Sonntag, 22. November 2015

Akademiker sind keine Schweine. Aber sind sie gefangen im Schweinezyklus? Und dann noch Ingenieure und Naturwissenschaftler, die Aushängeschilder eines (angeblichen) Fachkräftemangels?

Wenigstens einige Gewissheiten muss es doch geben. Beispielsweise einen Fachkräftemangel bei den Ingenieuren, die so wichtig sind für die deutsche Volkswirtschaft. Jedenfalls behaupten das viele Unternehmen und vor allem die Wirtschaftsfunktionäre. Und das darf dann nicht fehlen in den Sonntagsreden der Politiker, garniert mit der Aufforderung an junge Menschen, doch bitte ein Studium in den MINT-Fächern (Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften sowie Technik) aufzunehmen - die Aussichten seien himmlisch. Und begleitend legt man zahlreiche Förder- und sonstige Programme auf, Hauptsache, es geht irgendwie um MINT, denn man muss ihn ja bekämpfen, den Fachkräftemangel. Nun gab es schon immer kritische Zeitgenossen, deren differenzierte Vertreter zwar nicht grundsätzlich die Problematik eines möglichen Fachkräftemangels bestreiten, aber darauf hinweisen, dass man da schon genauer hinschauen muss und gerade bei den prominenten Vertretern des angeblichen Mangels - also eben den Ingenieuren - die Lage sehr unterschiedlich ist, was auch damit zusammenhängen kann, dass Arbeitgeber bereits von einem Fachkräftemangel sprechen, wenn auf eine offene Stelle nur noch einige wenige Bewerbungen eingehen, statt wie früher waschkörbeweise. Aus ihrer betriebswirtschaftlichen Sicht ist das verständlich, aber die Bewerber werden das sicherlich anders bewerten.
Und wenn wir schon bei Gewissheiten sind - angehende Ökonomen sollten im ersten Semester bei der Behandlung der Preisbildungsprozesse auf Märkten einen wichtigen Begriff lernen: Schweinezyklus. Aber was hat der Schweinezyklus mit den Akademikern, in diesem Fall vor allem den aus den so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehenden MINT-Akademikern zu tun?
Der Begriff Schweinezyklus beschreibt eine periodische Schwankung auf der Angebotsseite, wie sie ursprünglich auf dem Markt für Schweinefleisch von Arthur Hanau in seiner Dissertation über Schweinepreise im Jahr 1927 dargestellt wurde (wer das Original lesen möchte: Arthur Hanau: Die Prognose der Schweinepreise. Berlin: Institut für Konjunkturforschung, 1928). Mit Blick auf die Schweinepreise ist die Sache einfach: Bei hohen Marktpreisen kommt es zu verstärkten Investitionen, die sich aber erst mit einem time lag auf das Angebot auswirken, dann aber zu einem Überangebot und Preisverfall führen, weil sich viele so verhalten haben. Das wiederum löst eine Verringerung der Produktion aus, die sich ebenfalls erst zeitverzögert auswirkt – mit der Folge einer Angebotslücke, die dann wiederum steigende Preise induziert. Und die ganze Schleife fängt wieder von vorne an. Aber was haben die Schweinepreise nun mit Akademikern zu tun?
Das DIW erläutert uns das in einem Glossar-Beitrag zum Schweinezyklus so:
»Angebotsseitige Schwankungen gibt es auch auf anderen Märkten, beispielsweise dem Arbeitsmarkt: Besteht etwa in einer Branche ein Mangel an Arbeitskräften und entscheiden sich deshalb mehr Menschen, einen Beruf in dieser Branche ausüben zu wollen, verzögert sich die Ausweitung des Arbeitskräfteangebots (beispielsweise um die Dauer eines Studiums oder einer Weiterbildung). Wird das Arbeitsangebot – analog zum Zyklus auf dem Schweinemarkt – zu stark ausgeweitet und später zu stark nach unten korrigiert, stellt sich auch auf dem Arbeitsmarkt kurzfristig kein neues Gleichgewicht zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage ein. Grundsätzlich ist der Schweinezyklus also ein Merkmal von Märkten, auf denen zwischen der Entscheidung für eine Angebotsänderung und dem Wirksamwerden dieser Angebotsänderung eine gewisse Zeit vergeht und die Marktteilnehmer künftige Situationen nur schwer vorhersehen können, weshalb sie zu Fehleinschätzungen verleitet werden.«
Dass es einen derart umrissenen Schweinezyklus auch für Akademiker geben kann, davon können Absolventen von Lehramtsstudiengängen nur zu gut ein Lied singen. Und auch ganz aktuell begegnet uns die These von einem - möglichen - Schweinezyklus bei Akademikern, allerdings anderen, als man bislang dachte: eben Absolventen der MINT-Fächer, denen doch eigentlich die roten Teppiche ausgerollt werden müssten.
»Immer mehr Deutsche wollen Informatiker oder Ingenieure werden. Jetzt rät eine Studie zur Vorsicht: Die Arbeitslosigkeit in diesen Berufen steigt«, schreibt Alexander Hagelüken in seinem Artikel. In einem weiteren Beitrag unter der irritierenden Überschrift Mehr arbeitslose Ärzte, Ingenieure, Chemiker und Informatiker findet man diesen Hinweis: »Ein Studium ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit, heißt es immer. Wer dann noch ein naturwissenschaftliches oder technisches Fach wählt, dem könne nichts passieren. Wirklich nicht? So ganz stimmen diese Weisheiten nicht mehr.«

