Montag, 12. Dezember 2016

Eine eigene Welt? Niedriglöhner im Jobwunderland Deutschland

Von Stefan Sell
Das sind den einen oder anderen sicher irritierende Schlagzeilen aus dem "Jobwunderland" Deutschland: Anteil der Niedriglohnempfänger wächst rasant, so ist einer der vielen Artikel dazu überschrieben. Etwas vorsichtiger bzw. genauer formulierend Jeder Fünfte verdient unter zehn Euro pro Stunde: »Laut Daten des Arbeitsministeriums arbeiten mehr als 20 Prozent der deutschen Beschäftigten zu Niedriglöhnen. Im Westen hat der Anteil zuletzt sogar zugenommen.« Wie kann das sein? Ist nicht erst vor nunmehr zwei Jahren der gesetzliche Mindestlohn als verbindliche Lohnuntergrenze für (fast) alle eingeführt worden? Und dann solche Meldungen?
Da lohnt es sich, genauer auf die Daten zu schauen. Ausgelöst wurde die aktuelle Berichterstattung durch eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken "Niedriglöhne in der Bundesrepublik Deutschland" und der nun vorliegenden Antwort der Bundesregierung (BT-Drs. 18/10582 vom 07.12.2016).
Nun wird der eine oder andere einwerfen, dass der in den Artikeln zitierte Anteilwert von "jedem fünften Beschäftigten", der zu Niedriglohnbedingungen arbeiten muss, kein wirklich neuer oder überraschender und auch keineswegs ein "rasant angestiegener" Wert sein kann, wenn man an die bisherige Berichterstattung über die Niedriglohnbeschäftigung denkt, wie sie vor allem vom IAQ der Universität Duisburg-Essen veröffentlicht wird. So konnte man beispielsweise in der Studie Niedriglohnbeschäftigung 2013: Stagnation auf hohem Niveau von Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf aus dem Jahr 2015 lesen: »Im Jahr 2013 arbeiteten in Deutschland 24,4% aller abhängig Beschäftigten für einen Stundenlohn unterhalb der Niedriglohnschwelle von 9,30 € pro Stunde. Damit hat sich der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten gegenüber 2012 kaum verringert. Im Durchschnitt  erzielten die rund 8,1 Millionen gering bezahlten Beschäftigten einen Stundenlohn von 6,72 € und lagen damit deutlich unter der Niedriglohnschwelle.«

Die Zahlen des IAQ basieren auf Daten aus dem Sozio-ökonomischen Panels (SOEP). Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 30 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden zurzeit jedes Jahr in Deutschland etwa 30.000 Befragte in fast 11.000 Haushalten befragt. Die Angaben zu den Einkommen, aus denen dann Stundenlöhne berechnet werden, basieren also in diesem Fall auf Umfragedaten.

Die Antwort der Bundesregierung zur Anfrage der Linken im Bundestag verwendet hingegen eine andere Datenquelle, die alle vier Jahre stattfindende Verdienststrukturerhebung (VSE) des Statistischen Bundesamtes, die ab dem Berichtsjahr 2014 erweitert wurde. Bis dahin waren nur Betriebe ab 10 Beschäftigten enthalten, das hat man nun entsprechend erweitert, ebenso die bislang nicht berücksichtigten Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Fischerei mit aufgenommen. Die Verdienststrukturerhebung ist eine Statistik über Beschäftigungsverhältnisse, die als geschichtete Stichprobe bei den Arbeitgebern erhoben wird. Für das Berichtsjahr 2014 wurden die Daten von 60.000 Betrieben und 1,0 Millionen Beschäftigungsverhältnissen erfasst und ausgewertet.

Wir müssen bei der Interpretation der Daten also berücksichtigen, dass sich diese - sowohl beim IAQ wir auch seitens des Statistischen Bundesamtes - auf das Jahr 2014 beziehen. Also vor der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zum 1. Januar 2015.

