Samstag, 27. Juni 2015

Pflegestreik! Ist da was? Nicht nur mediale Resonanzschwächen. Die Streikenden an der Charité in Berlin könnten in die GDL-Falle getrieben werden

Eine zugegeben sehr zugespitzte Zusammenfassung der jüngeren deutschen Streikgeschichte könnte so aufgebaut sein:

Streik der Lufhansa-Piloten? Die wollen sich doch nur ihren Ruhestand weiter vergolden lassen und die Passagiere hängen am Boden fest.

Lokführer-Streik? Ein größenwahnsinnig gewordener sächsischer Möchtegern-Arbeiterführer nimmt Millionen Bahnkunden in tagelange Geiselhaft und vergewaltigt unser Grundrecht auf Mobilität.

Kita-Streik? Auch wenn man grundsätzlich schon irgendwie Verständnis hat - aber unbefristete Streikaktionen? Die armen Kinder und ihre Eltern werden zu bedauernswerten Opfern des Streiks der Erzieher/innen, während die Arbeitgeber irgendwie auf Tauchstation waren und aus dem Blickfeld der Berichterstattung verschwunden sind.

Pflegestreik? Äh, wie bitte? Nächstes Thema.

Es ist schon mehr als auffällig, wie gedämpft die Berichterstattung über den unbefristeten Streik des Pflegepersonals an der Berliner Charité abläuft. Dabei ist dieser Arbeitskampf so irritierend anders als das, was man ansonsten so vorgesetzt bekommt: Die Pflegekräfte wagen mit einem Streik einen Schritt, vor dem bislang zurückgeschreckt wurde, denn sie haben sogar noch weitaus heftiger als die Erzieher/innen in den Kitas ein strukturelles Streikproblem: Sie legen nicht die Produktion von irgendwelchen Sachen eines Unternehmens lahm oder blockieren die Dienstleistung eines anderen (wie beispielsweise beim gerade laufenden Streik der Brief- und Paketzusteller der Deutschen Post), sondern von ihrer Nicht-Arbeit werden zuallerst einmal (potenzielle) Patienten getroffen, bei denen beispielsweise eine vorgesehene OP verschoben werden muss oder gar ausfällt. Was aber bei diesem Streik noch weitaus wichtiger ist - er hat seine ganz eigene "moralische Ökonomie", denn die Streikenden fordern nicht (scheinbar) egoistisch mehr Geld, sondern sie wollen mehr Personal erkämpfen, weil sie sich überlastet fühlen und es oftmals auch sind. Und das müsste doch auch im Interesse der (potenziellen) Patienten sein. Gab es nicht in den letzten Jahren immer wieder Berichte über die mehr als kritische Personalsituation in den deutschen Krankenhäusern, mit denen letztendlich auch existenzielle Gefahren für die Patienten verbunden sein können? Das müssten doch alles Ingredienzien sein für eine breite Sympathiewelle den streikenden Pflegekräften gegenüber. Doch die derzeitige Lage ist eine andere, man kann es drehen und wenden, wie man will. Und demnächst könnte den Pflegekräften an der Charité ein perfide inszenierter "GDL- oder Weselsky-Effekt" ins Haus stehen - im Hintergrund vorangetrieben von der Gegenseite.
Beim Lokführer-Streik war es überaus erfolgreich gelungen, große Teile der Bevölkerung gegen die Gewerkschaft GDL aufzubringen und eine grandiose negative Personalisierung in Gestalt des Herrn Weselsky aufzubauen. Das ist nicht von alleine gekommen, sondern der Vorstand des in Bundesbesitz befindlichen Unternehmens Deutsche Bahn hatte sich dafür professioneller Hilfe bedient. Darüber hat Werner Rügemer im März dieses Jahres in seinem Beitrag DB im GdL-Streik: „Bewusst eine Sackgasse herbeiführen“ berichtet. Und dabei spielt ein bestimmter Name eine wichtige Rolle:
»Wenn der Bahn-Vorstand mit Gewerkschaften verhandelt, ist Werner Bayreuther dabei. Er ist Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverband der Mobilitäts- und Verkehrsdienstleister (Agv-MoVe). Er gehört aber auch zum Team des Schranner Negotiation Institute (SNI) in Zürich.«
Das muss man jetzt erst einmal sortieren: Werner Bayreuther war Richter für Arbeitsrechter. Er ist aus dieser Position ausgeschieden, um eine andere Karriere zu beginnen. »Er baute für den privatisierten Bahn-Konzern den eigenen Arbeitgeberverband auf, in dem die zahlreichen Tochter-Holdings Mitglied sind: DB Schenker, DB Regio, DB Netz usw.« Es handelt sich um den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband der Mobilitäts- und Verkehrsdienstleister (Agv MoVe), dessen Hauptgeschäftsführer er ist. Zugleich ist er verwandelt mit dem Schranner Negotiations Institute (SNI) in Zürich. Jetzt wird es richtig bunt. Werner Rügemer schreibt zum SNI:
»Das SNI arbeitet weltweit im Auftrag von Unternehmen und Regierungen, nach dem Motto „Wenn Verhandlungen schwierig werden“. Die Berater sind allgegenwärtig, bleiben aber unsichtbar: „Wir unterstützen Sie im Hintergrund vor, während und nach Ihren Verhandlungen.“
SNI versteht sich nicht als Schlichter. Der Kunde soll am Ende als „Sieger“ und die andere Seite als „Verlierer“ dastehen: „Mit unserer Unterstützung werden Sie Verhandlungssieger.“ Intern heißt es „Es gibt bei Verhandlungen keine win-win-Situation“.«
Offensichtlich handelt es sich um ein überaus buntscheckig zusammengesetztes Beratungsunternehmen für Konzerne und Regierungen: »SNI preist seinen Trainer Leo Martin so an: Er war „10 Jahre lang für einen großen deutschen Nachrichtendienst im Einsatz.“ Sein Spezialgebiet war das Anwerben und Führen von V-Leuten ... Zum SNI-Angebot gehören auch „Verhandlungstaktiken von Polizei und FBI“. Der langjährige Chef der Münchener Mordkommission Josef Wilfing ist ebenso dabei wie Gary Noesner vom FBI. SNI-Chef Matthias Schranner präsentiert sich als ehemaliger Verhandlungsführer der Polizei bei Geiselnahmen und Banküberfällen«, so Rügemer in seinem Artikel.
