Freitag, 8. Januar 2016

Gute Arbeit, schlechte Arbeit und die jungen Beschäftigten dazwischen. Ergebnisse einer DGB-Studie

Von Stefan Sell
Man kann es sich einfach machen und argumentieren, irgendeine Erwerbsarbeit ist besser als gar keine. Das ist eine klare Ansage, auch hinsichtlich der damit einhergehenden Akzeptanz schlechter Arbeitsbedingungen und keinesfalls eine Position nur aus dem gesicherten Elfenbeinturm marktradikaler Wissenschaftler, sondern "philosophische" Grundlage beispielsweise der "Agenda 2010" und der handfesten Normierungen im Bereich der Arbeitslosenversicherung und vor allem der Grundsicherung, man denke hier nur an die Frage der Zumutbarkeit von Arbeit im SGB III und II. Aber es gibt auch eine andere Seite, die argumentiert, dass es eben nicht egal ist bzw. sein darf, von welcher Qualität die Jobs sind, mit denen die Arbeitnehmer ihren Lebensunterhalt decken müssen. Das hat in Deutschland schon eine längere Tradition, vor allem seit der massiven Zunahme von Niedriglohnbeschäftigung ab Mitte der 1990er Jahre, der "Aufstocker"-Thematik im Grundsicherungssystem bis hin zu der intensiven Debatte über die krankmachenden Bedingungen bestimmter Arbeit bzw. genauer: Arbeitsbedingungen. Man denke hier nur an die vielen Erkenntnisse hinsichtlich der Zunahme der psychischen Erkrankungen und der Diskussion über den Einfluss der Arbeit darauf. Dass die Gewerkschaften hier ein besonders Interesse haben, sich nicht nur mit irgendeiner Arbeit zufrieden zu geben, sondern es ihnen um "gute Arbeit" im gewerkschaftlichen Verständnis geht, liegt nahe. Um die Wahrnehmung der Unterschiede zwischen "guter" und "schlechter" Arbeit zu verstärken, veröffentlichen sie seit 2007 den DGB-Index Gute Arbeit. Seit dem Jahr 2007 werden in einer jährlichen bundesweiten Repräsentativerhebung die abhängig Beschäftigten danach gefragt, wie sie ihre Arbeitsbedingungen bewerten - denn sie sind die Experten für Arbeitsqualität, so die Argumentation der Gewerkschaften.
Methodisch muss man also an dieser Stelle festhalten, dass es sich um eine Befragung handelt, mithin unvermeidbar immer auch subjektive Verzerrungen zu bedenken sind, die aber grundsätzlich nicht das Instrument an sich diskreditieren. Wie bei jeder anderen Studie auch muss man natürlich einen kritischen Blick werfen auf die weiteren methodischen Schritte, die dann am Ende zu dem der Öffentlichkeit präsentierten "DGB-Index Gute Arbeit" führen, also konkret: Was wird wie gefragt und wie im Index gewichtet? An diesen Stellen haben die Kritiker vor allem aus den Reihen der Arbeitgeberverbände angesetzt. So veröffentlichte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) im August 2015 ein Papier mit einer heftigen Kritik an dem DGB-Index: Fakten statt Zerrbilder. Arbeitsqualität in Deutschland. Anfang Oktober 2015 hat sich das Institut DGB-Index Gute Arbeit zu den Vorwürfen in einer Stellungnahme geäußert und diese zu widerlegen versucht: Stellungnahme zur Broschüre der BDA „Fakten statt Zerrbilder. Arbeitsqualität in Deutschland“.

