Samstag, 18. Juli 2015

Pflegestreik? Den brauchen wir möglicherweise bald nicht mehr - die Verhältnisse erledigen das zunehmend selbst

Derzeit tobt auf Twitter der verzweifelte Versuch, unter dem Hashtag #pflegestreik auf die Missstände in der Pflege aufmerksam zu machen und an die Medien zu appellieren, sich in ihrer Berichterstattung endlich dieses Themas anzunehmen. Außerdem wird diskutiert, ob nicht eigentlich endlich mal ein richtig großer, also echter Streik in der Pflege notwendig wäre.
Aber vielleicht erübrigt sich das ja - zynisch gesprochen - mit der Organisation eines größeren Arbeitskampfes (der aus ganz unterschiedlichen Gründen höchst unwahrscheinlich ist), denn die Verhältnisse schaffen zunehmend eine vergleichbare Situation, nämlich die Einstellung der pflegerischen Aktivitäten.
Dazu passt dann diese Meldung: Fachkräfte fehlen – Pflegeheim in Hüpstedt muss schließen. »Wegen des akuten Fachkräftemangels beim Pflegepersonal wird das Altenpflegeheim Dünwald in Hüpstedt (Unstrut-Hainich-Kreis) mit sofortiger Wirkung komplett geschlossen. Zur Einstellung des Geschäftsbetriebes hat sich die Pflegedienst Mieth GbR als Betreiberin auf Anraten der Heimaufsicht des Landes Thüringen in der vorigen Woche entschlossen.« Es habe immer wieder Prüfungen und Beschwerden zur pflegerischen Versorgung gegeben.
Einem anderen Artikel kann man entnehmen: »Nach einigen Kündigungen habe es zuletzt nur eine Pflege-Fachkraft gegeben, hieß es. Die Frau habe sowohl Früh- als auch Spätdienst gemacht. Normalerweise seien mindestens 5 Fachkräfte bei 25 Heimbewohnern vorgesehen.«

Es handelt sich um die erste Schließung eines Pflegeheimes in Thüringen überhaupt. Betroffen sind derzeit 25 Bewohner, die zum größten Teil bereits in anderen Heimen der Region untergebracht worden sind. Den meisten der 16 Mitarbeitern droht die Arbeitslosigkeit.

Eine berechtigte Frage könnte lauten: Schlimm, aber vielleicht ist das nur ein bedauerlicher Einzelfall. Das es sich um einen soclhen handelt, darauf deuten die ersten Einschätzungen hin, die man diesem Artikel entnehmen kann: Thüringer Pflegeheime warnen: Viel zu wenig Fachkräfte:
»Ein Personal-Notstand wie in Hüpstedt sei jedoch anderswo in Thüringen nicht zu erkennen, erklärten mehrere Experten. „Das ist ein trauriger und bedauernswerter Einzelfall“, betonte Robert Büssow, Pressesprecher der Krankenkasse Barmer GEK Thüringen. „Dieser Fall ist sicher ein krasses Einzelbeispiel von Missmanagement in der Thüringer Pflege“, unterstrich AOK-Sprecher Jürgen Frühauf.«
Da sollen wir jetzt aber beruhigt sein. Aber der Blick auf einige Hintergrund-Informationen zu Thüringen und der Pflegelandschaft dort verdeutlicht, dass wir hier - wie in vielen anderen Regionen auch - mit einem strukturellen Problem konfrontiert sind:
»In Thüringen arbeiten mehr als 27.000 Pflegekräfte in 829 Heimen. Knapp 87.000 Menschen sind pflegebedürftig.
Im bundesweiten Vergleich liegen die Gehälter der Pflege-kräfte ziemlich weit hinten. So verdient eine Fachkraft in Thüringen durchschnittlich 1.982 Euro brutto pro Monat. Das ist der viertletzte Platz unter allen Bundesländern.
In Hessen bringt es eine Pflege-Fachkraft im Schnitt auf 2.484 Euro, in Bayern auf 2.709 Euro. „Die weitere Abwanderung gut ausgebildeter Pflegefachkräfte aus Thüringen in benachbarte westliche Bundesländer ist damit vorgezeichnet“, schreibt der Paritätische Wohlfahrtsverband.«
Nach einer Studie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena braucht Thüringen bis 2030 rund 8.000 zusätzliche Pflegekräfte.