Diese Artikel beziehen sich auf eine neue Veröffentlichung des DIW-Arbeitsmarktexperten Karl Brenke, der schon in der Vergangenheit dadurch aufgefallen ist, dass er die beispielsweise vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und anderen massiv vorgetragenen Alarmierungen hinsichtlich eines bereits vorhandenen und ganz schlimm werdenden Fachkräftemangels bei den Ingenieuren kritisch bis ablehnend begleitet hat.
Seine neue Untersuchung steht unter der Überschrift: Akademikerarbeitslosigkeit: Anstieg in den meisten naturwissenschaftlich-technischen Berufe.  Das DIW schreibt dazu in der Pressemitteilung Arbeitslosigkeit unter Ingenieuren und Naturwissenschaftlern nimmt zu:
»Fast 60 Prozent eines Geburtenjahrgangs nehmen mittlerweile in Deutschland ein Studium auf – das sind fast doppelt so viele wie 20 Jahre zuvor ... in überdurchschnittlichem Maße (ist) die Zahl der Studierenden in Medizin und anderen Naturwissenschaften, Mathematik sowie Informatik gestiegen. „Auf ingenieurwissenschaftliche Studiengänge gab es sogar einen regelrechten Run“, stellt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am DIW Berlin und Autor der Studie, fest. Der Arbeitsmarkt war aber trotz guter Konjunktur nicht in der Lage, das zusätzliche Arbeitskräfteangebot aufzunehmen, denn die Zahl der arbeitslosen Akademiker mit einem Abschluss in einem technischen oder naturwissenschaftlichen Fach hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Die Zuwächse sind zwar nicht gewaltig, der prozentuale Anstieg lässt aber deutlich zunehmende Beschäftigungsprobleme bei naturwissenschaftlich-technischen Akademikerberufen erkennen. So ist die Zahl der arbeitslosen IT-Experten in den vergangenen drei Jahren um ein Drittel auf 8.500 gestiegen. Ähnlich war die Veränderungsrate bei Ingenieuren,  die in der Industrie eingesetzt werden können. Hier gab es im Oktober 2015 etwa 18.000 Arbeitslose. Ein noch höheres Tempo hatte der Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Ärzten (plus 50 Prozent oder 1.400 Personen) und Physikern (plus 50 Prozent oder 700 Personen). Eine erhebliche Zunahme der Unterbeschäftigung gab es auch bei Chemikern (plus 24 Prozent oder 500 Personen).«
Und dann kommt er, der Schweinezyklus: „Im Falle der industrienahen Ingenieure und anderer so genannter MINT-Berufe haben sich junge Leute offenbar von den Klagen der Unternehmen und ihrer Verbände über einen angeblichen Fachkräftemangel leiten lassen – und nun steigt hier die Arbeitslosigkeit. Es wurde mal wieder ein so genannter Schweinezyklus produziert", so DIW-Experte Brenke. Alexander Hagelüken merkt in seinem Artikel an: »Die Warnungen des Forschers dürften auf erheblichen Widerstand stoßen. Erst im Oktober bemängelten verschiedene Wirtschaftsverbände im sogenannten Mint-Report, deutschen Unternehmen fehlten aktuell mehr als 160 000 Arbeitskräfte in diesem Bereich. Dies sei der höchste Stand seit drei Jahren.«

Selbstverständlich gibt es auch sofort Gegenfeuer. In der Print-Ausgabe der FAZ vom 19.11.2015 findet man unter der Überschrift "Streit über arbeitslose Ingenieure" die folgenden Hinweise:
»Die Bundesagentur für Arbeit relativierte die Daten. „Mit einer Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent befindet sich die Akademikerarbeitslosigkeit weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau“, heißt es. Eine Trendumkehr am Arbeitsmarkt deute sich derzeit nicht an. Das Institut der Deutschen Wirtschaft widersprach der DIW-Interpretation direkt: „Von einem Beschäftigungsproblem kann nicht die Rede sein.“ Einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge brauchen Erwerbstätige künftig verstärkt Kenntnisse in der Informationstechnologie; 2012 arbeiteten mehr als acht von zehn Erwerbstätigen mit dem PC.«
Das letzte "Argument" mit der Arbeit am PC in dem hier interessierenden Zusammenhang ist nun wirklich irgendwie putzig.

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