Montag, 1. Juni 2015

Entlastung an der einen oder anderen Stelle, aber keine Lösung des zunehmenden Personalmangels: Ausländische Pflegekräfte

Schon heute klagen Heime, Kliniken und Pflegedienste über Probleme, freie Stellen zu besetzen. Im Ausland nach Fachkräften zu suchen, ist dabei trotzdem für die meisten keine Option, wie eine aktuelle Befragung zeigt, die von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht wurde. Eine Zusammenfassung findet man in dem Artikel Im Ausland wird kaum nach Arbeitskräften gesucht.  Der Artikel bezieht sich dabei auf die Studie Internationale Fachkräfterekrutierung in der deutschen Pflegebranche von Holger Bonin, Grit Braeseke und Angelika Ganserer. Der Befund einer sehr zurückhaltenden Inanspruchnahme der aktiven Personalgewinnung im Ausland ist vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen Monaten immer wieder von den Bemühungen, ausländische Pflegekräfte für den deutschen Arbeitsmarkt zu rekrutieren, in den Medien berichtet wurde. Da kommen dann solche Berichte raus: »Ohne Kräfte aus dem Ausland wäre das Pflegesystem in Deutschland längst zusammengebrochen«, kann man dem Artikel So integriert die Münchenstift ausländische Pflegekräfte entnehmen. Und weiter: „Ohne diese Pflegekräfte aus Bosnien, Kroatien oder anderen Ländern geht es längst nicht mehr“, wird der Münchenstift-Chef Sigi Benker zitiert. »Schon jetzt haben 60 Prozent der insgesamt 1.900 Mitarbeiter in seinen Häusern einen Migrationshintergrund – es werden wohl noch mehr werden.« Oder auch dieses Beispiel, zugleich ein weiteres Thema öffnend: »Sie kommen aus Spanien oder Polen und pflegen Patienten in Berlin und Brandenburg: Ohne ausländische Pflegekräfte könnten viele Kliniken nicht mehr arbeiten. Doch einige fühlen sich ausgebeutet«, heißt es in dem Beitrag Wie Krankenhäuser und Heime ausländische Pfleger knebeln aus dem Jahr 2014.

Damit man sich ein Bild machen kann von den Größenordnungen, um die es derzeit geht, hier ein grober Blick auf die Beschäftigungsdaten:
73.600 ausländische Pflegekräfte waren 2013 in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das waren 5,5 Prozent aller Pflegekräfte. Mit 9.949 Pflegekräften war Polen am stärksten vertreten, knapp gefolgt von der Türkei, woher 9.071 Fachkräfte kamen. Das andere Ende der Skala bildet China mit 106 in Deutschland tätigen Pflegekräften.
Schon in zehn Jahren dürften in Deutschland zwischen 150.000 und 370.000 Vollzeitstellen in der Pflege fehlen, heißt es in der Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Dann stellt sich natürlich die Frage, warum die Arbeitgeber relativ zurückhaltend sind bei der Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte:
»Demnach haben nur rund 16 Prozent der dafür befragten 600 Unternehmen ausländische Fachkräfte im Einsatz. Mit gutem Erfolg: Drei von fünf Personalverantwortlichen sind mit den neuen Mitarbeitern zufrieden oder sogar sehr zufrieden.
Weil die bürokratischen Hürden bei der Einstellung ausländischer Pflegekräfte oft ebenso hoch sind wie die Sprachbarrieren, versuchen viele Unternehmer eher Personal von der Konkurrenz abzuwerben und die Mitarbeiter im Betrieb zu qualifizieren. Ein gutes Arbeitsklima und ein sinkender Krankenstand soll helfen, die Mitarbeiter zu halten«, berichtet Anno Fricke in seinem Artikel.
Auch der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Staatssekretär Karl-Josef Laumann, hat sich zu Wort gemeldet: Der Arbeitsmarkt in Deutschland sei jedoch so lange nicht ausgeschöpft, so lange das Problem der unfreiwilligen Teilzeit fortbestehe. Ein wichtiger und richtiger Hinweis.
»Die Autoren der Bertelsmann-Studie geben sieben Empfehlungen ab, wie ausländische Pflegekräfte reibungsloser in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Ganz oben steht die Forderung nach einem bundesweit einheitlichen und kompetenzorientierten Verfahren der Berufsanerkennung. Zudem sollten mögliche Bewerber schon zu Hause Möglichkeiten vorfinden, Deutsch zu lernen«, berichtet Fricke.
Die Umfrage habe aber auch deutlich gemacht, so die Studienautoren, dass nicht alle Unternehmen von sich aus bedächten, dass sich durch ihr Engagement Lücken in der medizinischen und pflegerischen Versorgung der Entsendeländer auftun könnten. Das nun wieder wirkt irgendwie als wohlfeile Einfügung einer kritisch daherkommenden Fußnote - denn natürlich reißen alle Arbeitgeber, die hier in Deutschland Fachkräfte aus anderen Ländern beschäftigen, unvermeidbar Lücken in die dortige Versorgung. Man werfe nur einen Blick auf die gut 30.000 ausländischen Ärzte, die in deutschen Krankenhäusern die medizinische Versorgung mit aufrechterhalten. Viele kommen aus osteuropäischen Ländern, wo ihr Weggang schmerzhafte Versorgungslücken reißt.