Wer Interesse an einer direkten Konfrontation mit dem SNI-Chef und seiner Denke hat, der sei auf diese Gesprächssendung des Bayerischen Rundfunks mit ihm hingewiesen: Matthias Schranner, Verhandlungsexperte (19.03.2015).
Werner Rügemer zählt die SNI mit Sitz in Zürich zur Dienstleistungsbranche „Union Busting“. Union Busting heißt „Gewerkschaften zerstören“. Diese Tätigkeit ist in den USA als professionelle Dienstleistungsbranche etabliert. Sie besteht aus Anwälten, Detektiven, Psychologen, Management-Trainern, Lobbyisten, gelben Gewerkschaften, die mit der Unternehmensleitung zusammenarbeiten.
»Das Schranner Negotiations Institute SNI gehört ebenso zur Branche wie Arbeitsrechts-Anwälte, die grundsätzlich nur die Arbeitgeberseite vertreten. In Deutschland sind das etwa die Rambo-Anwälte der Kanzleien Helmut Naujoks und Schreiner + Partner, aber auch die diskreten Anwälte von US-Kanzleien wie Freshfields und Hogan Lovells. Als Staranwalt für die Verhinderung von Streiks in Deutschland gilt Thomas Ubber von der Kanzlei Allen & Overy: Er vertrat Fraport gegen die Gewerkschaft der Fluglotsen (GdF) und die Lufthansa gegen die Vereinigung Cockpit (VC). Der Bahn-Konzern beauftragt ihn jedesmal gegen die GdL wie zuletzt im November 2014.«
Übrigens - das SNI überlässt nichts dem Zufall, man hat für alle Perspektiven geeignete Fachkräfte an Bord: Auch »Stefan Schneider (gehört) zum SNI-Team. Schneider war lange Jahre Betriebsrat bei Daimler und Verhandlungsführer der IG Metall. Danach wechselte er die Seite und stieg zum Personalleiter auf. Jetzt ist er als selbständiger Manager-Berater tätig. Seine Qualifikation: Er „kennt die Motivlage von Betriebsräten und Gewerkschaften“.«
Und zu dieser illustren Runde gehört nach Rügemer eben auch Werner Bayreuther: Auf der Website des SNI wird Bayreuther angepriesen: „Er hat die Deutsche Bahn in der Verhandlung mit der GdL beraten und aktiv unterstützt.“ Und der eine oder andere wird gewisse Analogien zur jüngeren Streikgeschichte herstellen können, wenn man beispielsweise die folgende Beschreibung der SNI-Methodik liest:
»Eine strategisch angelegte Verhandlung hat nach SNI-Prinzipien auch das mögliche Ziel, den Gegenüber „bewusst in eine Sackgasse“ zu manövrieren. Zum Beispiel: Man macht einige Zugeständnisse, der Streik wird abgebrochen, aber die eigentlichen Verhandlungen stehen noch aus. Nach zwei Monaten, wenn die Verhandlungen wieder beginnen, wird die frühere Vereinbarung widerrufen. Die Gewerkschaft muss überlegen, ob sie neu streiken soll.«
Nun wird der eine oder die andere sagen, gut, interessant, schlimme Sache für die Arbeitnehmer, wenn sie bzw. deren Repräsentanten es mit dieser Liga zu tun bekommen, aber was hat das nun mit dem Pflegestreik an der Charité zu tun? Man wird sehen - die Welt ist klein.
Dazu werfen wir einen Blick in diesen Artikel: Charité-Streik: Ein Mann für gewisse Verhandlungen. Dort finden wir den folgenden Passus:
»Schon lange verhandeln die Vertreter von ver.di über die dringend notwendige Einstellung von Personal an der Charité. Ihnen gegenüber sitzen Leute wie der ärztliche Direktor Prof. Ulrich Frei, zuvor Arzt für Innere Medizin. Doch geleitet werden die Verhandlungen von einem Mann, der nie in einem Krankenhaus gearbeitet hat: Der Charité-Vorstand hat als Verhandlungsführer für viel Geld den früheren Richter Werner Bayreuther angeworben.«
Da ist er wieder. Und die Verfasser des Artikels erkennen sehr wohl, welchen Zusammenhang es geben könnte zwischen Bayreuthers Rolle beim GDL-Streik und der möglicherweise von ihm erhofften Dienstleistung seitens der Unternehmensleitung der Charité:
»Im Konflikt mit der GDL benutzte die Deutsche Bahn unter Bayreuthers Verhandlungsführung im Dezember 2014 einen besonders miesen Trick: Sie veröffentlichte eine Erklärung, in der sie das Recht der GDL anerkannte, für alle Arbeitnehmergruppen Tarifverträge abzuschließen. Genau das war monatelang eine zentrale Forderung der GDL. Die Gewerkschaft will die Erfolge, die sie für Lokführer erstreikt hatte, auch für Zugbegleiter und andere erreichen. Doch das Zugeständnis war gar keines: Eine einseitig abgegebene Erklärung ist juristisch kein Vertrag zwischen beiden Tarifparteien und damit rechtlich bedeutungslos. Während die Beschäftigten ihren Sieg feierten, bereiteten Bayreuther und die Deutsche Bahn ihre nächsten Schritte vor: Ab Januar nahmen sie sämtliche Punkte ihrer Erklärung Schritt für Schritt zurück und sprachen der GDL wieder das Recht ab, Tarifverträge für Zugbegleiter auszuhandeln. Als die Gewerkschaft schließlich erneut streikte, behauptete die Deutsche Bahn wiederum, sie hätte schon große Zugeständnisse gemacht und die GDL streike nur, weil ihr Vorsitzender Claus Weselsky ein eingebildeter Wichtigtuer sei.« 
Nun muss man eigentlich nur noch eins und eins addieren, um eine mögliche Strategie des Unternehmens zu erkennen: Auf einmal sind die Repräsentanten, vor allem der Vorstandvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, überall, wo sich ihnen die Gelegenheit bietet, unterwegs mit dem besorgten Hinweis auf das gefährdete "Patientenwohl" und dass die Streikenden das jetzt elementar gefährden würden (wobei dann gerne "vergessen" wird, dass diese Positionierungen in den vergangenen Jahren bei den vielen Überlastungsanzeigen der eigenen Beschäftigten "natürlich" nicht zu vernehmen waren). Die Bevölkerung muss gegen den Streik aufgebracht werden und dabei muss die "Schuldfrage" einseitig an die Streikenden zugewiesen werden. Man kann sich eine Adaption des GDL-Musters gut vorstellen, "leider" fehlt den Strategen hier noch so eine "mediengängige" Anti-Figur wie Weselsky.

