Samstag, 14. Dezember 2013

Wie passt das zusammen? Klagen über Fachkräftemangel und Akademisierungswahn - und dann fällt die Zahl der neuen Ausbildungsverträge auf einen historischen Tiefstand. An der Passung liegt es, aber nicht nur

Das sind keine erfreulich daherkommenden Nachrichten, die das Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn der Öffentlichkeit mitteilen musste: "Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fällt auf historischen Tiefstand", so ist die Botschaft überschrieben.
Die wichtigsten Befunde in der Zusammenfassung: »(Die) Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fiel auf einen historischen Tiefstand, den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung. Zugleich nahmen die Passungsprobleme zu: ein höherer Anteil des betrieblichen Ausbildungsangebots blieb unbesetzt, und mehr Ausbildungsplatznachfrager blieben bei ihrer Ausbildungsplatzsuche erfolglos. Insgesamt verschlechterte sich die Marktlage zu Lasten der Jugendlichen, und es gelang nicht mehr im selben Ausmaß wie in den drei Jahren zuvor, ausbildungsinteressierte Jugendliche an dualer Berufsausbildung zu beteiligen.«

Natürlich stellt sich angesichts dieser Daten die völlig naheliegende Frage, wie es sein kann, dass in den Medien andauernd über fehlende Fachkräfte - dabei auch und zutreffend in den "klassischen" Ausbildungsberufen und nicht nur bezogen auf Ärzte oder Ingenieure - sowie fehlende Azubis diskutiert wird und ebenfalls grundsätzlich zutreffend über die problematischen Auswirkungen der expandierenden Akademisierung auf das System der dualen Berufsausbildung (vgl. hierzu beispielsweise die Arbeit "Wie viel akademische Bildung brauchen wir zukünftig? Ein Beitrag zur Akademisierungsdebatte" von Hartmut Hirsch-Kreinsen) berichtet und diskutiert wird - und dann müssen wir einen solchen Einbruch bei der Zahl der Ausbildungsverträge zur Kenntnis nehmen?

Sven Astheimer versucht sich in der FAZ an Erläuterungsversuchen: »Neben dem demographischen Wandel gibt es weitere Gründe für den Rückgang in den Lehrberufen. Zum einen sorgt der Trend zu höheren Abschlüssen dafür, dass die Zahl der Studienanfänger mit mehr als einer halben Million mittlerweile fast gleichauf mit den neuen Lehrlingen liegt.« Und weiter: »Zum anderen sprechen Fachleute vom Bundesinstitut für Berufsbildung, die die Statistik erhoben haben, von einer steigenden „Passungsproblematik“: Das bedeutet, dass das Angebot an Lehrstellen und die Jugendlichen häufig nicht mehr zusammen passen. Das kann daran liegen, dass etwa Berufe im Handwerk, der Gastronomie oder in der Landwirtschaft nicht mehr den Wünschen der Jugendlichen entsprechen. Genauso gut ist möglich, dass die Qualifikation der Bewerber nicht den Anforderungen der Arbeitgeber entspricht.« Bereits Ende Oktober hatte Astheimer in seinem Artikel "Lehrstellen und Bewerber finden schwerer zusammen" auf diese Passungsprobleme hingewiesen und die Debatte darüber sofort als eine des Kampfes um "Deutungshoheit" gewertet. Damit meint er die reflexhaften Reaktionen der Gewerkschaften und der Wirtschaft auf die sich verschlechternden Zahlen vom "Ausbildungsmarkt" (wobei die Anführungszeichen hier von mir gesetzt werden vor allem für den Terminus "Markt", denn es handelt sich wenn überhaupt nur um einen sehr amputierten "Markt"). Während die Gewerkschaften auf die "krisenhafte" Entwicklung abstellen und angesichts der (wieder zunehmenden) Probleme eines Teils der jungen Menschen und der beobachtbaren Reduktion der Zahl der überhaupt ausbildenden Betriebe einen "Rechtsanspruch auf eine Lehrstelle" fordern, kontern die Wirtschaftsvertreter: „Mangelnde Ausbildungsreife lässt sich nicht durch Rechtsanspruch aus der Welt definieren“. Mit diesen Worten wird Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, in dem Beitrag von Astheimer zitiert. In allen Branchen und Berufen gebe es unbesetzte Lehrstellen. Die tatsächliche Zahl liege sogar noch deutlich über den offiziellen, denn längst nicht jedes Unternehmen melde seine offenen Stellen.

Es ist wie so oft eine Spiegelbild der allgemeinen wirtschaftspolitischen Debatte: Die Gewerkschaften fokussieren ihre Kritik auf die Nachfrageseite des "Ausbildungsmarktes", also die Unternehmen, denen man "Versagen" bei der Aufgabe, genügend Ausbildung nachzufragen, vorwirft, während die Arbeitgeber auf der Angebotsseite des "Ausbildungsmarktes" herumreiten, also die mangelnde "Ausbildungsreife" oder ein spezifisches Wahlverhalten der potenziellen Azubis beklagen, das dann im Ergebnis zu nicht besetzten Ausbildungsstellen führen würde. Und wie so oft wird die Wahrheit in der Mitte dieser beiden großen Schneisen liegen.

