Sonntag, 12. Juli 2015

Die Entsolidarisierung kommt auf leisen Sohlen, oftmals unbeachtet, weil so abseitig, dann aber Fahrt aufnehmend und ein ganzes System verändernd. Beispielsweise die Krankenversicherung

Die wirklich einschneidenden Veränderungen kommen auf leisen Sohlen, holprig am Anfang, zumeist von kaum einem beachtet, weil scheinbar nicht relevant. Beispielsweise im Bereich einer so existenziellen Frage wie der Absicherung des Risikos, krank zu werden und einer Behandlung zu bedürfen. Dafür haben wir in Deutschland für die große Masse der Bevölkerung die Gesetzlichen Krankenversicherung, um die uns - bei aller Kritik hierzulande - viele Menschen außerhalb Deutschlands beneiden.
Es handelt sich um eine mehrfach solidarisch wirkende, umverteilende Versicherung. Umverteilt wird in diesem Zweig der Sozialversicherung von (noch) gesunden Versicherten zu kranken Versicherten, die Patienten geworden sind, von zahlungskräftigen jüngeren Versicherten (vor allem im mittleren Lebensalter) hin zu den Kindern und Jugendlichen sowie den beitragsfrei mitversicherten Familienangehörigen bis hin zu den Älteren, die beispielsweise als Rentner niedrigere Beitragssummen aufbringen, aber oftmals ein Mehrfaches an Leistungen entnehmen (müssen), weil natürlich viele Krankheiten alterskorreliert sind. Bis zu einer durch die Beitragsbemessungsgrenze determinierten Einkommenshöhe findet auch durchaus eine Umverteilung statt von höheren Arbeitseinkommen zu den niedrigeren (und damit verbunden von Vollzeit zu Teilzeit), denn wenn jemand einen anteiligen Beitrag auf ein zu verbeitragendes Einkommen von 1.000 Euro zahlt, bekommt er den gleichen Schutz und das gleiche Leistungsvolumen wie jemand, der einen Beitrag abführen muss auf ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitseinkommen von 3.000 Euro im Monat. Und bei den Umverteilungswirkungen sollte auch - allerdings häufig "vergessen" - mitgedacht werden, dass es in der bestehenden Gesetzlichen Krankenversicherung keine nennenswerte Exklusion  aus der Leistungswelt wie auch keine Abschlachtung auf der Beitragsseite aufgrund der Ursachen eines Risikofalls gibt. Anders ausgedrückt: Auch derjenige, der seinen Körper alle erdenklichen krankmachenden Einflüssen aussetzt, wird genau so behandelt wie der täglich Sport treibende, kein Alkohol und Tabak genießende und ernährungsbewusst handelnde Idealtypus aus dem Lehrbuch der Gesundheitsideologie. Und er zahlt auch keinen höheren Beitrag wie die Idealfigur bzw. diese keinen niedrigeren Satz. Genau das soll sich jetzt aber ändern.
Wobei man voranstellen muss: Das sollte sich nach Meinung einiger "Gesundheitsökonomen" und "Versicherungsexperten" schon seit langem ändern, nur hat man das bislang nicht wirklich in die Realität umsetzen können. Immer wieder gab es Vorschläge und Vorstöße, eine Differenzierung von Leistungs- und damit verbunden Kostenübernahme- bzw. Erstattungsansprüchen innerhalb des solidarischen Versicherungssystems nach dem Grad der Verursachung vorzunehmen. Beliebte Beispiele waren und sind immer die Raucher und die Übergewichtigen - und immer wieder scheiterten diese Vorstöße nicht nur an solidarischer Grundsatzgegenwehr, sondern auch an ganz handfesten Abgrenzungsoperationalisierungsproblemen. Beispiel Übergewicht: Wo genau liegt die Grenze zwischen selbstverschuldete Belastung der Solidargemeinschaft und krankheitsbedingter Folge? Kann man die rechtssicher überhaupt abgrenzen? Und wie ist das mit dem Nichtrauchen? Reicht die Behauptung oder muss dann nicht auch eine mögliche Diskrepanz zwischen angeblichen und tatsächlichen Tun kontrollieren? Mit welchem Aufwand ist das verbunden?

