leben wird leblos. Man lernt, was Hass bedeutet.

Und ich warte: Jahr für Jahr, Wahl für Wahl, ob die Politik zur Besinnung kommt, ob die Bevölkerung begreift, welches Krebsgeschwür da unter ihr wuchert, ob die Hartz Gesetze revidiert werden.

Irgendwann einsteht dann die Einsicht, dass Hartz-IV kein Fehltritt der Sozialgeschichte ist, kein Ausrutscher der Humanität, dass die Mentalität dieser Gesellschaft in der Agenda2010 ihre Bestimmung gefunden hat.

Hartz-IV, das ist der Holocaust für die Seele.