Dienstag, 15. März 2016

Die einen hadern mit der lahmen Anerkennungsbürokratie, die anderen warnen vor "zu vielen" - und beide müssen sich Fragen gefallen lassen. Es geht um ausländische Ärzte in Deutschland

Von Stefan Sell
So ist das bei allen sozialpolitischen Themen. Auch wenn sie nur punktuell mal aufschimmern in der öffentlichen Wahrnehmung oder es gar für einige Tage bis in die Talkshows schaffen - danach verschwinden die meisten in der Versenkung und der nicht professionell damit beschäftigte oder inhaltlich selbst betroffene Mensch könnte zu dem Eindruck gelangen, das Thema ist weg, hat sich erledigt, ist gelöst oder auf sonstige Art und Weise erledigt worden.
Dem ist aber meistens nicht so. Sondern der Mantel des Schweigens hat sich über die Angelegenheit gelegt (bzw. wurde gelegt). Bis es wieder eine Gelegenheit gibt, sich daran zu erinnern, dass da doch mal was war.
Auch in diesem Blog kann man nur auf den ersten Blick erstaunliche Wiederholungen bestimmter Themen nachvollziehen, wenn man denn will. Aber in unserer schnelllebigen Zeit ist es auch die Pflicht der Medien und damit der Berichterstatter, immer wieder nachzuschauen, was denn aus einer Sache geworden ist. Insofern passen aktuelle Meldungen zu einem Beitrag, der hier vor fast einem Jahr, am 27. April 2015, unter der Überschrift Ärztemangel und Ärzteimport: Immer mehr und doch zu wenig. Und dann das Kreuz mit der deutschen Sprache veröffentlicht worden ist. Der damalige Beitrag wurde beendet mit dieser Feststellung: » ... wenn man irgendwann feststellen sollte, dass man zu wenig Mediziner ausgebildet hat, dann wird man das nicht per Knopfdruck heilen können. So eine Ausbildung muss organisiert werden und sie dauert einige Jahre.« Und genau daran könnte man anknüpfen, wenn man aktuelle Berichte aus der Krankenversorgungswelt zur Kenntnis nimmt - zugleich Artikel, die den medaillenhaften Charakter vieler sozialpolitischen Themen verdeutlichen können, in dem Sinne, dass eine Medaille immer zwei Seiten hat.
»Krankenhäuser in Deutschland stehen bei der Suche nach Ärzten aus dem Ausland im Wettbewerb mit anderen Ländern. Doch langwierige Anerkennungsverfahren bereiten vielen Personalchefs Kopfzerbrechen.« So beginnt Ilse Schlingensiepen ihren Artikel Kliniken hadern mit lahmer Bürokratie. Sie berichtet vom "Gesundheitskongress des Westens 2016" in Köln, da war das Thema. Und sie zitiert Carsten Klein, Vorsitzender der Geschäftsführung der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung bei der Bundesagentur für Arbeit, mit diesen Worten: "Die Anerkennungsverfahren dauern in Deutschland offensichtlich deutlich zu lange".