Für Krankenversicherungen gilt grundsätzlich: Aus der basalen Problematik der Informationsasymmetrie kann die so genannte „adverse Selektion“ resultieren, denn Versicherte kennen ihre Schadenswahrscheinlichkeit besser als die Versicherer, was für die immer dann ein besonderes Problem ist, wenn sie Tarife kalkulieren müssen.
In unserem Zusammenhang einer möglichen Differenzierung auf der Beitragsseite gemäß der Codierung "gute Versicherte"/"schlechte Versicherte" besonders relevant ist das immer begrenzte oder sogar gar nicht vorhandene Wissen der Versicherer, ob sich die Versicherten tatsächlich auch so verhalten, wie es eine Beitrags- bzw-. Prämiendifferenzierung voraussetzt. Dazu braucht man vor allem Informationen, viele und detaillierte Informationen, um das mit der Informationsasymmetrie einhergehende Gefälle zwischen Versicherten und Versicherern zu verringern oder gar in die Nähe einer gleichen Augenhöhe zu bringen.

Nun sind wir inmitten einer rasanten informationstechnologischen Entwicklung, die es grundsätzlich ermöglicht, immer mehr, schneller, sogar in Echtzeit ermittelte Informationen kostengünstig zu erheben und zu speichern. Und man muss diese grundsätzliche technologische Optionalität im Zusammenhang sehen mit einem nicht zu unterschätzenden gesellschaftlichen Wertewandel im Sinne einer immer stärker ausgeprägten Bereitschaft, auch sehr persönliche Daten und Informationen preiszugeben bzw. deren Abgreifen in der "App-Gesellschaft" unserer Tage durch Dritte nicht einmal mehr als Problem wahrzunehmen. Und angesichts dieser sich verändernden Rahmenbedingungen schlägt die Stunde der Apologeten einer Individualisierung und Personalisierung der Beitragsbemessung innerhalb des Krankenversicherungssystems, weg vom unauflösbaren Status des Gefangenen seiner Kohorte bzw. des Risikokollektivs hin zu einer individualisierenden Auffächerung des Beitragskorridors.

Wie der neue Vorstoß laufen kann, wurde bereits im November 2014 in dem Beitrag Irgendwann allein zu Haus? Ein weiterer Baustein auf dem Weg in eine Entsolidarisierung des Versicherungssystems, zugleich ein durchaus konsequentes Modell in Zeiten einer radikalen Individualisierung dargelegt. Da konnte man lesen: Als erster großer Versicherer in Europa setzt die Generali-Gruppe künftig auf die elektronische Kontrolle von Fitness, Ernährung und Lebensstil. Das Kalkül des Unternehmens scheint auf der Hand zu liegen: Wer gesund lebt, kostet den Krankenversicherern weniger Geld. Im Gegenzug erhalten willige Verbraucher Vergünstigungen, gleichsam als Anreiz, sich entsprechend zu verhalten. Das hört sich doch nach einer guten Absicht an: Wer gesund lebt, zahlt weniger für die Krankenversicherung. Schon damals wurde versucht, das grundsätzliche Problem herauszuarbeiten, auf das erneut hingewiesen werden muss:
Der ganze Ansatz kommt auf den ersten Blick unverdächtig daher, denn keiner scheint gezwungen zu werden, dieses neue Versicherungsmodell in Anspruch zu nehmen. Alles freiwillig also. Aber nur auf den ersten Blick, denn hier liegt eines der großen Probleme begründet: Diejenigen, die mitmachen (wollen), bekommen Vergünstigungen. Man kann plausibel davon ausgehen, dass das eine hoch selektive Gruppe sein wird, Menschen also, die von sich wissen, dass sie die Erwartungskriterien erfüllen, um an dem Programm teilnehmen zu können, vor allem, wenn man weiß, dass das überwacht wird. Es handelt sich versicherungsökonomisch gesehen um die "guten Risiken" und genau an die will die Versicherung ran und diese an sich binden, denn mit denen macht man trotz niedrigerer Beiträge ein Geschäft. Unter den anderen, die sich nicht beteiligen, sind auch die "schlechten Risiken" für die Versicherung, also Menschen, die wissen, dass sie die Auflagen des Versicherungsmodells nicht werden erfüllen können oder die andere Informationen über ihren eigenen Gesundheitszustand haben. Für die aber wird die Versicherung teurer, denn sie sind ja tendenziell die Risikogruppe für die Versicherung. Langfristig das größte Risiko des neuen Systems: Wer nicht bereit ist, seine Daten preiszugeben, dürfte künftig einen deutlich höheren Preis für seine Versicherung zahlen. Und schon kehrt sich die vielgelobte "Freiwilligkeit" praktisch in ihr Gegenteil um.
Und auch der Einwand, es handelt sich doch "nur" um einen Vorstoß im Formenkreis der privaten Krankenversicherung, wurde damals schon aufgegriffen in dem Sinne, dass das zeitverzögert durchaus Eingang finden kann in die Gesetzliche Krankenversicherung und an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass in den vergangenen Jahren durchaus Komponenten aus der PKV in die GKV implementiert wurden. So gibt es auf der Beitragsseite durchaus Selbstbeteiligung- und Beitragsdifferenzierungsmodelle, man denke hier nur an die Beitragsrückerstattung, mit der man die besonders "guten Risiken", also die mit höheren Einkommen, in der Versicherung halten möchte.

