Sonntag, 30. Juni 2013

Mit den Millionen kann man schon mal durcheinander kommen: Von Leistungsberechtigten, An-sich-Leistungsberechtigten und der Restgruppe der Arbeitslosen. Und was das alles mit dem Regelsatz für Hartz IV-Empfänger zu tun hat

Es ist ja auch ein Kreuz mit den Zahlen. Man kann das jeden Monat beobachten, wenn seit gefühlt 200 Jahren die Zahl der Arbeitslosen in Nürnberg der versammelten Presse bekannt gegeben wird, so wie vor kurzem für den Monat Juni des Jahres 2013. Und man kann sicher sein, dass dann überall darüber berichtet wird, dass die Zahl der Arbeitslosen - oder sagen wir es lieber an dieser Stelle bereits richtig - die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Juni bei 2,865 Mio. Menschen und damit weiter unter der 3-Millionen-Schwelle liegt. Nun weist die Bundesagentur für Arbeit selbst in ihren monatlichen Arbeitsmarktberichten eine etwas andere Zahl aus, die weitaus sinnvoller für eine Zitation in den Medien wäre: 3,843 Millionen Menschen, die so genannten "Unterbeschäftigten". Die sind auch alle arbeitslos, aber die fast genau eine Million Menschen, die bei der Zahl fehlt, die es dann auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Schlagzeilen der Nachrichten in Funk und Fernsehen schafft, sind derzeit beispielsweise in "Aktivierungsmaßnahmen" oder waren schlichtweg am Tag der Zählung der Arbeitslosen krank geschrieben, aber grundsätzlich natürlich weiterhin arbeitslos waren (weiterführend und regelmäßig die aktuellen Arbeitsmarktzahlen der BA kritisch begleitend die Berichterstattung auf der Website O-Ton Arbeitsmarkt).
Wie dem auch sei - in den Köpfen der meisten Menschen bleibt dann irgendwie immer diese niedrigste Zahl, derzeit also die 2,865 Millionen Arbeitslosen, hängen. Das mag dann auch erklären, warum so viele mehr als irritiert reagieren, wenn man gleichzeitig darauf hinweist, dass wir gegenwärtig 6,168 Millionen Menschen im Grundsicherungssystem (SGB II) haben, die also "Hartz IV"-Empfänger sind. Das bekommen dann viele nicht mehr übereinander, weil zwischen 2,9 Mio. und 6,2 Mio. ist an sich schon eine riesige Diskrepanz und dann kommen doch auch noch die Arbeitslosen dazu, die gerade erst seit kurzem arbeitslos geworden sind und die die Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I (Alg I) beziehen und gerade nicht Hartz IV (also Alg II) und die doch auch arbeitslos sind, sonst würden sie ja auch keine Leistungen beziehen können. Die Abbildung zeigt die zahlenmäßigen Zusammenhänge. Während wir also "nur" 1,967 Millionen arbeitslos registrierte "Hartz IV"-Empfänger haben, beziehen tatsächlich aber 4,46 Millionen Menschen Arbeitslosengeld II und dann kommen auch noch weitere 1,71 Millionen Menschen dazu, die auch "Hartz IV"-Empfänger, aber nicht erwerbsfähig sind und damit natürlich auch nicht arbeitslos sein können. Diese Gruppe versteht man noch, wenn man die Erläuterung liest, dass es sich zu 95% um Kinder unter 15 Jahren handelt. Die sind natürlich noch nicht erwerbsfähig. Aber die Differenz zwischen den 1,967 Millionen arbeitslosen und den 4,46 Millionen erwerbsfähigen "Hartz IV"-Empfänger? Auch die kann man natürlich erklären, weil der Unterschied besteht aus an sich erwerbsfähigen, aber nicht als arbeitslos registrierbaren Menschen, weil viele von denen haben beispielsweise eine Arbeit, verdienen aber so wenig, dass sie aufstockend SGB II-Leistungen beziehen oder sie sind an sich erwerbsfähig, dürfen aber nicht arbeitslos sein, weil sie Kinder unter drei Jahren zu betreuen haben oder weil sie einen pflegebedürftigen Angehörigen versorgen.