Man muss an dieser Stelle wieder einmal darauf hinweisen, dass es sich die Pflegekräfte wahrlich nicht leicht gemacht haben, bevor sie in den Arbeitskampf gegangen sind. Die Gewerkschaft Verdi hat seit mehr als zweieinhalb Jahren mit der Klinikleitung über eine Mindestbesetzung verhandelt, die die Gewerkschaft in einem Tarifvertrag festhalten will. Kein Ergebnis. Und aus dem jetzt vorgetragenen Argument mit einer Gefährdung des "Patientenwohls" wird ein Schuh. So schreibt Claudia Wrobel in ihrem Artikel unter der bezeichnenden Überschrift Patientengefährdung:
»Die Pflegekräfte sehen durch den schlechten Personalschlüssel und den hohen Einsatz von Leiharbeitern die Standards nicht mehr eingehalten und deshalb die Sicherheit der Patienten gefährdet. Deshalb verhandelt ver.di seit mehr als zweieinhalb Jahren mit der Klinikleitung über eine Mindestbesetzung, die die Gewerkschaft in einem Tarifvertrag festhalten will. Unter anderem fordern sie, dass nachts auf jeder Station mindestens zwei Kollegen Dienst tun und für Intensivstationen einen Betreuungsschlüssel von einer Fachkraft für zwei Patienten. Damit orientiert sich ver.di an Empfehlungen der Fachgesellschaften. Außerdem möchte die Gewerkschaft verbindliche Verfahren zum Erfassen von Überlastungssituationen.«
Das nun sind keine wie auch immer geartete revolutionäre Forderungen, sondern im Grunde fordern die Streikenden hier die Einhaltung einer Schutzgrenze nach unten - und die hätte, wenn es denn wirklich um "Patientenwohl" gehen würde, schon längst von Klinik wie auch verantwortlicher Politik sichergestellt werden müssen. Offensichtlich versuchen die Streikenden, ein Systemversagen zu kompensieren. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen.