Nach dem Bekanntwerden der Generali-Idee gab es ein mediales Aufbäumen, durchaus mit vielen kritischen Einwürfen. Aber ein Update ist erforderlich, denn: »Der Krankenversicherer Generali will trotz harscher Kritik 2016 eine App auf den Markt bringen, die Fitness und Ernährung der Versicherten überwacht. Wer gesund lebt, soll weniger zahlen«, muss man dem Artikel Umstrittene App soll Fitness und Ernährung überwachen entnehmen. Das geplante "verhaltensbasierte Versicherungsmodell", so nennen die Generali-Leute ihren Ansatz, soll im ersten Halbjahr mit konkreten Produkten hinterlegt auf den Markt kommen. Man sollte und muss diese Entwicklung - auch wenn sie erst ganz am Anfang steht - überaus kritisch und sorgfältig begleiten und verhindern, dass es Ausstrahlungseffekte in den größeren Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung gibt.

Dabei ist die Positionierung gegenüber diesem Ansatz auch in der privaten Krankenversicherungswirtschaft nicht eindeutig. Es gibt auch Ablehnung und Widerspruch zu dem versicherungsökonomisch prima facie plausibel daherkommenden Ansatz: Allianz lehnt Sportler-Tarife mit Fitness-Apps ab, berichtet beispielsweise die WirtschaftsWoche. Zitiert wird Birgit König, Chefin der Allianz Krankenversicherung, mit den Worten: „Tarife werden zum Schutz der Versicherten risikogerecht kalkuliert. Ein Läufer-Tarif hätte deshalb einen anderen Beitrag als ein Radfahrer-Tarif. Kleinteilige Kollektive aber passen nicht in die private Krankenversicherung.“

Grundsätzlich passt der neue Ansatz in die Zeit einer bewusst-unbewusst ablaufenden radikalen Individualisierung und einer Entkernung des solidarischen Ansatzes großer Kollektive, die mögliche Risikofälle für die Einzelnen auffangen (können).

Foto: © Lupo / pixelio.de 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Auch derjenige, der seinen Körper alle erdenklichen krankmachenden Einflüssen aussetzt, wird genau so behandelt wie der täglich Sport treibende, kein Alkohol und Tabak genießende und ernährungsbewusst handelnde Idealtypus aus dem Lehrbuch der Gesundheitsideologie.

In Zusammenhang mit Tabak von Genießen zu sprechen, scheint mir aber auch etwas ideologisch:

Nicht wirklich lecker ...

... auch nicht lecker ...

Tabak ist eine Droge mit erheblichem Suchtpotential:

... aber effektiv ...

und verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen:

... ziemlich übel ...

Raucher sind Opfer einer tödlichen Drogenindustrie, die sich mit den schwarzen Lungen ihrer Junkies eine goldene Nase verdient, und für die gesellschaftlichen Folgeschäden zur Haftung gezogen werden sollte.

Voraussetzung ist allerdings der Verzicht auf Verharmlosung, das konsequente Verbot von Werbung, die Ausweitung des Nichtraucherschutzes, und die klare Benennung als massive Epidemie mit jährlich mindestens 100000 Todesopfern allein in Deutschland:

... traurig ...

und großen gesellschaftlichen Folgeschäden:

... außerdem teuer.