Die Niedriglohnschwelle beträgt für das Erhebungsjahr 2014 bezogen auf den Bruttostundenlohn 10,00 Euro. Der für Vollzeitbeschäftigte berechnete Bruttomonatslohn wurde bei 1.993 Euro taxiert. Wie kommt man zu dieser Niedriglohnschwelle? Wir sehen hier das gleiche Vorgehen der Statistiker wie auch bei der Bestimmung der relativen Einkommensarmut:
»Die Niedriglohnschwelle und der Anteil der Beschäftigten mit einem Bruttostundenlohn unterhalb dieses Schwellenwertes (Niedriglohnquote) sind statistische Verteilungskennziffern für die Lohnspreizung. Ihre Höhe hängt u. a. von der Definition des zugrundeliegenden Erwerbseinkommens, der Arbeitszeit und der verwendeten Datenquelle ab. Berechnungen zur Niedriglohnquote richten sich üblicherweise nach einer Konvention der OECD, die einen Niedriglohn als einen Bruttolohn definiert, der unterhalb von zwei Dritteln des mittleren Bruttolohns (Median) liegt.« (BT-Drs. 18/10582: 1-2).
Ausgehend von dieser Definition stellen die Statistiker für das Jahr 2014 fest, dass 21,4 Prozent der Beschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle von 10,00 Euro pro Stunde brutto verdient haben. Markus Krüsemann, der sich auch mit den unterschiedlichen Werten von IAQ und Statistischem Bundesamt befasst, hebt in seinem Beitrag Jeder Fünfte war vor Mindestlohneinführung Niedriglöhner hervor: »Das geringste Risiko, zu Niedriglöhnen zu arbeiten, haben demnach Vollzeitbeschäftigte. Hier war 2014 etwa jedes zehnte Beschäftigungsverhältnis ein Niedriglohnjob. Ganz anders verhält es sich bei den Minijobs, die zu fast zwei Dritteln mit Stundenlöhnen unter zehn Euro vergütet werden. Hohe Niedriglohnrisiken haben auch Leiharbeitnehmer/innen und befristet Beschäftigte.«

Die Abbildung am Anfang dieses Beitrags liefert detaillierte Informationen über Merkmale Anteile in den Bundesländern, Verteilung zwischen den Geschlechtern oder nach Altersgruppen. Zu beachten ist dabei, dass der in der Tabelle ausgewiesene Anteil an Niedriglöhnern in Westdeutschland um einen Prozentpunkt niedriger liegt, weil hier nur die Betriebe ab 10 und mehr Beschäftigten berücksichtigt werden, denn die kleineren Betriebe werden ja erst seit der Erhebung 2014 berücksichtigt, vorher nicht, dann könnte man keinen Vergleich zwischen den Jahren machen.

Und der Vergleich der Jahre 2006, 2010 und 2014 verdeutlicht, dass es in Westdeutschland einen Anstieg von 16,4 Prozent auf 18,4 Prozent gegeben hat, in Ostdeutschland schwankt der Wert kontinuierlich um mehr als 33 Prozent, so dass dort jeder dritte Beschäftigte von Niedriglöhnen betroffen ist. Mit Blick auf den Anstieg in Westdeutschland und das anhaltend, verfestigt hohe Niveau der Niedriglohnbeschäftigung in Ostdeutschland muss daran erinnert werden, dass die Jahre seit 2010 auf dem deutschen Arbeitsmarkt sehr gute Jahre waren, mit einer erheblichen Expansion der Beschäftigung bis hin zu Arbeitskräfteknappheit in einigen Branchen und/oder Regionen, so dass sich nach allen Regeln der Ökonomie die Lohneinkommen nach oben bewegen müssten.
Aber ganz offensichtlich sind wir mit einer Verfestigung der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland konfrontiert. Und das ist an sich schon bedenklich, muss aber zudem auch noch im Zusammenhang mit der Tatsache gesehen werden, dass der Niedriglohnsektor in Deutschland gemessen an den Anteilwerten zur traurigen Spitzengruppe in Europa gehört - gemeinsam mit Ländern wie Rumänien, Litauen, Lettland, Estland oder Polen. Die Tabelle mit den Anteilwerten in Europa verdeutlicht auch, dass es andere Länder gibt, die vom Entwicklungsstand her vergleichbar sind mit Deutschland und bei denen der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung erheblich geringer ausfällt, beispielsweise Schweden mit 2,64 Prozent, Belgien mit 3,79 Prozent, Dänemark mit 8,61 Prozent oder Finnland mit 5,28 Prozent.

So glänzend das "Jobwunderland" Deutschland nach außen erscheint, so genauer sollte und muss man hinschauen in die ganz eigenen und ziemlich großen Landstriche der verfestigten Niedriglohnwelt.