Neben der allgemeinen Berichterstattung über die Ergebnisse gibt es immer wieder Sonderauswertungen - wie jetzt zu der Frage, wie es den Beschäftigten geht, die unter 35 Jahre alt sind: Junge Menschen im Job enorm unter Druck. Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander: »Viele arbeiten befristet, machen regelmäßig Überstunden und stehen stark unter Druck. Das zeigt eine repräsentative Studie zur Arbeitsqualität bei jungen Menschen«, so der DGB. Die Ergebnisse der Sonderauswertung wurden von den Medien aufgegriffen, vgl. hierzu Typisch: atypische Beschäftigung von Marisa Janson oder Junge leiden unter unsicheren Jobs, um nur zwei Beispiele zu zitieren.
Einige Ergebnisse der Studie im Detail:

  • Über ein Viertel der jungen Beschäftigten unter 35 Jahren arbeiten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Bei den unter 25-Jährigen sind es sogar fast die Hälfte.
  • Junge Menschen sind mehr dreimal so oft befristet beschäftigt wie ältere.
  • 31 Prozent der jungen Beschäftigten verdienen weniger als 1.500 Euro brutto im Monat.
  • 52 Prozent der unter 35-Jährigen halten ihr Einkommen für nicht angemessen. Nur 8 Prozent sind mit ihrem Einkommen voll zufrieden.
  • Vor allem im Gastgewerbe (70,7 Prozent) und in Gesundheitsberufen (61,8 Prozent kommt es zu Belastungen durch nicht angemessene Einkommen.
  • In fast allen Branchen können junge Menschen keinen oder nur geringen Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitszeit nehmen.
  • 60,9 Prozent der jungen Beschäftigten machen regelmäßig Überstunden. Im Schnitt sind es 4,1 Stunden in der Woche.
  • Fast jeder Zweite (47,2 Prozent) arbeitet zu Zeiten außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses, z.B. in Spät- oder Nachtschichten.
  • 52 Prozent fühlen sich bei der Arbeit „sehr häufig“ oder „oft“ gehetzt oder unter Zeitdruck. Besonders hoch ist die Belastung im Gesundheitswesen und im Bausektor.
  • 65,9 Prozent der jungen Beschäftigten sind in den letzten 12 Monaten krank zur Arbeit gegangen; 28 Prozent sogar mehr als 10 Tage.

Die ganze Studie kann hier als PDF-Datei abgerufen werden:
DGB: Arbeitsqualität aus der Sicht von jungen Beschäftigten 6. Sonderauswertung zum DGB-Index Gute Arbeit, Berlin, Dezember 2015.
Nun kann und muss man sicher eine auch kritische Diskussion der Ergebnisse führen, beispielsweise hinsichtlich der Frage, ob man die Werte für einzelne, hier als negativ bewertete Tatbestände wie der befristeten Beschäftigung einfach so aggressiveren kann, denn offensichtlich macht es einen erheblichen Unterschied, ob eine befristete Beschäftigung am Anfang einer Erwerbsbiografie lediglich ein transitorisches Phänomen ist, also nur vorübergehend und dann in ein "normales" Beschäftigungsverhältnis einmündend - oder aber ob sich die als prekär identifizierten Arbeitsbedingungen chronifizieren.

Abgesehen davon ist es aber wichtig, einen differenzierten Blick auf die Frage zu fördern, welche Arbeit es denn ist, mit dem die Arbeitnehmer konfrontiert werden. Diese Sichtweise wird auch in anderen Zusammenhängen aufgegriffen und zum Thema bzw. zur Aufgabe gemacht. Man denke hier an die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mit der zentralen Kennzahl des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bzw. dem Gross Domestic Product (GDP) im angelsächsischen Sprachraum. Um diese so wichtige Wirtschaftskennzahl gibt es seit langem eine kritische Debatte hinsichtlich der Erweiterung dessen, was dort abgebildet wird. Das ist keinesfalls eine akademische Diskussion, denn die Entwicklung dieser Kennzahl ist Grundlage für viele wirtschafts- und auch sozialpolitische Entscheidungen.
Ein aktuelles Beispiel für konkrete Vorschläge eine inhaltliche Erweiterung der Wohlfahrtsmessung in diesem Bereich betreffend, findet man in diesem Beitrag von Karen Jeffrey, einer Wissenschaftlerin vom New Economics Foundation’s Centre for Wellbeing, im Blog der London School of Economics and Political Science: Because GDP is not enough: five headline indicators for better policymaking. Hier wird für eine Ergänzung des GDP um fünf zentrale Indikatoren geworben.