Jetzt wird es aber noch komplizierter, folgt man dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Denn die haben berechnet, dass es viele Menschen gibt, die eigentlich Hartz IV-Leistungen beziehen könnten, es aber aus welchen Gründen auch immer nicht tun. So hat Cordula Eubel ihren Artikel im "Tagesspiegel" überschrieben mit: "Mehr als jeder Dritte verzichtet auf Hartz IV. Nach Berechnungen für das Arbeitsministerium leben bis zu 4,9 Millionen in verdeckter Armut". Genauer: »In Deutschland leben 3,1 bis 4,9 Millionen Menschen in verdeckter Armut. Das heißt, dass sie kein Hartz IV beantragen, obwohl sie wegen geringen Einkommens oder Vermögens Anspruch darauf hätten.« Zu diesem Befund ist das IAB auf der Basis von Simulationsrechnungen für das Bundesarbeitsministerium gekommen, die allerdings derzeit noch nicht veröffentlicht worden sind, so dass wir uns an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt auf die zitierte Berichterstattung verlassen müssen, die von einer 247 Seiten umfassenden Studie spricht.
Wenn man das umrechnet unter Berücksichtigung der eingangs zitierten Werte, dann bedeutet das, dass zwischen 34 und 44 Prozent der Berechtigten auf staatliche Unterstützung verzichten, also mehr als jeder dritte Berechtigte.

Natürlich kommt an dieser Stelle sofort die Frage, warum so viele Menschen auf die Inanspruchnahme der ihnen ja zustehenden Leistungen verzichten. Die IAB-Forscher nennen hier "Unwissenheit, Scham oder eine nur sehr geringe zu erwartende Leistungshöhe oder -dauer" als Erklärungsfaktoren.
Allein die Größenordnung an Menschen, die eine ihnen zustehende Grundsicherungsleistung nicht in Anspruch nehmen, ist natürlich schon sozialpolitisch hoch brisant. Aber darüber hinaus ist diese Information von einer weiteren grundsätzlichen Bedeutung mit höchst pikanten Auswirkungen auf die Praxis der Bemessung der Leistungen im SGB II-System. Hier geht es um die Frage der Berechnung der Höhe der Regelsätze innerhalb des Grundsicherungssystems.

Hierzu hatte es im Jahr 2010 eine wegweisende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gegeben,  in der die bis dahin praktizierte Art und Weise der Berechnung als verfassungswidrig erkannt wurde - unter anderem, weil dem früheren Betrag nach den Worten der Richter Schätzungen "ins Blaue hinein" zugrunde lagen. Es handelt sich um die Entscheidung vom 9. Februar 2010: BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 9.2.2010.
In den Leitsätzen der Entscheidung findet man die folgende Formulierung: »Zur Ermittlung des Anspruchumfangs hat der Gesetzgeber alle existenznotwendigen Aufwendungen in einem transparenten und sachgerechten Verfahren realitätsgerecht sowie nachvollziehbar auf der Grundlage verlässlicher Zahlen und schlüssiger Berechnungsverfahren zu bemessen.«
Die Verfassungsrichter hatten u.a. moniert, dass man die Regelsätze ableitet aus den untersten 20% der Haushaltseinkommensverteilung ohne Berücksichtigung der Hartz IV-Empfänger, was als Methode zulässig sei, aber dass man es versäumt habe, die "verdeckt Armen" aus dieser Gruppe herauszurechnen, also die Menschen, die eigentlich zu der Gruppe der Hartz IV-Empfänger gezählt und damit ausgeschlossen werden müssten, es aber nicht tun, weil sie aus welchen Gründen auf die ihnen eigentlich zustehenden Leistungen verzichten. Der Gesetzgeber solle, so das BVerfG, bei der Auswertung künftiger Einkommens- und Verbrauchsstichproben darauf achten, die verdeckt armen Haushalte zu entfernen, da sie in der Referenzgruppe „die Datenbasis verfälschen“ würden.

Eigentlich müsste man also im Lichte der neuen Daten die dort ermittelten verdeckt armen Haushalte aus der Bezugsgruppe für die Bestimmung des Regelsatzes herausnehmen. »Dann müssten aber auch die Regelsätze steigen. Rechnet man die verdeckt Armen heraus, so steigen die Konsumausgaben bei Alleinstehenden laut IAB im Schnitt um bis zu 2,4 Prozent, bei Paaren mit einem Kind um bis zu 5,5 Prozent«, so Cordula Eubel in ihrem Artikel.