Und liest man den Artikel weiter, dann könnte einem das Gefühl beschleichen, man ist hier wie auf einem Markt für irgendwelche Produkte, deren Bewirtschaftung man betriebswirtschaftlich optimiert:
Angesichts des Nachwuchsmangels wirbt die Diakonie in Südwestfalen für ihre Krankenhäuser gezielt um ausländische Ärzte. "Wir müssen schnell sein und wir müssen ständig am Markt präsent sein, um zu zeigen, wer wir sind", skizzierte der Personaldirektor Dr. Jörn Baaske die Herausforderung.
Die Investition in die Gestaltung der Homepage und in auffällige Stellenanzeigen macht sich nach seinen Angaben bezahlt. "Wir bekommen viele Initiativbewerbungen und Angebote von Personalagenturen." Die Bewerbungen werden von den Chefärzten gesichtet. Sind vielversprechende dabei, reagieren die Kliniken in der Regel prompt. "Der Faktor Schnelligkeit ist ein Muss, denn die Kandidaten haben meist mehrere Eisen im Feuer." Die Häuser vereinbaren mit den Ärzten Hospitationen, bei denen sie von Chef- oder Oberärzten begleitet werden. "Wir stellen ihnen eine Wohnung und freies Essen zur Verfügung", sagte Baaske.«
Und offensichtlich zeitigt ein solches Herangehen Erfolge: Die Krankenhäuser der Diakonie in Südwestfalen haben zusammen 206 Vollzeitstellen für Ärzte, der Anteil ausländischer Ärzte beträgt 25 Prozent. Es muss kaum noch erwähnt werden, dass auch Personaldirektor Dr. Jörn Baaske die bürokratischen Hemmnisse beklagt.
In so einem Gelände gedeihen die kommerziellen Ableger der Transaktionskostensenker (und gleichzeitig Kosten produzierenden Agenturen). Beispielsweise das Unternehmen German Doctor Exchange,  2012 gegründet, das sich auf die Gewinnung von Ärztinnen und Ärzten aus den ehemaligen Sowjet-Staaten spezialisiert hat, ein Tochterunternehmen der Otto Benecke Stiftung (die praktischerweise beispielsweise Sprachkurse für ausländische Ärzte anbietet) und des IT-Dienstleisters Allgaier SE.

Der Punkt ist: Mit der Klage über eine "lahme Bürokratie" wird man sicher erst einmal viele Sympathisanten auf seine Seite ziehen, wer kennt (und verabscheut) das nicht. Aber so einfach ist das in diesem Fall eben nicht. Denn hier geht es nicht um irgendeinen Pillepalle, sondern um die Frage, ob ein Mediziner aus dem Ausland bei uns beispielsweise in einem Krankenhaus praktizieren darf. Und auch wenn der internationale Wettbewerb beschworen wird - man werfe nur einen Blick in die USA, welche Anforderungen dort an ausländische Ärzte gestellt werden, bevor die eine Arbeitsmöglichkeit bekommen.
Anerkennung hört sich so gleichwertig an, aber was ist, wenn das eben nicht gleichwertig ist, was man da in einem anderen Land gelernt und gemacht hat? Das Problem kennt man aus allen Bildungsbereichen, man denke nur an die Frage der Anerkennung von Leistungen, die Studierende an anderen Hochschulen in anderen Ländern erbracht haben.

Aber der entscheidende Punkt ist neben den rein fachlichen Kenntnissen im engeren Sinne, die natürlich passen müssen zu den Verhältnissen in deutschen Krankenhäusern, die Sprache. Man gönne sich mal die empirische Erfahrung, die Webseiten deutscher Kliniken gerade in den ländlichen Räumen zu durchforsten - man wird an vielen Standorten die Erfahrung machen (müssen), dass bis auf den Chef- und vielleicht noch ein Oberarzt alle anderen Mediziner in den Fachabteilungen der jeweiligen Häuser einen ausländischen Hintergrund  haben. Und darunter sind eben nicht wenige Mediziner, die nur sehr eingeschränkte Kenntnisse und Fertigkeiten der deutschen Sprache haben. Und das kann für sich genommen schon zu einem echten Problem werden, auch wenn der Arzt rein fachlich auf dem aktuellen Stand ist, kann es passieren, dass es zu schwierigen bis hoch problematischen Situationen oder auch Fehlern kommt, weil es schlichtweg Verständigungsschwierigkeiten gibt.
Und auch eine offensichtlich angestrebte Beschleunigung des Anerkennungsverfahrens kann dieses Sprachdilemma nicht auflösen - aber man müsste die Beschleunigung der Anerkennung mindestens an einen wie auch immer ausgestalteten Sicherstellungsauftrag der Kliniken hinsichtlich der Sprachfertigkeiten der ausländischen Ärzte knüpfen müssen, wollte man auch nur in diese Richtung denken. Noch nicht gelöst wäre dann die Frage, wie weitreichend werden denn die fachlichen Fertigkeiten des zugewanderten Arztes als Zugangsvoraussetzung definiert. Macht man hier die Tore zu weit auf, kann das im wahrsten Sinne des Wortes tödliche Folgen haben. Und das man, um das zu vermeiden, eine gewisse Zeit braucht, versteht sich eigentlich von selbst. Und die ist auch nicht beliebig optimierbar wie ein Werkstück in der Fabrik.