Die Bewerber sind oft nicht dort, wo es die Stellen gibt. Dann reicht eben der Blick auf die Gesamtzahl an angebotenen und nachgefragten Ausbildungsstellen nicht aus, er führt eher auf die falsche Fährte. Die ostdeutschen Bundesländer haben das jahrelang schmerzhaft zu spüren bekommen. Natürlich gebe es eine (aber nur scheinbar) einfache Lösung dieses allgemeinen Mismatch-Problems: Die junge Leute müssen eben dahin, wo es ausreichend oder gar zu viele Ausbildungsplätze gibt. Wenn man das aus welchen Gründen auch immer nicht hinbekommt oder auch nicht hinbekommen möchte, dann muss man für einen Teil der jungen Menschen Alternativen schaffen - auch davon können die ostdeutschen Bundesländer ein Lied singen.
Die Experten des Bundesinstituts für Berufsbildung gehen differenziert an die Situation heran. Sie identifizieren unterschiedliche Problemtypen auf dem Ausbildungsmarkt, eine instruktive Übersicht findet sich in dieser aktuellen Veröffentlichung:
Joachim Gerd Ulrich, Stephanie Matthes, Simone Flemming, Ralf-Olaf Granath, Elisabeth M. Krekel: Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2013. Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fällt auf historischen Tiefstand. BIBB-Erhebung über neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30. September (vorläufige Fassung vom 12.12.2013), Bonn
Die dieser Publikation entnommene Abbildung (Ulrich et al. 2013: 12) verdeutlicht, dass das Besondere an dem "Passungsproblem" ist, dass hier vielen erfolglosen Bewerbern zugleich viele offene Ausbildungsstellen gegenüberstehen. Regionale Mismatch-Situationen hingegen gehören oftmals zum "Versorgungsproblem". Alle hier dargestellten Problembereiche des "Ausbildungsmarktes" werden dann detailliert und mit aktuellen Daten bestückt analysiert.

60% aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge wurden im Bereich Industrie und Handel registriert. Im Handwerk – als zweitgrößtem Bereich – waren es 26,8%. Und hier sind leider die stärksten Rückgänge zu beobachten: Das Handwerk musste erneut einen deutlichen Rückgang bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen hinnehmen musste (bundesweit um -5.200 bzw. -3,5% auf nunmehr 142.100). Ein noch deutlicheres Minus war in diesem Jahr jedoch im Bereich Industrie und Handel zu verzeichnen, wo insgesamt nur noch 318.500 neue Ausbildungsverträge (-14.100 bzw. -4,2% im Vergleich zum Vorjahr) abgeschlossen wurden (Ulrich et al. 2013: 8).

Mit Blick auf die Zukunft: Nicht nur die offensichtlich rückläufige Ausbildungszahlen am Anfang der Ausbildungsphase sollten vor dem Hintergrund des erheblichen Ersatzbedarfs in Handwerk und Industrie auf der Ebene der Facharbeiter sowie bei den kaufmännischen Berufen zu erheblicher Besorgnis Anlass geben. Wir steuern hier immer stärker auf massive Engpassprobleme zu. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass bekanntlich nicht alle, die eine Ausbildung anfangen, diese auch mit einem Abschluss beenden. Wir sind in Teilbereichen des dualen Systems mit erheblichen Anteilen an Ausbildungsabbrechern konfrontiert:
»Im Jahr 2011 wurden im Bundesgebiet fast 150.000 Ausbildungsverträge (24,4 %) vorzeitig gelöst ... Dabei gibt es zwischen den verschiedenen Ausbildungsberufen sehr große Unterschiede. Die Spannweite reicht vom Beruf Verwaltungsfachangestellte/-r mit der geringsten Quote von 3,7 % zum/zur Restaurantfachmann/ -frau mit der höchsten Quote von 51,0 %.« So die Zahlen aus der Studie von Ursula Beicht und Günter Walden: Duale Berufsausbildung ohne Abschluss – Ursachen und weiterer bildungsbiografischer Verlauf. Analyse auf Basis der BIBB-Übergangsstudie 2011 (=BIBB-Report 21/13), Bonn 2013. 
Das alles hat nicht nur was mit mangelnder "Ausbildungsreife" der jungen Menschen zu tun, sondern auch mit einer mangelhaften "Ausbildungsreife" so mancher Betriebe- Hierzu ausführlicher:
Matthias Anbuhl und Thomas Gießler: Hohe Abbrecherquoten, geringe Vergütung, schlechte Prüfungsergebnisse – Viele Betriebe sind nicht ausbildungsreif. DGB-Expertise zu den Schwierigkeiten der Betriebe bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen, Berlin 2012
Die neuen Zahlen geben uns bedenkliche Hinweise auf die Verhasstheit des dualen Ausbildungssystems - das insgesamt unter einem doppelten Druck steht: Zum einen "von oben", da immer mehr junge Leute, die früher hier eingemündet sind, nunmehr an die überfüllten Hochschulen strömen, zum anderen aber auch "von unten", weil gleichzeitig aufgrund der gestiegenen Anforderungen in vielen Ausbildungsberufen eine Öffnung hin zu den "leistungsschwächeren" Jugendlichen verbaut oder zumindest erheblich erschwert ist.