Die entscheidende Aufgabe wird in den vor uns liegenden Jahren darin liegen, zum einen die Pflegeberufe endlich aufzuwerten und die Arbeitsbedingungen erträglicher zu gestalten, auf der anderen Seite wird man gerade angesichts der definitiv stark ansteigenden Zahl an pflegebedürftigen Menschen nicht umhin kommen (im Zusammenspiel mit völlig berechtigten Forderungen nach einer Verbesserung der Personalschlüssel), auch Zuwanderer für die Pflege zu gewinnen. Dies dann aber bitte zu qualifizierten und qualifizierenden Bedingungen. Sicherlich gäbe es unter den Menschen, die gerade in großer Zahl zu uns gekommen sind und noch kommen werden, auch viele, die sich eine berufliche Tätigkeit in der Pflege vorstellen können. Dafür muss man diese Menschen dann aber auch entsprechend qualifizieren. Jeder Euro, den man dafür in die Hand nimmt bzw. nehmen würde, wird sich um ein Vielfaches auszahlen.

Man sollte aber auch so ehrlich sein, dass das nicht nur erhebliche vorlaufende Investitionen voraussetzen würde, sondern man braucht vor allem auch Zeit, denn das zentrale Nadelöhr gerade für die Menschen, die in der Pflege arbeiten wollen oder sich das vorstellen können, ist oftmals die deutsche Sprache, denn man arbeitet in der Pflege nicht an Maschinen oder anderen Dingen, sondern am und mit dem Menschen und da ist Kommunikation von zentraler Bedeutung. Und die deutsche Sprache ist keine einfache Sprache und nicht jeder ist sprachbegabt. Dann benötigt man Zeit und eine qualifizierte Begleitung der zukünftigen (potenziellen) Pflegekräfte, denn gerade auf ausreichend Sprachkompetenz muss gerade in solchen Bereichen wie er Pflege besonderer Wert gelegt werden - im beiderseitigen Interesse, sowohl der Pflegebedürftigen wie auch des Personals. Aber das verstärkt nur eine Einsicht: Jedes Jahr, jeder Monat und jeder Tag, den wir länger warten, durch umfassende Bildungsinvestitionen den Menschen, die zu uns gekommen sind bzw. das noch werden, und die auch prinzipiell in der Pflege arbeiten können und wollen, das zu ermöglichen, wird sich angesichts des in den meisten Fällen mehrjährigen Qualifikations- und Anpassungsprozesses bitter rächen. Statt aber dieses Thema systematisch anzugehen, verlässt man sich auf die mehr oder weniger durchdachten Suchbewegungen einzelner Heime oder Träger von solchen. Das kann mal klappen, oft aber auch nicht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ein sehr interessanter Beitrag, der verschiedenen Aspekte (Fachkräftebedarf , ethisch vertretbare Fachkräftegewinnung,brain drain,...)abdeckt.

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege wird voraussichtlich noch zunehmen mit der geplanten Pflegeausbildungsreform. Davon geht zumindest das Bundeswirrtschaftsministerium aus und fördert daher das Modellprojekt mit Vietnam zur Gewinnung von Altenpflegefachkräften aus Vietnam.

Die Pflegeausbildungsreform beinhaltet die Zusammenlegung der Altenpflege-, der Kranken- und Kinderkrankenpflege und führt damit faktisch zur Abschaffung der 3jährigen Fachausbildung zur Altenpflegefachkraft.

Wäre toll, sehr geehrter Prof. Sell, wenn Sie zu dieser Thematik auch was schreiben könnten?