Damit sind wir auch schon auf der anderen Seite der Medaille angekommen: Warnung vor zu vielen Ärzten aus dem Ausland, so hat Till-R. Stoldt seinen Artikel überschrieben. Das ist ja nun schon mal eine andere Ansage. In diesem Artikel wird darauf hingewiesen, dass »durch eine forcierte Zuwanderung ausländischer Ärzte bislang meist unterschätzte Probleme, etwa folgenschwere Missverständnisse bei der Behandlung, Konflikte zwischen deutschen und ausländischen Ärzten, aber auch atmosphärische Verschlechterungen zulasten der Patienten und ihrer Genesung« entstehen.
Der Artikel betrachtet die Situation in Nordrhein-Westfalen:
»Im Rheinland sind rund neun, in Westfalen-Lippe rund 15 Prozent der Ärzte keine Deutschen. Von den Assistenzärzten in Westfalen ist jeder zweite Ausländer. In einzelnen Kreisen liegt ihr Anteil sogar bei 80 Prozent.«
Ganz offensichtlich wird an solchen nackten Zahlen erkennbar, dass viele Kliniken kollabieren würden, wenn es keine ausländischen Ärzte geben würde, die hierher kommen - damit aber auch aus ihren Ländern, in denen sie ausgebildet wurden, weggehen. Man denke hier nur an die vielen Ärzte aus den osteuropäischen Ländern, die bei uns den Klinikbetrieb am Laufen halten.
Und allen Hoffnungen, man werden den Ärztebedarf decken können über eine noch forciertere Zuwanderung aus dem Ausland, wird in dem Artikel widersprochen, denn man kann dort lesen
»... selbst wenn man den hiesigen Ärzte-Bedarf mit Ausländern komplett sättigen könnte, wäre das gar nicht wünschenswert, so mahnen der Sozialverband VdK und die Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW). Deren Sprecher Lothar Kratz betont, die Häuser bräuchten einen "ausgewogenen Mix aus einheimischen und zugewanderten Ärzten".«
Warum das? Zum einen wird die Patientenperspektive herangezogen, denn es wird mit Sorge beobachtet, »dass ab einem bestimmten Prozentsatz ausländischer Ärzte gerade bei älteren Patienten das Vertrautheitsgefühl im Krankenhaus rapide abnimmt. Wenn die tiefe Vertrautheit fehle, die aus einer gemeinsamen Kultur und Muttersprache resultiere, könne dies der Genesung schaden.«
Und ein weiterer Aspekt:
»Es kommt Rivalität zwischen deutschen und ausländischen Ärzten auf. Deutsche Ärzte in NRW-Krankenhäusern beklagten sich offenbar schon mehrfach darüber, es gebe in ihrem Haus zu viele ausländische Kollegen ... Ab einer bestimmten Menge von Fremdsprachlern werde die Arbeit für die Muttersprachler jedoch unzumutbar, weil sie zu viel von dem auffangen müssten, was die Fremdsprachler nicht leisten könnten ...  in Krankenhäusern komme es zu einer für deutsche Ärzte problematischen Arbeitsteilung. Die Muttersprachler müssten oft die gesamte bürokratische Schriftarbeit übernehmen, Arztbriefe schreiben und Krankenkassenanfragen beantworten – während die Zugewanderten operieren dürften und dadurch eine ungleich bessere Ausbildung genössen.«
Und die grüne Gesundheitsministerin Barbara Steffens wird mit diesen Worten zitiert: "Allein durch Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland werden wir die medizinische Versorgung nicht zukunftsfest machen können."