1 Kommentar:

Dieter Schmitt hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Sell,
wenn man "Handwerk" und "Ende" sucht, oder ähnliches, findet sich scheinbar kein einziger Beitrag, der den Gedanken, das Handwerk mit seinem sprichwörtlich "goldenen Boden" könnte am Ende sein, wagt. Handwerkbezogene Verbandsseiten spekulieren dagegen über eine rosige (grüne) Zukunft mittels Stichwörtern wie Gebäudesanierung und alternativer Energiesektor.
Auch in Ihrem Beitrag scheint die gesellschaftlich konstant bleibende oder gar steigend relevante Bedeutung des Handwerks eine unhinterfragte Prämisse. Warum eigentlich?

Sicherlich ist es auch eine Frage der Definition. Als einfacher Bürger (mit Hochschulabschluss, aber in einem anderen Bereich - nämlich Pflege - arbeitend) kenne ich zunächst den Typus Handwerker, wie ihn meine Eltern in meiner Kindheit gelegentlich bestellte (1980er). Zwar schickten spätere Vermieter gelegentlich Exemplare dieser Gattung in ihre Mietobjekte, aber in meiner Kohorte kenne ich kaum jemanden, der sich diesen Luxus leistet. In der aktuellen Wohnung geschah aber auch das nur einmal aufgrund der vorgeschriebenen Installation von Rauchmeldern. Mir erscheint das als eine irgendwo künstliche vorübergehende Nachfrage. Jenseits von solchen Griffen aber scheint mir dieser Typus mit einer Prekarisierung der Mittelschicht, sollte es diese nicht doch nur gefühlt geben unter den dann unglücklich zufälligen Ausnahmemilieus, nicht zukunftsfähig.

Ein zweiter Typus hängt wohl insofern mit Kleingewerbe zusammen, als dass andere handwerkliche Dienste, etwa die Bäckereien, ihre Gestalt seit meiner Kindheit veränderten. Die olle Tante Emma hat heute einen 450-EUR-Job in einer Backwarenkette, vielleicht bietet sie zusätzlich in ihrer Freizeit (Altersgrundversorgung und Minijob ergänzend) noch althergebrachte Backkünste an, für Hochzeiten und andere Feiern. Sprich: Während die eigentliche Bäckertätigkeit mehr oder weniger faktisch einer angelernten Aushilfskraft weicht, genügt die alte Kunst nur mehr als eine Art Kunsthandwerk für diejenigen wenigen, die sich das noch leisten wollen. Nennen wir das Typ B1 und B2. Bei ersterem - B1 - ist fraglich, ob man das noch Handwerk nennen soll. Bei zweiterem - dem "neuen" Kunsthandwerker - bleibt der Eindruck einer Nischentätigkeit des besonderen Anlasses: Historische Torten neben historischen Trachten. Dieser B2-Sektor dürfte weiter bestehen, aber keinesfalls als tragender wirtschaftlicher Faktor.

Bleibt Typ C, der erstmal lose mit Industrie assoziiert sei. Da soll es ja einen Boom geben, der in Deutschland mit einer besonderen Rolle des Exports zusammenhängt. Hier mag es zur Glaubensfrage verkommen sein, ob man von einer "Weltwirtschaftskrise" ausgeht, welche Ursachen man einer solchen zuschreibt etc. Je nach Beantwortung dieser Frage kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich der künftigen Nachfrage in diesem Bereich.
Sicherlich wäre es hier wichtig zu schauen, inwiefern das Arbeiten als Leiharbeiter per entsprechender Leiharbeitsvermittlungsfirmen mit neuen verkürzten Ausbildungsprofilen noch "Handwerk" genannt werden kann.

Sicherlich: Noch fällt vielleicht so manches nicht ins Gewicht, da bislang nur die statistische Minderheit der jungen Leute diese schöne neue Arbeitswelt erfährt - gegenüber den vollendeten überzähligen Renteransichten über die gute alte Welt des Handwerks, wie sie es nicht erst seit den 1980ern kennenlernten und teilweise aktuell noch weiter beanspruchen.