Dazu past dann beispielsweise eine solche Meldung aus der Berliner Zeitung vom 27.06.2015: Patientenschützer kritisieren Sparkurs in der Krankenpflege: »An Berliner Krankenhäusern wird nach Einschätzung von Patientenschützern immer mehr auf Kosten des Pflegepersonals gespart. Zwischen Ärzten und Pflegern habe sich ein Missverhältnis entwickelt: Von 1991 bis 2013 stieg die Zahl der Ärzte an Kliniken um 14 Prozent. Dagegen gab es bei den Pflegern im gleichen Zeitraum einen Rückgang um rund ein Drittel. Dabei lägen inzwischen mehr alte und pflegebedürftige Menschen auf den Stationen ... Der Pfleger-Schwund von rund 19.700 auf 12.900 Kräfte ist in Berlin ... so ausgeprägt wie in keinem anderen Bundesland. Ein deutschlandweit verbindlicher Personalschlüssel würde diese Entwicklung stoppen, so die Stiftung. Solche festen Quoten will die Gewerkschaft Verdi mit dem Streik an der Charité durchsetzen.« Vgl. dazu auch Statistik: Krise in Kliniken ist hausgemacht - bundesweiter Personalschlüssel nötig, dort kann man die Übersicht über alle Bundesländer als Datei abrufen.