Ob es sinnvoll ist, Raucher als Drogenabhängige über die Krankenkassen an den Folgekosten ihrer Suchterkrankung zu beteiligen, sei dahingestellt. Dasselbe gilt für Alkohol, bei dem der Übergang zur Abhängigkeit fließender ist. Vielleicht ist es sinnvoll für die Krankenkassen.

Die IT-Gesundheitsindustrie freut sich bestimmt auch. Irgendjemand muss ja abklären, wer Drogen nimmt, und wer nicht:

Die Gesundheitskarte lässt grüßen ...

... und manch einer ist in Goldgräberstimmung.

Zur Not kann man auch die NSA fragen

Adipöse für ihr Gewicht zahlen zu lassen grenzt aber schon an Zynismus, und man muss sich fragen, ob hinter solchen Überlegungen nicht das sehr einfältige Menschenbild des Homo Ökonomicus steht, das glaubt, menschliches Verhalten durch äußere Reize (Vorteil / Nachteil) berechenbar steuern zu können.

Sinnvoll sind jedenfalls Aufklärung und Hilfe bei Entzug und Entwöhung - zumindest für die Betroffenen.

Und: Nein, täglicher Sport ist nicht gesund. Tägliche Bewegung dagegen schon.

Stefan Sell hat gesagt…

Die Bundesbeauftragte für Datenschutz warnt vor Fitness-Apps, die Vitaldaten von Versicherten an Krankenkassen übermitteln. Aus ihrer Sicht bergen sie erhebliche Risiken, so der Artikel Datenschutzbeauftragte warnt vor Fitness-Apps. Aspekte aus dem Blog-Beitrag werden in dem Artikel aufgegriffen: »Eine wachsende Zahl privater Krankenversicherungen bietet Apps an, durch die Versicherte Daten etwa über die Wahrnehmung von Vorsorgeuntersuchungen oder sportliche Aktivitäten übermitteln können. Die Versicherung Generali will ab kommendem Jahr in Deutschland einen Tarif anbieten, bei dem Kunden mit gesunder Lebensweise Rabatte oder Geschenke erhalten.« Die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff sieht diese Entwicklung kritisch: »Die mit solchen Versicherungstarifen angebotenen Vorteile klingen Voßhoff zufolge besonders für junge und gesunde Menschen verlockend. Prognosen über die künftige gesundheitliche Entwicklung der Versicherten könnten aber dazu genutzt werden, profilgenaue Angebote zu unterbreiten, das Leistungsspektrum entsprechend anzupassen oder künftige Risikozuschläge zu berechnen. Nicht nur bei den privaten Krankenversicherungen, auch bei den gesetzlichen Kassen sei ein wachsendes Interesse an Gesundheits- und Fitnessdaten ihrer Versicherten zu beobachten.«

Anonym hat gesagt…

Britische Regierung: Fettleibigen droht Streichung von Sozialleistungen

http://www.heise.de/tp/artikel/45/45577/1.html

Thomas Fitzner hat gesagt…

Bei all den Berichten, wird wohl außer Betracht gelassen, dass die Steuereinnahmen alleine durch die Tabakindustrie 2015 -Handelsblatt, 14 Millard. Euro für DE erwirtschaftete, auf die gesamte Genußmittelbranche kommen 18 Mrd. Euro 2015! (Kaffee, Alkohol, Tabak) das ist seit 1991 der höchste Stand.

Demgegenüber stehen die ungenauen Gesundheitsschäden, zwar lässt sich nachweisen, das Rauchen gesundheitsschädlich ist, ebenso wie Übergewicht und Alkoholkonsum, welche Auswirkungen haben aber Handy, Sport, Ernährungsfehler, Lärm und Stress? Wie wirkt es sich aus, wenn Menschen zunehmend mit "Umweltbelastungen" in Berührung gebracht werden und keinen Ausgleich finden.
Wie lasse ich Momente messen, indem ich entspannt und glücklich bin und mein Körper tatsächlich sich erholen kann? Auf einer App?? Und nun noch die Frage, welche einnahmen stehen den Schäden durch "Umwelt und Technik" unserem Steuereinnahmesystem gegenüber? Einer muss ja für die Kosten aufkommen.

Na denn, es wird doch einen Interessenten geben, der eine Vernünftige Kosten-Nutzenrechnung evaluieren kann-oder?