Da sind wir wieder am Anfang angekommen. Im vergangenen Jahr habe ich den Hinweis gegeben auf einen echten Systemfehler im deutschen Ausbildungssystem: Angesichts ganz unterschiedlicher Entwicklungslinien hätte die Ausbildungskapazität innerhalb Deutschlands erheblich ausgeweitet werden müssen, was aber nicht geschehen ist, ganz im Gegenteil:
»Im Jahre 1990 gab es allein in den alten Bundesländern im Studiengang Humanmedizin 12.000 Studienplätze. Diese wurden seitdem kontinuierlich reduziert. Statt 16.000 Plätzen, die es nach der Wiedervereinigung aufgrund der acht hinzugekommenen Fakultäten eigentlich geben müsste, sind es aktuell nur noch rund 10.000«, so der Marburger Bund in der Pressemitteilung Zahl der Medizinstudienplätze um mindestens 10 Prozent erhöhen aus dem vergangenen Jahr.«
Die (Nicht-)Entwicklung in Deutschland ist zu beklagen - auch im Ländervergleich. Hier nur ein Beispiel: »... bei der Sicherung des Medizinernachwuchses hinkt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinterher: Während sich beispielsweise in Großbritannien die Zahl der Medizinstudienabsolventen zwischen den Jahren 2000 und 2013 fast verdoppelt hat, blieb sie in Deutschland nahezu unverändert«, so Claudia Kade in ihrem Artikel Deutschland braucht viel mehr ausländische Ärzte.

Und warum ist das so bei uns in Deutschland? Nicht wirklich überraschend - wieder einmal das liebe Geld, denn die Medizinstudienplätze (die man eigentlich hätte deutlich erhöhen müssen) sind die teuersten Studienplätze und die Hochschulen sind eine der wenigen Kernzuständigkeiten der Bundesländer, die zugleich vor dem Problem stehen, auf der einen Seite genügend (teure) Ärzte auszubilden, auf der anderen Seite sollen Kosten gesenkt werden. Und da kann es sich rechnen, die eigenen (teuren) Ausbildungskapazitäten zugunsten einer dadurch kurzfristig verbesserten Bilanz abzubauen, auf alle Fälle aber diese nicht zu erhöhen.

Fazit: Die einen muss man bremsen angesichts ihrer Hoffnungen bzw. Träumerein, wie können den Ärztemangel bei uns auf Dauer gestellt heilen durch eine Importstrategie aus den uns umgebenden Ländern und darüber hinaus. Den anderen, den Kritikern der bisherigen Entwicklung, gilt hingegen der Satz: Und wenn ihr nicht wollt, dass das System implodiert, dann müsst ihr endlich dafür Sorge tragen, dass mehr Medizinstudienplätze geschaffen werden, über die man dann das Grundangebot an deutschen Ärzten sicherstellen kann. Genügend einheimische Bewerber auf solche Plätze gibt es genügend.

Foto: © Michael Bührke / pixelio.de

1 Kommentar:

Stefan Sell hat gesagt…

Der Artikel OECD sorgt sich um Dritte Welt aus der Ärzte Zeitung vom 16.03.2016 hebt das im Blog-Beitrag angesprochene Problem auf eine internationale Ebene: »17 Prozent der Ärzte in OECD-Ländern kommen aus Entwicklungsländern und verursachen dort ernste Versorgungslücken.«

»Die Zahl der Ärzte und Krankenschwestern in Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat 2013 einen Rekord erreicht: 3,5 Millionen Ärzte und 10,8 Millionen Schwestern.
Im Jahr 2000 waren es noch 2,9 Millionen Mediziner und 8,3 Millionen Schwestern. Besonders stark gestiegen ist die Zahl der Ärzte in den noch jungen Industrieländern Türkei, Korea und Mexiko.
Der größte Teil des Zuwachses resultiert aus einer Vergrößerung der Ausbildungskapazitäten. Einen bedeutenden Anteil am Zuwachs habe aber auch der Zuzug von Ärzten und Krankenschwestern aus ärmeren Ländern außerhalb der OECD. Das betrifft 17 Prozent der Mediziner und sechs Prozent aller in der OECD tätigen Krankenschwestern. Das sieht die OECD kritisch.«