Aber was sind schon Fakten - wir werden möglicherweise bald schon gewisse Elemente der SNI-Methoden zu sehen, hören und lesen bekommen. Und wenn man nicht aufpasst, werden die Pflegekräfte auf die GDL-Rutschbahn geschoben. Das muss verhindert werden, nicht nur im Interesse der Streikenden, sondern auch der (potenziellen) Patienten. Dafür braucht es Solidarität mit dem Pflegepersonal, das sich traut, nicht mehr nur zu schlucken und zu funktionieren, bis sich die Folgen der strukturellen Überbelastung als individuelle Schicksale atomisieren lassen.

Foto: © Miriam Dörr / Fotolia 

Kommentare:

@pflegepuls hat gesagt…

Hallo Herr Sell,

klasse Beitrag. Danke!

Vielleicht finden Sie Zeit und Lust auf den in einem anderen Beitrag skizzierten Gedanken zu antworten. Im Kern geht es um eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Kündigung beim aktuellen Arbeitgeber (möglicherweise auch mit einer 1- bis 3-monatigen Karenzzeit), die mit einer langen Vorlaufzeit evtl. einen erheblichen politischen Druck aufbauen könnte. ich würde mich sehr über ein kurzes Statement freuen, beschäftigt mich die Idee latent doch schon einige Zeit.

Mehr dazu finden Sie unter http://tmblr.co/Z1_Kwn1SuArkW.

Vielen Dank
@pflegepuls

@pflegepuls hat gesagt…

Zur besseren Lesbarkeit möchte ich den Gedanken auch hier vorstellen:

Freiwillige Selbstverpflichtung statt Streik

Auch ganz ohne Streik könnte die “Pflege” im Zeitalter der Kommunikation vielleicht erheblichen politischen Druck aufbauen.
Ein Weg könnte die öffentlichkeitswirksame freiwillige Selbstverpflichtung sein: 

Oft flüchten Pflegekräfte früher oder später aus den unbefriedigenden Rahmenbedingungen. Mal ist das Ziel ein anderes Land, mal ein anderer Beruf. Die latente Fluchtbereitschaft vieler ließe sich vielleicht auch koordinieren und politisch verwerten.

Unterzeichner/Innen könnten sich verpflichten (ggf. anonym) ihren bestehenden Arbeitsvertrag regelrecht zu einem bestimmten Termin (Bsp. 31.12. des Folgejahres) zu kündigen. Begleitet von Website mit Zähler etc., Onlinepetition und weiteren Aktivitäten. Sollten die persönliche Arbeitssituation bis dahin gravierende (das weiß dann wohl jede/r selbst am besten) Verbesserungen erfahren haben kann formlos bzw. durch schlüssiges Verhalten (man kündigt halt nicht) von der Selbstverpflichtung zurückgetreten werden.

Einige mögliche Wirkungen: 
Pflegekräfte reflektieren und können persönlich geschützt jedoch öffentlich wirksam Position beziehen. Die Gefahr von koordinierten zehntausendfachen Kündigungen (sechsstellige Zahlen wären durchaus möglich) könnte in Politik und Wirtschaft Wirkung zeigen. Ein weit in der Zukunft liegender Zeitpunkt gibt Raum zur Gewinnung von Mitzeichner/innen und der Entfaltung von politischer Wirkung. 