Man muss das auch sehen vor dem Hintergrund einer massiven Kritik vieler Fachleute an der 2011 dann vorgenommenen Neuberechnung des Regelsatzes im SGB II. Die Ministerialbeamten hatten damals gerechnet »und bekamen 2011 einen Eckregelsatz heraus, der den alten um 2,81 Euro übertraf«. Warum der Anstieg nur so marginal ausgefallen ist, untersuchen die beiden Wissenschaftler Irene Becker und Reinhard Schüssler in dem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekt "Das Grundsicherungsniveau: Ergebnis der Verteilungsentwicklung und normativer Setzungen", aus dem jetzt erste Zwischenergebnisse bekannt wurden: "Regelsatz-Berechnung weiter fragwürdig". »Die Regierung hat zwar die verfassungsrechtlich notwendigen Revisionen vorgenommen, das Rechenverfahren aber an anderen Stellen in einer Weise verändert, die den Korrekturen "systematisch entgegengewirkt haben", so Becker. Nach ihrer Rechnung hätte der Eckregelsatz um etwa 27 Euro steigen müssen - wenn das ursprüngliche Verfahren nur in den vom obersten Gericht beanstandeten Punkten modifiziert und ansonsten unverändert geblieben wäre.« So musste man 2011 beobachten, dass eine Reihe von Einzelbeträgen abgezogen wurden, die der Gesetzgeber für "nicht regelsatzrelevant" hält, etwa Ausgaben für Tabakwaren, Benzin, Reisen oder Gastronomiebesuche.
»Auch die Bezugsgruppe hat der Gesetzgeber verändert. Bei den Alleinstehenden zählten 2011 nicht mehr die unteren 20 Prozent, sondern nur noch die unteren 15 Prozent der Haushalte dazu. Real liegt die obere Einkommensgrenze der Referenzgruppe nun um neun Prozent oder rund 82 Euro niedriger.«

Zurück zu den neuesten Daten über den Umfang der Gruppe der verdeckt Armen. Das Bundesarbeitsministerium nennt die Größenordnung "beträchtlich" - und wie gesagt, hier müsste man eigentlich so schnell wie möglich handeln und eine Anpassung vornehmen. Wer jetzt auf ein "aber" wartet, den kann ich leider nicht enttäuschen, denn das Bundesarbeitsministerium »will ... die Berechnung nicht ändern. Würde diese Personengruppe herausgerechnet, „käme es durch die an deren Stelle nachrückenden Haushalte mit höherem Einkommen tendenziell zu einer Verlagerung der Referenzgruppe in den mittleren Einkommensbereich“, heißt es dazu im aktuellen Regelbedarfsbericht«.
Anders ausgedrückt: Alles spricht für eine Korrektur der Regelsätze, aber das zuständige Ministerium verweigert das einfach. Nach dem Motto: Ihr könnt ja (wieder) Klage erheben, aber bis das beim Bundesverfassungsgericht landen wird, kann der Rhein noch eine Menge Wasser transportieren.

Kommentare:

bb395488-d353-11e2-b2fa-000bcdcb471e hat gesagt…

unser Brüderle, den ich mag und so oft kämpfe mit seiner aussprach um überhaupt ihn zu verstehen ist spitzenkandidat und das gesicht der FDP ohne jetzt die frage zu stellen was ist dann die Rolle Röslers, der den armutsbericht eine schönheitskur verpasste, so das die arbeitsminsterin überhaupt nichts von der veränderung mitbekam, angie aber ist VOLLBESCHÄFTIGT [ sie hat arbeit und pech ] bemüht um schadensbegrenzung was Gott ihr allein mit pannen, pleiten der vielzahl bei ihr angestellten ministern, angie hat en kopf voll, sie verwaltet kommissarisch sogar seit zwei legislaturperioden das außenministerium, was soll die arme frau alles können und noch an zusätzlichen aufgaben übernehmen, die arbeitsministerin kennt nicht mal richtig ihre behörde, und von ihr selbst gestellten unvollständigen pseudokonzepte für probleme arbeit und rente, angie hat die mathematik verinnerlicht, lineare optimierung beherrscht sie im schlaf, die kennt sich wohl aus, ihr kann kein rechnungsmodell mit gleichungen mancher Volkswirten blenden, die für jedes problem eine lösung anbieten, dennoch viel deren gestellten gleichungen gehen nicht mal auf, für alles gibt es nicht immer eine analytische lösung, angie dennoch geht nicht auf tauchstation aber, wie schafft sie das, dass sie alles kennt, alle brpbleme gemnau erfasst, versteht, sie ist still und handelt nicht, lächelt und vertraut, dass das volk doch selbst und viele experten MIT DEN MILLIONEN man DOCH MAL DURCHEINANDER KOMMEN kann, keiner von der regierung in Deutschland stellt sich TAUB, aber der spruch: mein name ist Hase und weiss von nichts beweist sich immer als ne große hilfe, wenn es in über 7 jahren und auch davor keiner über das blutsaugen anderer nichts tat, in etwa 3 monaten vor der bundestwahl, wird sich auch vieles nicht ändern, leute beschäftigen sich doch mit dem problem, wer ist als kanzler den menshen sypatischer Steinbrück oder angie, ehrenwort: ich werde ne fahrkarte auf den weg zur revolution vorher lösen, anstand mußte man immer bewahren...