Wie gesagt - die hier präsentierten Daten beziehen sich auf das Jahr vor der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Ob sich 2015 etwas geändert hat, bleibt abzuwarten. Viel erwarten sollte man nicht, weil auch eine Beschäftigung von dann zum Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde statt bislang vielleicht 6 oder 7 Euro holt die Betroffenen keineswegs aus dem Niedriglohnsektor, denn die Niedriglohnschwelle liegt ja höher. Es könnte höchstens dann spürbare Auswirkungen gegeben haben, wenn die Unternehmen nicht nur den Mindestlohn eingeführt haben, sondern auch die darüber liegenden Lohngruppen angehoben worden sind, so dass viele "Grenzarbeitnehmer" über die Niedriglohnschwelle gekommen wären/sind.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

In den letzten Monaten las ich in den Medien, daß mittlerweile 52% der Niedriglohnarbeiter Fachkräfte, z. T. hochqualifiziert,dort ihr berufliches Dasein fristen. Nicht nur daß sie mittlefristig ihre mühsam erworbene berufliche Qualifikation verlieren, sondern der enorme psychische Druck, der durch den staatlich legitimierten Sanktionsterror in den Jobcentern auf diese Gruppe ausgeübt wird, hat zur Folge, daß die Zahl von psychisch bedingten Erkrankungen stark zugenommen hat.

Das Unheil hat mit dem gigantischen Sozialstaatsabbau (AGENDA 2010) seinen Lauf genommen und wird bis heute, ohne Rücksicht auf Verluste weitergeführt.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die SPD, die seit 2009 nur noch eine Splitterpartei ist, nie wieder aus ihrem 20% Tief herauskommt, da ihre ehemalige Klientel jeden Tag vor Augen geführt bekommt,was sie den rotlackierten Neoliberalen zu verdanken hat.

Stefan Sell hat gesagt…

Man kann der 2015 veröffentlichten Studie Niedriglohnbeschäftigung 2013: Stagnation auf hohem Niveau von Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf auf der Basis der SOEP-Daten entnehmen, dass mehr als drei Viertel der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss haben. In der Studie finden Sie weitere Hinweise auf die Zusammensetzung der Niedriglöhner.

Anonym hat gesagt…

Ich habe eine Ausbildung mit guten Noten im Handwerklichen Bereich, dazu habe ich einen Meisterähnlichen Abschluss (staatlich geprüft), um mich zu spezialisieren mit ebenfalls guter Leistung absolviert. Ich habe studiert, dies aber nicht beendet. Weiterhin habe ich 5 Jahre Berufserfahrung.
Ich verdiene 1900 Brutto, das war mein vorletztes Gehalt. Mein letzter Sklavenhalter hat mir sogar nur 1600 Brutto gezahlt.
Die meisten Firmen wollen mich zu meinem geringeren Abschluss eisntellen, aber mir gleichzeitig Tätigkeiten aufbürden, für die ich meinen 2. und höheren Abschluss brauche.
Ich habe noch nie eine Gehaltserhöhung bekommen.

Ich kenne niemanden der mehr als 2000 bekommt, und ich rede hier von Leuten die mindestens einen Abschluss und Berufserfahrung haben.
Ich schätze gefühlt arbeiten mindestens 75% aller Menschen in diesem Drecksstaat für einen Lohn unter 2000 Euro.

Den Statistiken traue ich nicht, schon aus Prinzip.

Micha Buergerrechtler hat gesagt…

@ Anonym

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Ich bin Radio- und Fernsehtechniker und habe Fachabitur. Gefühlt habe ich hundert Weiterbildungen gemacht. Seit meiner Ausbildung habe ich in vielen Jobs gearbeitet, aber NIEMALS über 2200 Brutto bekommen. Bin bin so gut wie nie krank und ich denke, das was ich an Arbeit verrichte mache ich gut! Auch 20 Tage Urlaub für jemanden Ü 40 ist schon hart, die meisten Arbeitgeber sind Halsabschneider, verabschieden sich aus der Tarifbindung um das absolute minimum an den Arbeitnehmer geben zu können was der Gestzgeber gerade noch zulässt. Lediglich die Inhaber von "Altverträgen" verdienen noch relativ gut, werden aber ständig unter Druck gesetzt und gemobbt damit man sie loswerden kann....Ich kenne Akademiker die beim Paketdienst für 8,50 Arbeiten müssen...noch Fragen?!
DAS ARBEITSLEBEN STINKT!!!

Anonym hat gesagt…

Danke für den Text - Wie bereits in einem anderen Thread erwähnt habe ich auch schon als Leiharbeiter gearbeitet, und dies weil mir in einer Trainingsmaßnahme der Bundesagentur für Arbeit, geleitet von einer Leihbude, wie ich durch Eigenrecherche nach dem Namen des Maßnahmeträgers herausfand, dies empfohlen wurde, da meine 12 Jahre als Gesellschafter eines Kleinunternehmens im Tourismusgewerbe nix zählen, und ich, aufgrund dieser berufsfremden Tätigkeit als "Wieder Ungelernt" nach SGB III gelten würde. Irgendwoher müssen ja die angeblich "Ungelernten" in Leiharbeit kommen.
Zynische Grüße
Bernie