Der Referentenentwurf zur Pflegeausbildungsreform wird diesen Sommer erscheinen. Der Arbeitsentwurf ist im Netz schon auffindbar.
Von Gesundheitsministerin Frau Steffen, NRW; liegen interesseante Hinweise vor http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/reform-pflege-100.html

(ältere Beiträge: Prof. Sahmel und Hr. Twenhöfel haben sich damit auch schon befasst und auf die ideologisch verminte Diskussion hingewiesen)
Anja


Stefan Sell hat gesagt…

Danke für die Kommentierung - und ja, ich werde in absehbarer Zeit was dazu schreiben. Das Thema liegt bei mir schon seit längerem und muss gut durchdacht werden. Denn es gibt zahlreiche Für und Wider abzuwägen, nicht nur, was die Frage der Inhalte der Pflegeausbildung angeht, was an sich schon schwierig ist, sondern auch, weil die bisherigen, getrennten Ausbildungsstrukturen zur Disposition gestellt werden (müssen), was angesichts des Gefälles zwischen der Altenpflege- und der Krankenpflegeausbildung ebenfalls durchdacht werden muss, will man nicht - möglicherweise völlig unbeabsichtigt - in einer schlechteren Situation landen als wir sie heute für einen Teil der Pflegekräfte haben. Ach, schon bin ich fast mittendrin in dem Artikel ;-) Er wird bald kommen.

Anonym hat gesagt…

Toll, danke, Herr Prof. Sell, ich bin gespannt.

Ein Argument noch gegen die generalistische Pflegeausbildung: Viele generalistisch ausgebildeten Pflegefachfrauen und -männer dürfte nach der Ausbildung in Krankenhäusern arbeiten wollen, da dort die Bezahlung deutlich besser (vgl. IAB Studie Januar 2015).
Dies hätte zur Folge, dass in Altenhilfeeinrichtungen weniger Fachkräfte zur Verfügung ständen und die 50% Fachkraftquote nicht mehr zu halten wäre. Die Pflegearbeit würde dann ganz überwiegend von Hilfskräften übernommen werden müssen (unter Anleitung einer Fachkraft). Dies dürfte dann auch kostengünstiger sein. So ginge allerdings der Altenhilfe Fachwissen und Professionalität verloren.

zu Ihrem Argument: Die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der Altenpflege- und Krankenpflegeausbildung wird von einer breiten Mehrheit der Experten getragen. Die Frage ist nur: wäre dies nicht auch im Rahmen einer integrierten Ausbildung möglich gewesen, in der angehende Alten- und Krankenpflegekräfte 1 oder 2 Jahre zusammen lernen und sich im 3. Ausbildungsjahr spezialisieren? In der geplanten Reform wird aber die Spezialisierung, die vermutlich von keinem bezweifelt wird, erst nach dem 3. Ausbildungsjahr, also dem Ausbildungsende stattfinden und dann wahrscheinlich auf Kosten der Pflegekräfte.

Und last but not least: Der Arbeitsentwurf zur geplanten Pflegeausbildungsreform stellt dermaßen hohe bürokratische Anforderungen an die Träger der praktischen Ausbildung, dass befürchtet werden muss, dass vor allem kleinere Einrichtungen und Dienste dies nicht mehr bewältigen können und sich aus dem Ausbildungsgeschehen zurückziehen. Diese Gefahr sieht ja Frau Steffen, Ministerin in NRW, insbesondere bei den ambulanten Dienste. Die Altenpflege dürfte mit ihrem durchschnittlich eher kleineren Einrichtungen generell viel stärker als das Krankenhauswesen betroffen sein.
Die Pflegeausbildungsreform birgt damit das Risiko, dass weniger anstatt mehr ausgebildet wird.
(Übrigens verzeichnet die Altenpflegeausbildung laut dem BiBB Bericht wie kein anderer Beruf im Gesundheitswesen - enorme Steigerungszahlen (zw. 2007/2008 und 2013/2014 : 52%!, siehe http://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/id/7661
Es darf bezweifelt werden, dass sich diese positive Entwicklung mit der Pflegeausbildungsreform fortschreiben wird, zumindest nicht im Bereich Altenhilfe

Freundliche Grüße, Anja K.

Anonym hat gesagt…

Der inoffizielle Arbeitsentwurf zu der generalistischen Ausbildungsreform kursiert seit Anfang Juni.
Man kann erwarten, das bald der Referentenentwurf folgt. Es ist also nur noch wenig Zeit, auf die kritischen Aspekte und Punkte der geplanten Reform hinzuweisen!!!

Im Bundestag haben jetzt einige Abgeordnete der Grünen die Einrichtung eines Runden Tisches sowie eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung zur Risikofolgenabschätzung gefordert http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/053/1805383.pdf

Hoffentlich wird das aufgegriffen!