Wie es ist: 
Ständig kündigt eine Pflegekraft irgendwo in Deutschland. Oft übernimmt eine andere die frei werdende Stelle nachdem sie selbst einen anderen Arbeitsplatz verlassen hat. Diese stetige Suche nach einem erträglichen Arbeitsplatz in der Pflege ist immer wieder sinnlos und bleibt regelmäßig wirkungslos. Der nächste Arbeitsplatz ist nämlich den gleichen Rahmenbedingungen unterworfen.

Wie es sein könnte: 
Alle kündigen gleichzeitig. Dagegen würden wohl nur noch Notstandsgesetze oder -verordnungen helfen, die die schleichende Versklavung Pflegender für die gesamte Gesellschaft aber besonders für Pflegende transparent machen würde.
Bürgern, Arbeitgebern und Politik bliebe Zeit zu reagieren und die Versorgung Pflegebedürftiger zu sichern. Besonders die (hier verantwortliche) Politik benötigt allerdings auch viel Zeit.
Arbeitslosigkeit ist wohl für keine Pflegefachkraft eine ernstliche Sorge. Das große Ziel, ein lebenswertes Leben für Pflegende, könnte das persönliche Risiko sehr annehmbar erscheinen lassen.

Vielen Dank
@pflegepuls

Stefan Sell hat gesagt…

@pflegepuls: Ganz herzlichen Dank für die Kommentierung. Und ja - wenn ich Ihren Vorschlag richtig verstanden habe, dann geht es Ihnen darum, eine Art Zeichen zu setzen in der Form, dass wenigstens kommunizierbar wird in der Öffentlichkeit, wie viele den Beruf fluchtartig verlassen, aufgeben, sich Alternativen suchen oder schlichtweg nicht mehr kommen. Das wäre - würde es denn gelingen - eine gute Sache, denn man könnte versuchen, über die darüber generierten Zahlen in den Medien Resonanz zu finden und Druck aufzubauen in der Öffentlichkeit und damit auf die Politik.
Allerdings zeigt der gerade ablaufende Streik an der Charité und die ausgesprochen auffällige Zurückhaltung der Medien im Sinne einer Nicht-Berichterstattung, wie schwer es ist, hier Andockstellen zu finden. Insofern ist Ihr Vorschlag eine gute Bereicherung angesichts der gegebenen Rahmenbedingungen. Jede Thematisierung kann den betroffenen Pflegekräfte und dem Berufsfeld weiterhelfen.

@pflegepuls hat gesagt…

Hallo Herr Sell,

vielen Dank für die Antwort. Die aktuell konsequente Nicht-Berichterstattung zum #Pflegestreik, der bsp. auf Twitter am Mittwoch, den 01.07.2015 stundenlang die Top-Trends angeführt hat, also für viele Bürgerinnen und Bürger offensichtlich ein ernstes Thema ist, weist tatsächlich auf eine Vermeidung des Themas durch die Medien, die eine gewisses Maß an Nachdrücklichkeit nicht entbehrt. Jede auf mediales Echo ausgelegte Aktion, die mit einer Art medialem Bann belegt ist, tut sich natürlich mit der erwünschten Wirkung sehr schwer.

Die diversen Medienunternehmen verfolgen ohne jeden Zweifel inzwischen ständig die großen sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Google+. Statt über einen gesellschaftlich relevanten Top-Trend auf Twitter wie den #Pflegestreik zu berichten entschied sich der Spiegel beispielsweise im gleichen Zeitraum über einen sein Essen fotografierenden und auf Facebook postenden Heimbewohner zu schreiben (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/nuernberg-der-rentner-und-das-ekel-essen-im-altenheim-a-1041637.html#ref=rss). Der Spiegel zeigt hier (Selbstoffenbarungsanteil der Kommunikation) übrigens sehr viel Transparenz für Menschen die genauer hinschauen.

Weiterhin streitbare Grüße.

Vielen Dank
@pflegepuls