Lutz Hausstein hat gesagt…

Im Oktober 2010 habe ich mich umfassend mit der seit Beginn der 90-er Jahre genutzten Berechnungsmethode, der Statistikmethode mittels der EVS, auseinandergesetzt und dargelegt, aus welchen Gründen diese Methode prinzipiell nicht geeignet ist.

Die Grundanforderungen an eine soziale Mindstsicherung werden durch die Europ. Menschenrechtskonvention sowie das Grundgesetz der Bundesrepublik charakterisiert. Das Urteil des BVerfG vom 09.02.2010 bestätigt dies auch nochmals - was allerdings auch gar nicht anders möglich sein konnte.

Die Höhe der Mindestsicherung, der Regelsatz, muss so bemessen sein, dass damit die grundgesetzlich verbürgten Rechte auf physische Existenzsicherung UND sozio-kulturelle Teilhabe eines Jeden gewährleistet sind. Demzufolge ist dies ein SOLL-Wert, der sich aus der Realisierung genannter Teilhaberechte ergibt (siehe: bedarfsgerecht).

Die Statistikmethode hingegen baut auf die IST-Analyse des Verbrauchsverhaltens einer Bevölkerungsteilgruppe auf. Zuzüglich aller weiteren Eingriffe des Gesetzgebers, welche dieses Ergebnis noch verzerren. Dies ist jedoch unter diesem Aspekt ohne Relevanz, da die Logik des Berechnungsverfahrens schon prinzipiell ungeeignet ist.

Wenn die für die Berechnung herangezogene Bevölkerungsgruppe - egal, ob die unteren 15 oder 20 Prozent - selbst schon zu wenig Einkommen hat, um für sich selbst die grundgesetzlich verbürgten Teilhaberechte wahrnehmen zu können, ergäbe sich daraus als logische Folge zwingend ein zu niedrig bemessener Betrag des Regelsatzes, mit dem wiederum Regelsatzempfänger ihre Teilhaberechte wahrzunehmen haben. Selbst ohne die Anwendung diverser Streichungen. Genau dies ist jedoch schon heute Realität, da insbesondere die unteren Einkommensgruppen im letzten Jahrzehnt massive Realeinkommensverluste zu verzeichnen haben.

Diese grundlegende Problematik wird mit der früher angewandten Warenkorbmethode besser gelöst. Das Warenkorbmodell basiert zwar auf subjektiven Entscheidungen über die Bestandteile des Korbs und die Mengen und Häufigkeiten desselben. Dies ist jedoch auch gar nicht anders möglich, da unterschiedliche Menschen nunmal auch einen voneinander abweichenden Bedarf haben. Einen zweifelsfreien, eindeutig bestimmbaren Bedarf für verschiedene Menschen gibt es nicht. Wenn nun jedoch der mittels Warenkorbmethode ermittelte Bedarf und der konkrete Bedarf eines bestimmten Menschen im Gesamtbetrag um beispielsweise 5 Prozent voneinander abweichen, kann man dies vor der Hintergrund der generellen Umbestimmbarkeit eines eindeutigen Wertes als tolerabel betrachten.

Die Statistikmethode liefert zwar (prinzipiell) einen eindeutigen Wert. Daher lässt sich mit ihr wunderschön in der Öffentlichkeit hantieren und sie gaukelt eine Objektivität des zahlenmäßigen Ergebnisses vor. Sie liefert jedoch einen völlig falschen, weil nicht an den Grundprämissen orientierten, Betrag.

Unter diesen Prämissen habe ich sowohl 2010 als auch 2011 die Untersuchungen "Was der Mensch braucht" durchgeführt. Dabei bin ich auf erhebliche Abweichungen zwischen dem, von mir mittels der Warenkorbmethode, errechneten Betrag und den aktuellen Regelsatzbeträgen der Bundesregierung, durch die EVS-Statistik, gestoßen. 2010: ca. 685 Euro zu 359 Euro. 2011: ca. 697 Euro zu 364 Euro.

Die im obigen Artikel angeführten Missstände zeigen, wie sich eine solch eklatante Abweichung zwischen dem Soll-Zustand und dem Ist-Zustand praktisch darstellt. Mit all ihren schlimmen Folgen für jeden einzelnen Betroffenen.