Natürlich versucht auch die Politik auf die Entwicklungen und die grundsätzlichen Herausforderungen zu reagieren. In Thüringen gibt es nicht nur eine rot-rot-grüne Landesregierung, sondern auch den ersten Ministerpräsidenten aus den Reihen der Linkspartei. Und Bodo Ramelow hat sich einbringen wollen in die Debatte - mit einem Vorschlag, der wieder einmal zeigt, auf welchem Hilflosigkeitsniveau man angekommen ist: Griechische Lehrlinge sollen Pflegenotstand lösen.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) will mit Lehrlingen aus Griechenland den eigenen Fachkräftebedarf sichern. Dem Arbeitsministerium in Athen wolle Ramelow ein Kooperationsangebot unterbreiten, bestätigte Regierungssprecher Alexander Fischer am Donnerstag in Erfurt. In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung (DHW) bieten wir an, bei der Vermittlung von jungen Griechen auf Ausbildungsplätze in Thüringen zu helfen, vorrangig im Pflegebereich.
Immerhin - so könnte man hier zynisch anmerken - gibt es einen Schritt nach vorn: Denn in der Vergangenheit wurden die Hoffnungen auf die Rekrutierung chinesischer Altenpflegekräfte gerichtet, die Zuwendung nach Griechenland verkürzt die Entfernung, die man überwinden muss, doch ganz erheblich und außerdem sind die Griechen (noch) in der EU.

Die Vorkommnisse in Thüringen werden auch in ganz anderen Regionen von den dortigen Medien wahrgenommen und aufgegriffen, so beispielsweise von der Südwest-Presse, wo man einen Kommentar von Elisabeth Zoll unter der Überschrift Auf dem Rücken der Mitarbeiter lesen:
»Das ist ein unguter Vorbote - und er weist über Thüringen hinaus: Im Eichsfeldort Hüpstedt musste ein Pflegeheim schließen, weil Fachkräfte fehlten ... Im thüringischen Fall mögen mehrere Faktoren zusammentreffen: kleiner Ort, abgelegene Lage, wirtschaftlich labile Situation des Betreibers. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht nur dort der Pflegenotfall droht ... Vielerorts sind Pflegeheime, was die Personalausstattung betrifft, auf Kante genäht - um es noch positiv zu formulieren ... Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden. Der Mangel kommt nicht von ungefähr. Schichtbetrieb, eine hohe körperliche und seelische Belastung, der immense Zeitdruck - und das alles zu vergleichsweise lausiger Bezahlung - führen dazu, dass selbst hochmotivierte Kräfte oft schon nach wenigen Jahren das Handtuch werfen oder mit Rücksicht auf die eigene Gesundheit beruflich zurückstecken. In vielen Heimen wurde in den vergangenen Jahren die Rechnung auf dem Rücken der Mitarbeiter gemacht.«
So weit, so im Prinzip bekannt. Und auch ihre Schlussfolgerung ist nicht neu: »Wäre es da nicht angebracht, eine Attraktivitätsoffensive für Pflegekräfte zu starten, angemessene Bezahlung inbegriffen?«
Ja, so ist es. Das sollte man tun.

Aber wie sagte schon der berühmte Philosoph und Politikwissenschaftler Peer Steinbrück: "Hätte, hätte, Fahrradkette".

Noch mal zurück zu der Frage nach dem Einzelfall, der uns da aus Thüringen berichtet wurde:
Bereits im März musste in Langenhorn bei Hamburg das Altenheim Röweland schließen. Auch dort fehlten ausreichend qualifizierte Fachkräfte, um das Haus mit insgesamt 230 Betten weiter betreiben zu können.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Prof. Sell,

ich danke Ihnen für Ihren sehr, sehr lesenswerten, weil informativen blog. Ihr Eintrag vom 18.07. "Pflegestreik? Den brauchen wir möglicherweise bald nicht mehr - die Verhältnisse erledigen das zunehmend selbst" hat mich erschüttert und ich frage mich immer häufiger, wo ich eigentlich lebe?
In einem der reichsten Länder der Erde werden alte Menschen nicht so versorgt, wie es menschenwürdig wäre, und für die Betreuung und Bildung von Kindern ist auch kein Geld da. Ich bin Erzieherin, habe im Mai/Juni für eine AUFWERTUNG ALLER BERUFE Im Sozial- und Erziehungsdienst gekämpft. Das Ergebnis (Schlichterspruch)ist für mich und meine Kolleg*innen enttäuschend. Nicht (nur), weil die Gehaltszuwächse weitunter denen der von den Gewerkschaften Verdi + GEW geforderten Prozente liegen - nein, vielmehr, weil unsere Arbeitsbedingungen so schlecht sind, dass viele von uns am Rande der pyhsischen und/oder psychischen Erschöpfung ("Burn-Out") sind und vor allem, wir den Kindern nicht gerecht werden können. Das ist so schmerzlich!
Schon jetzt ist es so, dass Gruppen in Krippen und Kindertagesstätten in einigen Städten und Gemeinden geschlossen werden müssen bzw. nicht eröffnet werden können, da sich zu diesen Bedingungen kein (qualifiziertes = geeignetes) Personal finden lässt.
Armes, reiches Deutschland....