»To enable a more balanced approach to policymaking, we need a new set of headline indicators that will create the incentive for political action, and offer a compelling new vision of what we define as national success.« Einer dieser fünf Indiktoren ist überschrieben mit "Good Jobs" und damit zumindest begrifflich durchaus passend zu der in diesem Beitrag geführten Diskussion über "Gute Arbeit". Wie sieht der Vorschlag - der sich übrigens konkret an die Statistik-Behörde in Großbritannien richtet - im Detail aus?
»While employment figures already receive a lot of attention, the unemployment rate doesn’t distinguish between the number of people in precarious, low-paid employment, and the number of people with secure jobs and decent pay.
Adopting a headline indicator of good jobs that reflects the proportion of the labour force in secure employment that pays at least the Living Wage, will draw attention to the number of people in good jobs – not just any jobs.
As well as increasing the overall number of jobs available, policy prioritising this indicator would require or incentivise businesses to pay higher wages to low earners, and improve job security.
Though it’s easy to imagine businesses resisting such interventions, many examples of forward-thinking, responsible businesses acting in the interests of staff already exist. Examples include the recent wave of employers pledging to pay staff at least the Living Wage (including IKEA, Lidl and Aldi), to those doing away with zero-hours contracts.«
Es ist eine Komponente, die hier ins Auge fällt: Nicht mehr die Gesamtzahl der Jobs unabhängig von deren Ausgestaltung soll Maßstab der Erfolgsbeurteilung sein, sondern es wird eine Differenzierung vorgenommen entlang der Scheidelinie "LivingWage". Also ob die Beschäftigten unterhalb oder über dem Living Wage bezahlt werden. Es ist bedeutsam, darauf hinzuweisen, dass der "Living Wage" nicht der Mindestlohn ist ("Minimum Wage"), sondern konzeptionell geht es dabei darum, eine Lohnhöhe zu bestimmen, mit der man über die Runden kommen kann. Weitere Informationen zur Frage What ist the Living Wage? findet man auf der Website der Living Wage Foundation.

Auch und gerade für das "Jobwunderland" Deutschland würde man sich eine solche differenziertere Herangehensweise wünschen.

Foto: © niroworld / Fotolia 

Kommentare:

Eberhard Stopp hat gesagt…

Die Angaben der Studie decken sich mit meinen Erfahrungen als Versicherungsmakler in Sachsen. Dies betrifft sowohl die Art der Beschäftigung, als auch die Höhe der Entlohnung. Es wird ein Volk von neuen Arbeits-Sklaven erzeugt. Deren Versklavung nicht mit einer Kette am Fus feststellbar ist, sondern sich einzig durch den Zugang zu Geld, freier Berufswahl und totaler Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen definiert, wie Harz4. Damit schafft man sich ein Volk von Untertanen und Kanonenfutter für künftige Kriege. Die andere, wesentlich kleinere Gruppe ist die der Eliten, deren Bildung hauptsächlich aus us- Universitäten und Mckenzie- Theorien stammt. Inhalt: Es muss sich rechnen- Ziel Maximalprofit. Durch Zerschlagung von jeglichen staatlichen Kontrollstrukturen ( Abschaffung, Entmachtung der Parlamente durch Geldentzug), vor allem in dem Entscheider weit weg sitzen, so in Brüssel, oder USA.
So brauche ich nach der Risiko -Beratung (Haftpflicht, BU , Todesfall, ...Gebäudeversicherung, HR, UNfall ..) über Altersvorsorgeprodukte eigentlich nicht reden, denn vom Netto ist nichts mehr übrig zum Sparen. 1 100 bis 1 300 € Netto beim meist handwerklich arbeitenden Mann, 600 - 900 € bei der in den typischen Frauenberufen, wenn dann noch ein 1 Kind da ist, reicht das Geld gerade zum leben, aber nicht zum Sparen.
Und auf der Gegenseite wird eine kleine Minderheit immer Reicher, nicht Millionäre, sondern Milliardäre bestimmen das Lied.
Warum funktioniert das hier so gut?
Weil es den meisten noch zu gut geht und sie zumindest satt zu essen haben. Weil die Köpfe regelmäßig von kritischen, auch solidarische Gedanken gesäubert werden, was die Aufgabe von Bild, Springer, ARD/ZDF und der Bertelsmannstiftung und deren Verblödungsorgane von RTL 1 bis 24 bewirken. Weil dem Bürger ständig eingeredet wird, auch du kannst es schaffen, du musst dich nur mehr anstrengen. Als ob jeder Chef ( Manager), Eigentümer oder Selbständiger werden könnte.
Das alles wäre nicht so schlimm, wenn dem Kapitalisten zur Weltherrschaft, dem Imperialisten der USA nicht jedes Mittel recht wäre, wie Krieg, Verseuchung ( Monsato), Verstrahlung ( AtomEndlager), oder auch nur Erderwärmung und Naturkatastrophen ( Abholzung Regenwaldes) ! Eigentlich sitzen wir alle in einem Boot, es gibt nur diese eine Welt. Selbst Milliardäre würden mit untergehen! Ob man das denen mal sagen müsste? Und in D. blüht aus den o.g Gründen der Egoismus. Jede Berufsgruppe hat seinen, jeder Gruppe von Bürgern den Ihren (Rentner, Beamte, Selbständige, Migranten, Ossis, Wessis, ..) ! Der täglich " Terror " durch ARD/ZDP und der neoliberalen Presse soll nur eins bewirken: Teile und herrsche, Brot und Spiel, Ablenkung im großen Stil.
So das die wahren Probleme dieser Gesellschaft nicht erkannt werden sollen. Wie die der steigenden Produktivität und das eben nicht alle Arbeitskräfte auf der Welt benötigt werden, wenn sich dieser auch noch rechnen soll. Wobei wir beim bedingslosem Grundeinkomemn- siehe Plan B Wissensmanufaktur.net - landen.
Aber das ist ein anderes Thema. Eberhard Stopp


Eberhard Stopp hat gesagt…

Zu ergänzen wäre noch: Die Gewerkschaften, insbesondere Verdi haben versagt- auf ganzer Linie, nicht nur bei der Einführung der Riester - R Ente, wo es nur wenig bis keinen Widerstand der Gewerkschaften gab. Und sie versagen tagtäglich, besonders hier im Osten, weil wir hier immer noch 20 % weniger Lohn und bei der Rentenberechnung einen geringeren Rentenwert haben! Es gibt so gut wie keine Tarifverträge, die man als solche bezeichnen könnte und die Gewerkschaften haben auch vielfach den Konflikt mit den Scheingewerkschaften von CDU / Arbeitgebern verloren. Was natürlich auch an der nicht vorhandenen richterlichen Unabhängigkeit liegt.
Zu vermuten ist aber nicht nur Versagen von Gewerkschaftsbossen, sondern eher das diese Leute käuflich sind (siehe Bahn) ! Wenn sich Exekutive, Legislative und Judikative gegen das eigene Volk verbünden, Komplotte eingehen, um die „ Staatskasse“ und die handelenden Personen nicht zu belasten, dann gibt es dafür einen ganz bestimmten politischen Ausdruck der Staatsform. Dieser Staatsform nähern wir uns zur Zeit mit großen Schritten, zumal die „ 4. Gewalt“, die Presse, praktisch auch auf der Seite dieser Staatsgewalt steht, die in einer absoluten Gewalt- Herrschaft der Konzerne münden wird, siehe TTIP…. ISDS , siehe Lobbycontrol, Harald Schumann.
https://www.lobbycontrol.de/2015/12/video-harald-schumann-die-schaerfste-waffe-der-demokratie/

Eberhard Stopp