Stefan Sell hat gesagt…

Erst einmal danke ich Ihnen für das Kompliment meinen Blog betreffend.
Sie sprechen hinsichtlich der Situation der Fachkräfte in den Kitas ein großes Problem an. Es gibt unendlich viele Berichte aus der Praxis vor Ort, die genau das bestätigen, was Sie in Ihrem Kommentar angemerkt haben. Vgl. nur beispielsweise aus der Vielzahl an Artikeln diesen Bericht aus München, den ich deshalb herausgegriffen habe, weil es sich hier um eine der reichsten Kommunen handelt - und dennoch: Jeder zweite Erzieher ist am Ende. »Erschöpft, nervös und frustriert: Die Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung in städtischen Kitas und Tagesheimen sind alarmierend.« Und leider sprechen Sie mit Ihrem Hinweis auf den Schlichtungsspruch ein weiteres dunkles Kapitel an, hierzu beispielsweise dieser Artikel: "Ein Schlag ins Gesicht". Wie Erzieher den Schlichterspruch im Tarifstreit bewerten. Es steht zu befürchten, dass man sich jetzt seitens der Gewerkschaftsführung über den Schlichtungsspruch trotz der weit verbreiteten ablehnenden Haltung bei denen, die gestreikt haben, versuchen wird, den Arbeitskampf zu beenden. Im Zusammenspiel mit dem wirklich nicht ruhmreichen Abwürgen des unbefristeten Streiks bei der Deutschen Post wird das sicherlich eine Menge Diskussionen innerhalb von ver.di auslösen. Unabhängig davon werden wir sehen, wie Sie es ja auch geschrieben haben, dass der heute schon vorhandene und sich auch aufgrund des Ausbaus der U3-Betreuung weiter ausdehnende Fachkräftemangel zu einem mehrfachen Problem entfalten wird, denn das führt leider im Kita-Bereich auch dazu, dass man der bisher einsozialisierten Art und Weise des "muddling through", also des Durchwurschtelns unter sehr schlechten Rahmenbedingungen, angesichts fehlender vernünftiger Standards, was beispielsweise die Fachkraft-Kind-Quote sowie daraus abgeleitet des erforderlichen Personalschlüssels angeht, folgt, was gerade bei der Betreuung, Bildung und Erziehung der ganz Kleinen, die besonders verletzlich sind und teilweise völlig andere Anforderungen an die Qualität der Arbeit stellen als die älteren Kinder, schnell in der Bereich der KIndeswohlgefährdung abdriften kann. Und wenn das dann passiert und vielleicht sogar an die Öffentlichkeit gezogen wird, dann sind es die Leute vor Ort, die das abbekommen und keiner wird in dem Moment darauf hinweisen, dass das ganze System systematisch überfordert ist. Insofern tun sich hier leider zahlreiche Parallelen auf zu dem, was wir seit Jahren schon in der Pflege, vor allem der Altenpflege sehen müssen.

Stefan Sell hat gesagt…

Hier noch eine Ergänzung zu dem Blog-Beitrag über den Personalmangel in einer zunehmenden Zahl an Pflegeheimen, was eben nicht nur Thüringen betrifft: Fachkräftemangel in Schleswig-Holstein: Aufnahmestopp für Pflegeheime. »Der Fachkräftemangel in vielen Pflegeheimen spitzt sich dramatisch zu. Das belegen die Jahresberichte der Heimaufsichten für 2013 und 2014, die die ersten Kreisen im Land jetzt veröffentlicht haben. Trauriger Rekordhalter ist bislang der Kreis Nordfriesland, wo die gesetzlich vorgeschriebene Fachkraftquote von 50 Prozent nur in knapp der Hälfte der Einrichtungen eingehalten wird. Eine Folge: Einige Heime wurden von der Heimaufsicht durch Belegungsstopps sanktioniert.«

Lucas hat gesagt…

Ich habe ein paar Artikel darüber gelesen, aber das gab mir zu denken. Der Autor ist in der Lage, große Ideen für Ihr Blog zu übertragen.